Die internationale Forschungsvereinigung RAMICS organisiert eigentlich alle zwei Jahre einen großen Forschungskongress zu Komplementärwährungen, den einzigen weltweit: Im September 2019 fand der Vorletzte in Hida-Takayama in Japan statt (wir berichteten). Nur wenige Monate später brachte die Covid-Pandemie nicht nur unseren Veranstaltungskalender zum Stillstand. Die folgende  Konferenz war  damals bereits für den September 2021 angesetzt, aber schon bald zeichnete sich ab, dass dies nicht ohne Einschränkungen möglich sein würde. Um nicht durch ein reines Online-Programm auf persönliche Treffen unter Kollegen verzichten zu müssen, fand diese Konferenz schließlich erst im vergangenen Monat, vom 27.-29. Oktober 2022, in der bulgarischen Hauptstadt Sofia statt. 

Rossitsa Toncheva von der dortigen “University for National and World Economics” und das bulgarischen “Monetary Research Center” hatten bereits am Ende der Konferenz in Japan die Ausrichtung der Folgeveranstaltung an diesen Instituten angeboten, weil die Idee komplementärer Währungen in Bulgarien noch kaum bekannt ist. Dadurch war von vornherein klar, dass die Kombination aus Forschungskonferenz und einem Treffen von Aktivisten und Initiativen, die sich bei den fünf vorangegangenen RAMICS Kongressen als höchst inspirierend erwiesen hatte, diesmal schwerlich umsetzbar sein würde.

Außerdem bevorzugten immer noch viele der Wissenschaftler, die ihre Arbeiten für Präsentationen während der Konferenz eingereicht hatten, nicht persönlich nach Bulgarien zu reisen, sondern das während der Pandemie weithin praktizierte Format der virtuellen Vorträge wahrzunehmen.

Insgesamt wurden 52 Forschungsarbeiten und Erfahrungsberichte vorgestellt. 30 davon durch Teilnehmer in Sofia, die nicht nur aus Europa, sondern auch aus Brasilien, den USA, Japan und anderen Ländern angereist waren. Zusammen mit Interessierten aus Bulgarien und Studenten der Universität selbst waren damit knapp über 40 Teilnehmer im Publikum, zumindest während der hochkarätigen Keynotes und der Eröffnungsveranstaltung. 

Für die Online-Präsentationen während der ersten zwei Tage waren insgesamt 85 Teilnehmer registriert, die sich auf jeweils 4 parallele Sessions verteilten. Denn anders als bei anderen “hybriden” Veranstaltungen der letzten Jahre, wurde hier strikt zwischen online und “on-site” Sessions/Panels unterschieden. Dies bot denjenigen, die den Aufwand und das Risiko der Anreise auf sich genommen hatten, mehr Möglichkeiten für den kostbaren Austausches mit den Vortragenden vor Ort, ohne dabei durch die praktischen technischen Schwierigkeiten eingeschränkt zu sein, die ein Austausch mit online-Teilnehmern immer noch mit sich bringt. 

Sofia präsentierte sich in schönstem Herbstkleid

Auch wenn es insgesamt weniger Präsentationen als bei den vergangenen Kongressen gab, boten diese inhaltlich einen akutellen, interessanten und vielfältigen Einblick in die unterschiedlichsten Aspekte der Komplementärwährungs-Forschung (ein Zusammenstellung der Abstracts aller Präsentationen kann hier heruntergeladen werden). Ebenso reichte diese Zahl an Berichten aus, um den Eindruck, dass gemeinschaftsbasierte Komplementärwährungen in letzten Jahren weniger öffentliches Interesse finden (was man im deutschsprachigen Raum durchaus beobachten kann), durch die Zahlen und Entwicklungen aus vielen anderen Ländern zu widerlegen. Um nur ein paar wenige zu nennen: in Frankreich gibt es mittlerweile 82 Initiativen, die den deutschen Regiogeldern ähnlich sind. In Brasilien erfahren derartige Währungen nach wie vor sowohl durch die nationale Sozialpolitik als auch durch Engagement seitens der kommunalen Regierungen Förderung. In den USA und Kanada entwickeln sich auch langjährige Projekte wie Berkshares und Calgary Dollar beständig weiter und, inspiriert von positiven Beispielen aus Ostafrika, betreibt sogar die GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) momentan Modellprojekte mit Komplementärwährungen in Kamerun. 

Eine deutliche Neuerung der vergangenen Jahren schien die größere Verfügbarkeit von Transaktionsdaten und damit korrelierbaren demographischen und soziologischen Erhebungen zu sein. Dies kann durchaus als positiver Effekt der fortschreitenden Digitalisierung und der anderweitig oftmals wenig nachvollziehbaren Begeisterung für digitale Währungen gewertet werden. Zwar verwenden die wenigsten Projekte Blockchain-Protokolle für ihre Transaktionen, aber auch Projekte mit zentralen Datenbanken generieren Daten, die anonymisiert der Wissenschaft zur Verfügung stehen und analysiert werden können. Bisher dominierte dabei noch die Visualisierung und konzeptionelle Modellierung dessen, was sich in Komplementärwährungs-Neztwerken abspielt. Aber Ideen, wie sich daraus Anhaltspunkte für besseres Währungs-Design und Anreize für Nutzer ableiten lassen, klangen bereits in mehreren Arbeiten an. Ebenso ließ sich eine größere Aufmerksamkeit gegenüber Wirksamkeitsstudien und den dazu nötigen Datenerhebung beobachten – ein weiterer Forschungsaspekt, der gegenüber früheren Konferenzen deutlich an Profil und Aufmerksamkeit gewonnen hat. Auch wenn die Wirkung von Komplementärwährungen angesichts großer Herausforderungen wie der Corona-Pandemie und des globalen Klimawandels noch vergleichsweise klein und lokal begrenzt ist, zeichnet sich damit zumindest eine Reifung dieser Art der Geldreform-Bewegung ab, die auf zukünftige Entwicklungen hoffen läßt. 

 

Eröffnungsveranstaltung und Keynote Prof. Nikolay Nenovsky

Wie lang solche ideengeschichtlichen Entwicklungsprozesse brauchen, ließ sich auch an der Auswahl an Keynote-Vorträgen ablesen. Zum einen gab der bulgarische Ökonom und Zentralbanker Prof. Nikolay Nenovsky eine Überblick über die Geschichte der Finanz-Landschaft des Gastgeberlandes und des restlichen Balkans – einer Region in der Fragen von Euro-Beitritt und internationaler Verflechtung noch weitaus lebensnäher scheinen, als solche nach komplementären Währungen. Tatsächlich gibt es momentan in Bulgarien nur eine komplementäre Währungs-Initiative, die ihre Ideen und ersten Aktivitäten am dritten Tag der Konferenz vorstellte. 

Den zweiten Plenumsvortrag hielt Thomas Greco aus den USA, eingeladen wegen seines unermüdliches Engagement für “mutual credit” Systeme, und für viele ein Grundpfeiler des modernen KW-Gedankengutes. Bruno Theret als dritter Redner stellte wiederum einen detaillierten Vergleich zwischen den Wert-Theorien von Pierre-Joseph Proudhons (1809-1865) und John R. Commons (1862-1954) dar, die im 19. Und 20. Jahrhundert maßgeblich zu den Ideen genossenschaftlicher Finanz-Praktiken beigetragen haben und somit ebenfalls als Ahnen der modernen Geldreformbewegung gelten, wenn auch mit anderen Werkzeugen. Susanna Belmonte wiederum gab im letzten Plenumsvortrag mit aktuellen Beispielen aus Spanien und verschiedenen EU-Programmen zum Ausdruck wie komplementäre Wirtschafts- und Geldformen als Keimzellen für Lösungen von größeren gesellschaftlichen Fragestellungen dienen können. 

Dazu passte auch, dass mehrere Forschungsvorträge die Verbindung von komplementären Währungen als Träger und Beförderer eines bedingungslosen oder universellen Grundeinkommens sein können. Auch wenn die Datenlage in diesem Feld noch immer sehr gering – und ihre Interpretation teilweise fragwürdig ist – so zeigt dies zumindest, wie große Herausforderungen und kleinräumige experimentelle Herangehensweisen sich gegenseitig befruchten können. 

Verkaufstand der einzigen kompl. Währung Bulgariens auf einem Sonntagsmarkt in der Stadt

Das Integrieren von einzelnen Fallbeispielen und großen theoretischen Entwürfen war ein weiterer Forschungsstrang, der verschiedene Vorträge verband. So beschäftigten sich zum Beispiel die drei anwesenden Mitglieder des monneta-Expertennetzwerkes, Christian Gelleri, Jens Martignoni und Leander Bindewald, die Teilaspekte ihrer Dissertationen vortrugen, mit dem Zusammenspiel der Praxis komplementärer Währungen und ökonomischer Geldtheorie und wie beide durch einen jeweiligen Perspektivwechsel robuster gestaltet werden können. 

Jens Martignoni wurde außerdem in der RAMICS Mitgliederversammlung am letzten Tag der Konferenz ins Management Komitee von der Forschungsvereinigung gewählt und wird zusätzlich Georgina Gomez nach vielen verdienstvollen Jahren als Chefredakteurin des International Journals of Community Currency Research (IJCCR) ablösen. Wir gratulieren zu beiden Positionen und wünschen alles Gute!

Schließlich wurde die Organisation und Qualität des Zusammenspiels von lokalen und online Teilnehmern von vielen Teilnehmern während und nach der Konferenz gelobt. Und gerade falls die nächste Konferenz in zwei Jahren wieder außerhalb Europas stattfinden sollte (der nächste Veranstaltungsort ist bisher noch nicht beschlossen), kann die Option, Beiträge online vorzutragen, ein inklusiveres Angebot für diejenigen schaffen, die sich eine Reise nicht leisten können oder wollen. Aber gerade nach den vergangenen Jahren der Virtualität hoffen wir, dass bald wieder mehr und mehr der Wert des persönlichen Austausches in den Vordergrund rückt. Auch dafür steht monneta als Netzwerk-Organisation gerade für die Kompetenzträger im deutschsprachigen Raum, und dieses Anliegen bewegte uns auch als Mitorganisatoren des Kongresses in Bulgarien und als einziges institutionelles Mitglied von RAMICS. 

In diesem Sinne hoffen wir, viele unserer Kollegen, Freunde und Leser bald wieder persönlich zu treffen, beim RAMICS Kongress 2024, und vorher bei anderen Veranstaltung von und mit monneta. Mehr dazu in den kommenden Newslettern. 

Am kommenden Mittwoch, 16.11.2022 findet die nächste „Future of Fair Finance“ statt. Es werden dort die Ergebnisse des Projekts „turnaround money vor:
In vier Städten hat das Fair Finance Institute gemeinsam mit vielen Partnern und Partnerinnen im Laufe des letzten Jahres Vorschläge für „Lokale Aktionspläne Nachhaltigkeit Finanzieren“ erarbeitet: Mannheim, München, Ghent (Belgien) und Krizevci (Kroatien). Dabei steht die Frage im Vordergrund: Wie können durch Motivation, Bildung und Vernetzung vor Ort mehr Finanzen auch für mehr Umwelt-/Klimaschutz gewonnen werden?

Es wird zum Beispiel um Fortbildungen für Unternehmen gehen, um die Kommunikation von kommunalen Best Practice-Beispielen, um städtische Bonds für den Klimaschutz. Und es geht generell um eine systematische Verzahnung der Finanzierungsthemen, auch und gerade über kommunale Haushalte hinaus, mit den jeweiligen Nachhaltigkeitsstrategien vor Ort.

Am 16.11.2022 werden 

  • am Vormittag die Sustainable Finance Aktionspläne der 4 Modellkommunen vorgestellt und diskutiert (online und in Mannheim),
  • am Nachmittag die Ansätze des Aktionsplans für die Stadt Mannheim vertieft. Dieser Teil findet ausschließlich vor Ort in Mannheim statt.

Eine Anmeldung ist für Vor- oder Nachmittag sowie den gesamten Veranstaltungstag möglich.

Freue Sie sich auf hochrangige Vertreter:innen der Pilotstädte (u.a. den ersten Bürgermeister der Stadt Mannheim und den Kämmerer der Stadt München), auf Verteter:innen der EU-Kommission (Leiter des Bereichs Nachhaltige Finanzen in der Generaldirektion Finanzdienstleistungen) sowie des Bundesumweltministeriums (Leiterin des Referats „Nachhaltige Finanzen in der EU“) sowie viele weitere Beitragende.

Weitere Informationen zur Future of Fair Finance, die dankenswerter Weise u.a. wieder von der Sparkasse Rhein Neckar Nord unterstützt wird, sowie das aktuelle Programm finden Sie hier: https://www.future-of-fair-finance.de.

Melden Sie sich gerne bis zum 14.11.2022 kostenfrei hier an: https://eveeno.com/future-of-fair-finance2022

 

Warum die totale Digitalisierung des Geldes gefährlich ist

Nicht erst seit der Corona-Krise bezahlen immer mehr Menschen bargeldlos mit Karte oder App. Corona hat die Entwicklung deutlich beschleunigt. Nutznießer sind vor allem die großen IT-Unternehmen wie Amazon und Google und die Großen der Finanzindustrie, die unter dem Banner des Fortschritts schon seit Längerem die bargeldlose Gesellschaft propagieren. Der englische Finanzexperte und Aktivist Brett Scott zeigt, dass und wie Big Tech und Big Finance immer enger zusammenrücken und mithilfe der allgegenwärtigen digitalen Geräte ihre Macht über uns gefährlich ausbauen, zum Nachteil unserer Freiheit und Unabhängigkeit. Die augenöffnende Analyse durch »Cloudmoney« ist ein Weckruf, die als unausweichlicher Fortschritt dargestellte Welt des digitalen Gelds, nicht widerspruchslos hinzunehmen.

Das Buch ist am 07. September 2022 auf Deutsch erschienen und als Print sowie E-Book erhältlich.

Diese transdisziplinäre Arbeit entwickelt ein neues Unternehmensmodell für Genossenschaften: Die Vollgenossenschaft, die eine regional abgestützte, nachhaltige, klimaschonende und friedvolle Wirtschafts- und Lebensweise ermöglicht. Die Grundlagen werden aus dem Idealbild und der Praxis von historischen Vollgenossenschaften abgeleitet. Unter Einbezug von Organisationstheorie, Systemtheorie und monetären Theorien wird eine neue Organisationsform skizziert, die größere Widerstandskraft in der Bewahrung und Umsetzung der genossenschaftlichen Werte und Ziele entfalten könnte. Das Modell beinhaltet eine konsequente Zusammenführung von Produktion und Konsum, verwendet ein internes Währungssystem und fordert eine umfassende Partizipation seiner Mitglieder.

Die gesamte Dissertation ist kostenfrei aufrufbar unter diesem Link (CC-By-NC-ND)


Erschienen 2022
ISBN print: 978-3-8487-8516-2
ISBN online: 978-3-7489-3310-6

Handelt es sich hierbei, wie die Macher von Seeds behaupten, um eine „regenerative Kryptowährung“ oder um eine in Spiritualität getauchte Krypto-Spekulation?

Ein normales “Produkt-Unboxing” auf YouTube besteht aus zwei Teilen. Erstens untersucht die Person die Box und die Vision, die sie präsentiert. Zweitens öffnet sie die Schachtel, um die Realität zu enthüllen.

Wenn ich also “Unboxings” von Krypto-Token-Systemen mache, stehe ich vor einer einzigartigen Herausforderung, denn die Gründer solcher Systeme glauben oft, dass die äußere Verpackung und das Marketing ihrer Systeme (sozusagen die „Box“) entscheidend dafür ist, wie das Token-System im Inneren der Box zur Realität wird.

Wenn man die äußere Verpackung vieler Krypto-Projekte außer Acht lässt, bleibt oft etwas übrig, das sich recht leer anfühlt. Stellen Sie sich vor, Sie würden Bitcoin-Token begegnen, ohne zuerst den Namen „Bitcoin“ zu lesen, ohne Bilder von glänzenden Münzen oder das Logo zu sehen, oder ohne das Geschrei der Befürworter zu hören, die behauptet, diese Token seine X, Y oder Z. Was würden Sie sehen? Nun, Sie würden nur ein Computersystem zur Neuzuweisung einer begrenzten Anzahl von Nummern zwischen verschiedenen abstrakten Adressen sehen.

Dies ist nicht nur bei Bitcoin der Fall. Eine beträchtliche Anzahl von Krypto-Token-Systemen kann als „ein System zur Neuzuweisung einer begrenzten Anzahl von Nummern zwischen Adressen“ beschrieben werden. Im Laufe der Jahre sind Kryptosysteme immer komplexer geworden, vor allem durch die Einführung von Smart Contracts (Computer-Programme, die auf dem Blockchain-System gehostet und ausgelöst werden können), aber oft hält man Blanko-Token, die in der digitalen Welt eigentlich nur numerische Substantive sind (siehe mein Artikel “I, Token” – auf Englisch). Im Grunde hält man Nummern in limitierter Auflage “in der Hand” und nennt sie Tokens, aber es ist schwer, etwas für sie zu empfinden, wenn sie nicht in eine Geschichte verpackt und mit Farben, Logos und Ideen versehen sind.

Wenn ich ein Jagdmesser finde, zeigt mir allein das Spielen damit, was es kann. Es braucht keine externe Erzählung, und es wird nicht aufhören zu tun, was es tut, wenn man nicht an seine Schärfe glaubt. Krypto-Token-Projekte hingegen gehen oft davon aus, dass ihre Token von einer gemeinschaftlichen Geschichte getragen werden müssen, weshalb sie oft ebenso sehr in ihren Geschichten wie in ihrer Technologie konkurrieren. Einige Projekte präsentieren aggressive oder kriegerische Visionen, bei denen die Token-Inhaber dazu ermutigt werden, sich gegenseitig zu bekriegen und um einen sehr begrenzten Vorrat an Token zu kämpfen, während andere mit einer friedlichen Vision des Strebens nach einer besseren Welt aufwarten. Unabhängig von der Version hoffen sie alle, dass die Geschichte von Menschen aufgegriffen wird, die sie dann in ihre Spielmarken projiziert.

Diese Tendenz zu glauben, dass die „Box“ um die Token herum zu ihrer Realität beitragen wird, kann nicht von der Tatsache getrennt werden, dass viele Krypto-Projekte eine “Warenorientierung” in Bezug auf Geld haben, bei der Geld mit einer „Wertsubstanz“ gleichgesetzt wird. Sie stellen sich oft vor, dass eine Einheit digitalen Geldes ein positives Objekt ist, das durch einen Prozess der gemeinschaftlichen Verzauberung in eine fiktive Wertsubstanz verwandelt werden kann.

Diese Versuche, leere Kryptowährungen mit einer Geschichte zu ummanteln, gibt es inzwischen überall im politischen Spektrum. Faircoin zum Beispiel war ursprünglich nur ein Blanko-Token, der in ein radikal antikapitalistisches Branding gehüllt war, und ich habe linke Kommunen besucht, in denen Menschen sie allein in dem Glauben verwenden, dass sie ihn durch ihre Beharrlichkeit in einen Zustand der Geldwertigkeit bringen können.

Aber abgesehen von der Frage, ob es überhaupt möglich ist, diese Blanko-Marken als Grundlage für ein Geldsystem zu verwenden, gibt es eine noch dunklere Seite dieser Situation. Denn oft werden die Tokens von den Gründern oder Managern des Projekts gegen konventionelles Geld (Dollar, Euro, Pfund usw.) verkauft, was sie in der Regel damit begründen, dass sie das Geld für den Aufbau einer Infrastruktur verwenden werden, die später dabei helfen wird, die Blanko-Münzen in das Geld zu verwandeln, das sie sein sollen.

Aber während die Gründer vieler Krypto-Projekte alle Token an die Öffentlichkeit verkaufen, bestimmt die Geschichte, die sie erzählen, den Umfang der Prüfung die auf sie verwendet wird. Im Fall von aggressiv libertären Krypto-Projekten misstraut jeder jedem, und das kann eine Art von Disziplin für die Gründer schaffen, die ständig Gefahr laufen, als Betrüger bezeichnet zu werden. Bei utopisch geprägten Krypto-Projekten hingegen finden sich die Unterstützer unter dem Banner von Zusammenarbeit und Gemeinschaft zusammen, und die Hoffnung, die sie für eine bessere Welt hegen, kann dazu führen, dass sie den Gründern und ihren Geschichten weniger kritisch gegenüberstehen. Das erlaubt letzteren weitaus mehr Spielraum. Selbst wenn den Token-Inhabern nicht klar ist, wie sich das Projekt entwickeln wird und was die Token sind, halten sie womöglich  länger an ihrem guten Glauben fest.

Das ist es, was ich sehe, wenn ich die Teilnehmer bei SEEDS-Treffen beobachte.

 

Ich wurde im letzten Jahr auf SEEDS aufmerksam, weil viele meiner Hippie-Freunde anfingen, sie mir gegenüber zu erwähnen. Ich besuchte die SEEDS-Website und sah sehr schnell, dass sie einen Token (namens SEEDS) an spirituell orientierte Menschen verkaufen, die ein Gefühl der Verzweiflung gegenüber dem Standard-Kapitalismus empfinden und sich eine „bewusstere“ Gesellschaft wünschen. SEEDS vermarktet sich selbst als regenerative Kryptowährung, die helfen würde, die Ausbeutung der Umwelt zu stoppen und gleichzeitig eine „regenerative Renaissance“ zu unterstützen. Ein Blick auf die Website verriet mir, dass es sich bei dem Token um eine Form von Geld handelt und dass die Plattform auch regenerative Projekte finanzieren würde. Ich erkannte sofort, dass es sich um einen Kategorienfehler handeln müsse, und beschloss, ihn zu entwirren. Während ich dies schreibe (im November 2021), ist SEEDS immer noch aktiv, aber im Umbruch, so dass dieses Unboxing möglicherweise zu gegebener Zeit aktualisiert werden muss. Ich werde zunächst den ideologischen Hintergrund des Projekts beleuchten, bevor ich auf die technischen Aspekte eingehe. Abschließend werde ich auf die Probleme des Projekts eingehen, von denen viele auch für andere Krypto-Token-Projekte gelten.

 

Die äußere Verpackung von SEEDS

Es gibt mindestens drei verschiedene ideologische Traditionen, an die SEEDS mit ihrem Branding und dem Storytelling rund um seinen Token anknüpft. Die erste ist eine Vision der ökologischen und regenerativen Wirtschaft. Ein Großteil der SEEDS-Bilder und -Sprache basiert auf der Tiefenökologie: einer Philosophie, in der die Menschen ermutigt werden, in tiefer Harmonie mit der natürlichen Welt zu leben und ökologischen Mustern zu folgen, anstatt zu versuchen, sich aus dem Einklang mit ihnen herauszureißen. Wenn es im Standardkapitalismus um die zwanghafte und distanzlose Ausbeutung der Erde zum Zwecke des freudlosen Konsums geht, dann geht es in der ökologischen Ökonomie um den aufmerksamen Umgang mit unserer Umwelt, um das ganzheitliche Gedeihen sowohl der menschlichen als auch der nichtmenschlichen Welt. Das Streben nach einer „regenerativen“ Wirtschaft bedeutet, sich gegen den Standard des reinen Extraktivismus zu stellen.

Aber ökologisches Denken beschreibt die Marke SEEDS nicht vollständig. Es gibt viele bodenständige ökologische Praktiker (wie den verstorbenen Bill Mollison, den raubeinigen australischen Pionier der Permakultur), die sich von jeder New-Age-Kultur abwenden würden. Aber SEEDS versucht sehr wohl, die New-Wave-Spiritualität in seine Philosophie zu integrieren. Das zieht Menschen an, die sich für intentionale Gemeinschaften, psychedelische Erfahrungen, Meditation, Yoga und (nicht-westliche) indigene Weisheitstraditionen interessieren.

Schließlich greift SEEDS auf eine Ästhetik der Digitaltechnik zurück, insbesondere auf die Blockchain-Vision von dezentralen digitalen Infrastrukturen als das Betriebssystem einer neuen Welt. Es importiert Sprache aus der Kryptowelt (einschließlich solcher, die aus dem konservativen Libertarismus stammt) und verschmilzt sie mit der Sprache der ökologischen Regeneration und Spiritualität. Rein konservative, libertäre Krypto-Projekte sind besessen von einer hart kodierten „Vertrauenslosigkeit“. Aber SEEDS weicht davon ab und positioniert sich am progressiv-linken Ende des Krypto-Spektrums, indem es sich für eine dezentralisierte digitale Governance interessiert (in der alternative Management-Philosophien wie Soziokratie und Holokratie gedeihen und in der jeder ermutigt wird, an der Entscheidungsfindung mitzuwirken). Die Menschen sind eingeladen, sich als Mitglieder eines zusammenhängenden myzelartigen Netzwerks, eines Rhizoms, eines spirituellen Mandalas, oder als Samen einer regenerativen Renaissance zu fühlen.

Als ich die Online-Zoom-Calls der SEEDS-Gemeinschaft verfolgte, erlebte ich, wie sie sich das Verblassen der „alten Welt“ vorstellten, die mit der Ausplünderung der Erde verbunden war. Und das Aufblühen einer neuen Welt, die von Menschen mit einem neuen Bewusstsein getragen wird welches der Ganzheitlichkeit und „Herz-Zentriertheit“ Vorrang vor der Kommerzialisierung, der Klugheit und Kopf-Zentriertheit einräumt.

SEEDS sieht sich nicht in der Tradition eines linken Aktivismus, bei dem sich Aktivisten in einen anstrengenden und entbehrungsreichen Kampf gegen die Mächte der kapitalistischen Finsternis stürzen und sich dabei ggf aufreiben. Bei SEEDS geht es vielmehr um Wohlbefinden und Selbstfürsorge, und ihre Treffen sind voll von Menschen, die eine New-Age-Sprache wie „Sensing“, „Presencing“ und „Holding Space“ dafür verwenden um darüber zu sprechen wie sie sich fühlen. Ein SEEDS-Treffen kann damit beginnen, dass die Mitglieder zu einer Meditation angeleitet werden, in der sie ermutigt werden, sich eine neue Welt des Überflusses vorzustellen, in der das Teilen und Schenken über die Mentalität des Wettbewerbs triumphiert. Sie verwenden auch häufig das Wort „schön“, was wie eine Anspielung auf Charles Eisensteins Buch “The More Beautiful World Our Hearts Know Is Possible” wirkt. Alles in allem geht es nicht um einen Kampf gegen das System. Die alte Welt erscheint wie eine Raupe, in der sie sich einen Kokon bauen, um darin die Verkörperung einer neuen Wirtschaft zu werden – ein wunderschöner Schmetterling.

Dennoch ist das Projekt nicht ohne ein gewisses aktivistisches Element. SEEDS-Gründer Rieki Cordon verwendet Begriffe aus dem Hacker-Milieu, wenn er sich vorstellt, wie der Übergang zu einer neuen Welt beschleunigt werden kann, indem man sich die Kräfte der alten Welt zunutze macht. Genauer gesagt, haben Rieki und sein Team die Tatsache erkannt, dass eine enorme Menge an spekulativem Kapital derzeit hinter Krypto-Assets her ist. Er spricht davon, „den Schwung der Kryptowelt aufzugreifen“ und ihn als eine Art Brücke zum Neuen zu nutzen.

 

Die drei Gruppen

Was genau ist SEEDS also? Das Projekt hat eine sehr starke Ästhetik und eine bewundernswert starke Gemeinschaft, die es umgibt, aber es ist auch sehr verwirrend und bringt echte Spannungen mit sich. Ihr Einführungsvideo versucht das alles zu erklären, aber schafft das eigentlich nicht.

 

Im Folgenden werde ich also beschreiben, was ich im SEEDS-Ökosystem gesehen habe. Aber ich werde meine eigene Reihenfolge und Terminologie verwenden, weil die Art und Weise, wie die Gründer das Projekt beschreiben, oft vage und widersprüchlich sein kann. Zunächst müssen Sie wissen, dass das SEEDS-Ökosystem in drei Hauptgruppen mit miteinander verbundenen Rollen unterteilt ist.

 

Gruppe 1: Die Gründer/Manager, die den Token gegen Geld verkaufen

Das Projekt wurde 2017 von (soweit ich weiß) Rieki Cordon gestartet, und das Hauptteam läuft unter dem Namen Hypha. Rieki bezeichnet sich nicht gerne als Anführer, aber er wird eindeutig als solcher gesehen, und er und das Hypha-Team nehmen eine aktive Rolle beim Aufbau des Netzwerks ein. Ihre wichtigste anfängliche Aktion bestand darin, einen Blanko-Token namens Seeds zu erstellen, ihn als „regenerative Kryptowährung“ zu brandmarken und ihn nur auf Einladung an sympathisierende Mitglieder der Öffentlichkeit für Geld wie Dollar zu verkaufen (sie verkaufen ihn auch für BTC, aber die werden sie dann wohl für Dollar verkauft haben). Seitdem zahlen sie sich damit selbst auch ein Gehalt aus, während sie eine Infrastruktur für den SEEDS-Token aufbauen (z. B. eine iPhone-App usw.).

Die Mitglieder der Öffentlichkeit, die die Token kaufen, werden anschließend als „Bürger“ bezeichnet, und sie erhalten ein Stimmrecht, um eine gewisse Kontrolle über die Gründer/Manager auszuüben. Im Einklang mit dem Bild der radikalen Demokratie möchte Hypha nicht als die dominierende Partei innerhalb von SEEDS gesehen werden, sondern bezeichnet sich selbst als „von den Bürgern von SEEDs angeheuert, um Werkzeuge für sie zu bauen“. Dies ist vor allem ein Wunschdenken, denn viele der Bürger verstehen das System nicht und haben die Token nur gekauft, weil sie vom Hypha-Team dazu ermutigt wurden. Dennoch möchte Rieki, dass die Bürger Hypha als einen reinen Auftragnehmer betrachten, der für sie arbeitet.

Steigen wir ein wenig tiefer in die Materie ein. Die genaue technische Struktur ist für unsere Zwecke eher irrelevant, aber hier ist eine grobe Annäherung:

  • Das Hypha-Managementteam nutzte ein Blockchain-System namens EOS, um 3.141.592.653 Blanko-Token zu prägen. Sie bezeichneten diese als „Seeds“.
  • Diese Token wurden zunächst einigen wenigen (Hypha-)Adressen im System zugeordnet. Stellen Sie sich diese Adressen als verschiedene digitale „Lagerhäuser“ vor, in denen das Team die Token aufbewahrt. Ein paar Lagerhäuser sind verschlossen und warten darauf, zu einem späteren Zeitpunkt geöffnet zu werden, während zwei offen sind:
  • Das erste offene Lagerhaus enthält 5% aller Token, die nach und nach an Mitglieder der Öffentlichkeit verkauft werden, um Geld für das Hypha-Team zu sammeln.
  • Die Token aus diesem Lager werden regelmäßig an einen “intelligenten Vertrag” übertragen (man kann sich das wie einen digitalen Verkaufsautomaten vorstellen), der sie an die Öffentlichkeit verkauft.
  • Der Erlös aus diesen Verkäufen geht an das Hypha-Team, aber es gibt Regeln dafür, wie viele Token das Team verkaufen kann und zu welchen Bedingungen: Sie verkaufen sie in Chargen von 1,25% und dürfen die nächste Charge nur verkaufen, wenn sie bestimmte Entwicklungsmeilensteine erreichen (z. B. die Entwicklung der App). Das bedeutet, dass sie sich gegenüber den Bürgern beweisen müssen, bevor sie die nächste Charge für mehr Geld verkaufen dürfen.
  • Der Verkaufsautomat wird streng kontrolliert und funktioniert derzeit nur auf Einladung. Das Team legt den Preis fest, zu dem die Token verkauft werden (es behauptet, eine Methode dafür zu haben, was die Token kosten sollten), und hat frühere Chargen von Token an frühe Käufer viel billiger verkauft als spätere Chargen, um Anreize zu schaffen, sich früh zu beteiligen.
  • Im zweiten bereits geöffneten Lagerhaus befinden sich 35% aller Token, die nach und nach an regenerative Projekte (wie Biobauernhöfe, Aufforstungsinitiativen usw.) verteilt werden. Die Bürger stimmen darüber ab, an wen wieviel verteilt wird.
  • Die verschlossenen Lagerhäuser haben unterschiedliche Zwecke. In einem werden 20% der Token als eine Art Bonus für Hypha aufbewahrt, unter der Bedingung, dass sie alle Etappenziele erreichen. In einem anderen werden 12% für Verbündete des Projekts aufbewahrt, und in einem weiteren werden 8% an „Botschafter“ vergeben, die weitere Menschen für das Projekt gewinnen. Ein weiteres hält die verbleibenden 20% aller Token als eine Art Stabilisierungsfonds für zukünftige Maßnahmen.

Die gesperrten Konten sollten nach dem sogenannten „Go Live“-Ereignis, das für Ende 2021 geplant war, freigegeben werden. Die Phase von SEEDS auf die sich dieser Artikel bezieht ist also „pre Go Live“ (zum aktuellen Status siehe joinseeds.earth).

 

Gruppe 2: Die Bürger, die Token (aus dem ersten Lager) gegen Geld kaufen

Personen, die Seeds-Token kaufen, werden „Bürger“ genannt. Sie halten dadurch einen Anteil am SEEDS-Netzwerk und damit auch ein Stimmrecht, mit dem sie die Handlungen der Gründer/Manager einschränken oder steuern können. Rieki und die anderen Manager werden also technisch von den Bürgern kontrolliert (haben aber in Wirklichkeit viel mehr technisches Know-how und damit mehr politische Macht im System).

Der Token ist übertragbar und hat einen Preis (der allerdings auf sehr undurchsichtige Weise festgelegt wird). Das bedeutet, dass er Tauschobjekt verwendet werden kann, und in dieser Eigenschaft oberflächlich betrachtet wie Geld aussieht. In Wirklichkeit handelt es sich aber um ein digitales Sammlerobjekt, das als Zugangsberechtigung zu einem Netzwerk zukünftiger Projekte der regenerativen Wirtschaft angesehen werden kann.

Sobald Sie ein Bürger von SEEDS geworden sind, gibt es eine ganze Reihe von spielerischen Anreizen, die Sie dazu bringen sollen, als Botschafter für das System zu werben, um neue Leute an Bord zu bringen. Für fast alles, was Sie im System tun, können Sie Punkte sammeln, und diese Punkte können dazu führen, dass Ihnen neue Token aus dem Botschafter.Lagerhaus zugewiesen werden.

Die Bürgerinnen und Bürger von SEEDS haben die Möglichkeit, an einer Reihe von Steuerungs- und Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Dazu gehört auch die Entscheidung, ob das Hauptteam die Meilenstein-Bedingungen erfüllt hat, um die nächste Charge von Token für sich freizuschalten, die für mehr Geld verkauft werden können. Die vielleicht bemerkenswerteste Errungenschaft war, dass sie sich dafür einsetzten, dass das Managementteam über die ursprünglichen “Hypha” hinaus erweitert wurde. Zuvor gab es andere Quasi-Management-Gruppen, darunter eine mit dem Namen Samara, die zum Ökosystem beitrugen, aber nicht bezahlt wurden, so dass jüngste Vorschläge darauf abzielten, diese auf die gleiche Weise wie Hypha zu bezahlen. Bei den jüngsten Diskussionen ging es darum, ob sich diese unterschiedlichen Verwaltungsgruppen in einer quasi wettbewerbsfähigen, quasi-kooperativen Dachorganisation namens SEEDS Commons zusammenschließen sollten, die den bereits erwähnten Automaten, über den Hypha früher die alleinige Kontrolle hatte, übernehmen soll.

Die Bürgerinnen und Bürger entscheiden auch darüber, welche lokalen Projekte Zuschüsse in Form von SEEDS-Tokens erhalten. Wenden wir uns nun diesem Teil des Systems zu.

 

Gruppe 3: Projekte, die sich um Token-Zuschüsse bewerben

Wenn Sie eine Person sind, die ein Projekt betreibt, das den Werten der SEEDS-Plattform entspricht (z. B. ein Bio-Bauernhof, eine Aufforstungsinitiative oder ein psychedelisches Retreat-Zentrum), können Sie eine Zuteilung von Seeds-Token beantragen. Die Bürgerinnen und Bürger von SEEDS sehen eine Liste dieser Vorschläge auf der App und haben das Recht, für die Projekte zu stimmen, die ihnen gefallen. In regelmäßigen Abständen erhalten die Projekte mit den meisten Stimmen dann die beantragten Token.

Trotz der Rhetorik, dass Seeds eine Währung ist, die zur „Finanzierung“ dieser Projekte verwendet wird, wird dieser Prozess doch von der Dynamik des Tauschhandels bestimmt: Bei der Entscheidung, wie viele Seeds-Token man beantragt, nehmen die Projekte den gewünschten Dollar-Betrag und rechnen ihn über den aktuellen Seeds-Preis in eine entsprechende Anzahl von Token um. Nachdem sie die Token-Zuteilung erhalten haben, müssen sie dann versuchen, diese für die Dollar (oder eine andere Landeswährung) zu verkaufen, die sie für den weiteren Betrieb ihrer Projekte benötigen. Deutlicher gesagt: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein Unternehmen, das Bewässerungsrohre an einen Biobauern verkauft, Seeds-Token als Zahlungsmittel akzeptiert, vor allem wenn es diese Rohre wahrscheinlich von einem globalen Hersteller bezieht, der Metall von Megakonzernen wie ArcelorMittal kauft. Seeds Token sind also nur sehr begrenzt als direktes Zahlungsmittel einsetzbar.

Das SEEDS-Team möchte, dass die Plattform ein „globales Koordinierungssystem für die wirtschaftliche Regeneration“ wird. Theoretisch soll sich das Netzwerk in Zukunft selbst tragen, indem Menschen, die regenerative Projekte betreiben, ihre Seeds-Token verwenden können, um Dienstleistungen (oder Bewässerungsrohre) von anderen Bürgern zu erhalten, anstatt sie in Dollar umtauschen zu müssen, um dann wiederum Dinge in der normalen kapitalistischen Wirtschaft zu kaufen. Lassen Sie uns nun, von dieser Beschreibung ausgehend, die Probleme diskutieren, die ich dabei sehe.

 

Problem 1: Was ist die Grundlage für die Bewertung der Token?

Eines der chaotischsten Elemente des SEEDS-Systems ist die Tatsache, dass Projekte, die Token zur Unterstützung ihrer Projekte zugeteilt bekommen, die Token verkaufen müssen, es aber keine klare Möglichkeit, den Preis zu vorab zu kennen oder zu wissen, warum er gerade so ist, wie er ist. In der Telegram-Gruppe von Seeds gibt es eine Reihe von Leuten, die versuchen, ihre Token zu unterschiedlichen Preisen an andere zu verkaufen – während die Gründer versuchen, den Preis zu regulieren, damit sie weiterhin Token aus ihrem Automaten gewinnbringend verkaufen können und nicht von einem „Schwarzmarkt“ für Token untergraben werden. (Stellen Sie sich vor, Sie nähern sich dem Automaten, um die Token zum offiziellen Preis zu kaufen, werden dann aber von einem leicht verzweifelten Token-Inhaber abgefangen, der versucht, Ihnen seine Token billiger zu verkaufen).

Hier im Bild, ein reales Beispiel für diesen Vorgang aus der “Seeds-Swap” Telegram-Gruppe.

Das Hypha-Team kann zwar den Preis diktieren, zu dem die Token aus den digitalen Automaten verkauft werden können, hat dafür aber eine sehr undurchsichtige Methode. Doch sobald die Bürger Token erworben haben, wollen sie nicht unbedingt vom Team vorgegeben bekommen, wie hoch der Preis auf dem Sekundärmarkt sein soll. Entsprechend ist eine der Debatten, die in der SEEDS-Telegramgruppe geführt wird, ob der Token-Preis, den Hypha (zum Beispiel auf ihrer Website) angibt, besser auf einem offenen Markt abhängig von der Nachfrage bestimmt werden sollte.

In Wirklichkeit wissen weder „der Markt“ noch das Hypha-Team, was die Token letztendlich wert seien, da es sich um etwas handelt, das ich Blanko-Token nenne, und die sich als solche jeder formalen Bewertungsanalyse entziehen. Die Inhaber von Seeds-Token können diese untereinander weitergeben, aber es gibt im SEEDS-Netzwerk noch keinen Dienst, der erklären könnte, warum das sinnvoll wäre. Wenn es bestimmte Dinge gäbe, die es nur im SEEDS-Netzwerk gibt und auf die anderswo nicht zugegriffen werden kann, dann könnte der Token vielleicht als Zugangs-Token für diese Dinge angesehen werden. Aber das ist nicht der Fall.

Hypha versucht, die Token als Utility-Token zu charakterisieren, die eines Tages eine nicht zirkuläre Verwendung im Netzwerk haben werden. Ich sage „nicht-zirkulär“, weil es in bestimmten Krypto-Gruppen eine Tendenz gibt, zu behaupten, dass eine „Verwendung“ ihrer Token darin besteht, Gebühren für die Bewegung ihrer Token zu erheben. Um beispielsweise Bitcoin-Token von einer Adresse zu einer anderen im Bitcoin-Netzwerk zu bewegen, muss man einen kleinen Teil davon als Gebühren an Miner abgeben, und man könnte versuchen, dies als „Verwendung“ der Token zu bezeichnet. Diese Argumentation ist natürlich augenfällig genauso zirkulär, als wenn jemand behauptet, dass US-Dollar eben darum nützlich sein, weil sie zur Begleichung von Gebühren verwendet werden können, die bei der Überweisung anderer US-Dollar anfallen.

In Wirklichkeit scheint es so zu sein, dass die Nachfrage nach den Token entweder von Leuten kommt, die im Kryptowahn gefangen sind (die fast alles kaufen, was wie ein spekulativer Token aussieht), oder solchen, die einfach ihre Unterstützung für die regenerative Renaissance signalisieren wollen. Aber wenn ich regenerative Projekte unterstützen möchte, könnte ich ihnen auch einfach direkt meine Dollars spenden. Warum sollte ich diese selben Dollars dazu verwenden, um erst Seeds-Token vom Hypha-Managementteam zu kaufen, damit das Hypha-Team ein Netzwerk aufbauen kann, um die Seeds-Token hin und her zu bewegen, während der Token selbst für ein Projekt keinen direkten Zugang zu bestimmten regenerativen Dienstleistungen bietet? Momentan kann man nur von einer schwachen symbolischen Verbindung zwischen dem Kauf des Tokens und dem Ziel der Unterstützung einer regenerativen Wirtschaft sprechen.

 

Problem 2: Die Verwechslung von Finanzen und Geld

Es ist sehr auffällig, dass verschiedene Bürger von SEEDS nicht genau zu wissen scheinen, was genau sie besitzen, und dass die im System verwendete Sprache teilweise dafür verantwortlich ist. Insbesondere das Hypha-Team wechselt ständig zwischen verschiedenen Beschreibungen des Systems:

  • Ein Geldsystem, das auf eine regenerative Währung beruht, oder
  • eine Art Finanzsystem zur Finanzierung regenerativer Projekte.

Hier besteht eine große Spannung, denn normalerweise bedeuten Begriffe wie „finanzieren“ oder „finanzieren“ „Geld beschaffen“ (man denke an Sätze wie „wie sollen wir dieses Projekt finanzieren?“), und traditionell wendet man sich dazu nicht einem neuen „Geldsystem“ zu. Vielmehr wenden Sie sich an Finanzinvestoren, die Ihnen konventionelles Geld geben (das Sie sofort für den Kauf von Waren und Dienstleistungen verwenden können, die für den Start Ihres Unternehmens erforderlich sind). Im Gegenzug erhalten sie dafür Finanzverträge wie Aktien oder Anleihen, die das Anrecht auf künftige Gelderträge aus Ihrem Unternehmen einräumen. Bei Finanzverträgen und Aktien geht es um Geld, aber sie sind nicht dasselbe wie Geld.

Diese einfache Unterscheidung zwischen Geldsystem und Finanzsystem ist trotz möglicher Überschneidungen zulässig, denn es gibt zwar Finanzinstitutionen (wie Geschäfts- und Zentralbanken), bei denen die Schaffung von Finanzverträgen gleichzeitig auch neues Geld erschafft, aber viele Finanzinvestoren können dies eben nicht: Wie ein Künstler, der Farbe verwendet, ohne gleich die Farbenindustrie zu kontrollieren, lenken Institutionen wie Hedgefonds, Risikokapitalfonds, Private-Equity-Fonds und Pensionsfonds über kreative Finanzverträge nur bereits existierendes Geld weiter, ohne jedoch das zugrunde liegende Geldsystem zu kontrollieren.

Die Behauptung eines Krypto-Projekts, es baue ein System auf, das gleichzeitig als neues Geldsystem und als neues Finanzsystem fungiert, ist daher umstritten. Diese Behauptung aufzustellen, wäre nachvollziehbar, wenn es sich um Kreditgeld handelt, aber die meisten Krypto-Projekte operieren ausschließlich mit „warenähnlichen“ Blanko-Tokens. Was ist da also los?

Nun, SEEDS hängt sich an einen dominanten Trend der Kryptowelt an, der darauf  hinausläuft, Quasi-Finanzinstrumente (die zur Geldbeschaffung verwendet werden) als „Geld“ zu bezeichnen, und zwar aufgrund der Tatsache, dass sie verkauft werden können. Das Team verkauft den Token de facto, um Dollars für sich selbst zu beschaffen. Dies führt dazu, dass der Token wie eine Art Aktie aussieht, wenngleich ohne jegliche Rechtsansprüche. Gleichzeitig fühlen sich diejenigen, die ihn kaufen, als Investoren, die sich um den Wiederverkaufswert ihrer Investition sorgen. Wie ich bereits in meinem letzten Artikel beschrieben habe (siehe hier, nur für Abonnenten, auf Englisch), bedeutet die Tatsache, dass dieses Objekt 1. einen Preis hat, 2. bewegt werden kann, 3. nur sehr wenige Eigenschaften hat und 4. als „Geld“ vermarktet wird, dass es gut darin ist, sich an unserem Entdeckungsradar für Tauschhandel-Vorgänge vorbeizuschleichen.

Wenn SEEDS sagt, dass das System die Regeneration mit einer neuen „Währung“ „finanzieren“ wird, heißt das in Wirklichkeit: „Wir haben gegenläufige spekulative digitale Objekte mit einem Dollarpreis geschaffen und werden sie an Regenerationsprojekte weitergeben“.

So wie es aussieht, sehen sich die Token-Inhaber in diesem System zur Hälfte als Investoren, die eine Art langfristiges Finanzinstrument halten, und zur Hälfte als Geldbesitzer, die einen kurzfristig übertragbaren Geld-Token halten. Diese Dissonanz wird nicht offen zugegeben, sondern eher damit erklärt, dass es sich bei dem Token um eine Art radikal innovatives Hybridprodukt oder einen sogenannten „Utility Token“ handelt.

 

Problem 3: Transparenz beim Reiten auf der Kryptowelle

Faircoin war das erste der linksgerichteten Projekte, das offen darüber sprach, die spekulative Kryptowelle auszunutzen, um Dollar für linke Projekte zu sammeln. Auch das SEEDS-Team deutet dies an. Es gibt einen rasanten Spekulationsmarkt für Krypto-Tokens im Allgemeinen, und Rieki deutet manchmal die Idee an, dass SEEDS den Krypto-Hype nutzt, um Dollar für Regenerationsprojekte zu sammeln (oder, genauer gesagt, um Tokens an Projekte zu geben, damit diese sich dafür Dollars besorgen können). Wenn der Spätkapitalismus große Mengen von Geld in den Kauf von Krypto-Assets leitet, egal was diese repräsentieren, warum dann nicht auch „regenerative Krypto-Tokens“ herausgeben, um etwas davon abzufangen?

Dennoch scheuen sich die Macher davor, das Projekt vollständig in diesem Sinne zu charakterisieren. Es ist fast so, als ob sie zur Hälfte die spekulative Energie einfangen und zur Hälfte die Idee aufrechterhalten wollen, dass der Seeds-Token schließlich zu einer Art zweckgebundenem Gutschein für Dienstleistungen innerhalb des SEEDS-Ökosystems wird. Sie nutzen diese beiden Positionen, um die Bürger an Bord zu halten: Sie werden Geld verdienen (aka. Dollars), aber sie werden schließlich auch regenerative Dienstleistungen erhalten.

Dies bringt die Bürger in eine merkwürdige und zwiespältige Lage. Im Moment sind die Hauptnutznießer wahrscheinlich die Mitglieder des Hypha-Team, das seit ein paar Jahren von den Erlösen aus ihren Token-Verkäufen leben kann. Sie haben in dieser Zeit sicherlich einiges aufgebaut, aber wir sollten nicht um den heißen Brei herumreden: Rieki und sein Team haben die Spekulationswut der Kryptowelt erkannt und proaktiv einen Token geschaffen, um sich damit Geld zu beschaffen. Das allerdings ohne einen belastbaren Plan dafür zu haben, wie sich das System entwickeln wird, während sie versuchen, die Zeit zu überbrücken, indem sie einen (etwas wackeligen) dezentralen Governance-Prozess schaffen, der die Bürger als diejenigen auszeichnet, die die Kontrolle haben.

Wenn Sie durch die SEEDS-Telegramgruppe scrollen oder die Treffen verfolgen, werden Sie feststellen, dass einige Bürger sich selbst als Quasi-Spekulanten sehen, während andere sich selbst als Spender für ein Team sehen, welches ein Bezahlsystem für spekulative Token aufbaut. Dies alles während die meisten daran glauben, dass der Token schließlich zu einer Art „Geld“ wird, das nur für gute Zwecke verwendet werden kann (obwohl es keinen Grund gibt, warum ein bewegliches digitales Objekt mit einem Preis nicht beispielsweise gegen ein Fass Öl oder eine Waffe eingetauscht werden kann). Nur wenige haben den Eindruck, dass sie die zukünftige Richtung dieser Entwicklung bestimmen können, und genau diese Unklarheit führt zu den unvereinbaren Visionen darüber, wohin das Projekt gehen soll.

 

Problem 4: Die Unaussprechlichkeit von leeren Token

Eine der Möglichkeiten, wie das Team mit dieser Unbestimmtheit umgeht, besteht darin, in den Bereich des Mystischen abzugleiten, was erstaunlich einfach ist, wenn man den Menschen neben der Warenorientierung des Geldes auch gleich Blanko-Wertmarken präsentiert. Die SEEDS-Gemeinschaft muss, wie viele Krypto-Gemeinschaften, daran glauben, dass ihr Blanko-Token durch Annahmen und Glauben in eine fiktive Wertsubstanz verwandelt wird. Aber sie verlassen sich dabei – wie viele andere Krypto-Gemeinschaften auch – auf eine eigenartige Wendung: Sie stellen sich ihre Token als zunächst leere Gefäße vor, die nach und nach den Wert des US-Dollars “aufnehmen” werden.

In der Tat verwenden Rieki und die anderen häufig den Begriff „Wert“, wenn es um US-Dollar (oder andere nationale Währungen) geht, und verwenden Ausdrücke wie:

  • “Wert in das System einbringen“, um den Kauf des Seeds-Tokens mit konventionellem Geld zu umschreiben,
  • “Wert aus dem System herausziehen“ in Bezug auf Menschen, die ihre Seeds-Token gegen Geld verkaufen,
  • “Wert-Eroberung“ für jeden Prozess, durch den der Token im Preis steigt.

Diese Sprache beruht zum einen auf einer Warenorientierung des Dollars, der als Wertsubstanz betrachtet wird, und zum anderen auf der Vorstellung, dass die Tokens von Seeds diesen Wert irgendwie ebenfalls erfassen und „speichern“ können. Der Dollarpreis ist angeblich der Beweis für diese „Speicherung“, wird aber – in einer ironischen Wendung – auch benutzt, um zu zeigen, wie die eigenen Token besser sind als der Dollar.

Zusätzlich zu den oben gezeigten Ausdrücken sagt Rieki zum Beispiel auch Dinge wie: „Eines der Dinge, die die Akzeptanz von Seeds im Moment vorantreiben, ist, dass der Dollar an Wert verliert, während Seeds an Wert gewinnt“, obwohl sein Maßstab für die „Wertsteigerung“ von Seeds eben darin besteht, dass sie einen Dollarpreis haben. Eines der zweifelhaftesten sprachlichen Wendungen stammt ausgerechnet aus ihrem “Token Economics Paper” selbst. Es zeigt eine Grafik, die den Dollar im Abwärtstrend zeigt, während Krypto-Vermögenswerte in einem Aufwärtstrend sind – scheinbar ohne sich der Tatsache bewusst zu sein, dass sich der „Aufwärtstrend“ von Krypto-Vermögenswerten allein in Bezug auf genau das Geld beschreiben läßt, das sie im Abwärtstrend sehen.

Wir haben es hier mit einer ganzen Verstrickung von Kategorienfehlern zu tun, aber lassen Sie uns ein wenig herauszoomen. Zunächst einmal sind diese Token eben kein Geld, das mit dem Dollar verglichen werden kann. Es handelt sich vielmehr um Tauscheinheiten, die in Dollar bewertet werden. Zweitens ist jede Formulierung, die impliziert, dass Krypto-Tokens den Wert des US-Dollars „halten“ oder „speichern“, eben jene Art von Verklärung, die für die Warenorientierung des Geldes typisch ist (siehe einen weitere meiner Artikel zu diesem Thema, auf Englisch). Die Tatsache, dass Menschen Geld verwenden, um einen spekulativen Token zu kaufen, bedeutet nicht, dass ein „Wert“ in das System einfließt. Wie ich in einem weiteren Artikel erörtert habe, handelt es sich bei “Wert” vielmehr um tatsächliche Waren und Dienstleistungen, die in einer Wirtschaft produziert werden, und es ist durchaus möglich, dass ein System ganz ohne tatsächlichen Wert, aber voller Spekulationskapital existiert. Bei SEEDS handelt es sich um ein Spekulationsobjekt mit einem variablen Dollarpreis. Mehr nicht.

Das ist leicht zu erkennen, wenn man es mit einem Projekt vergleicht, das ein Objekt mit bestimmten Eigenschaften repräsentiert, wie ein Stück Ackerland oder eine seltene Briefmarke. Einem Blanko-Token jedoch fehlt solch ein „Rückgrat“, das dann mit dem Dollar verglichen werden kann, so dass es schnell zu einer Verwechslung mit seinem Dollarpreis kommen kann. Wie ich in “I, Token” erläutert habe, sind digitale Blanko-Token buchstäblich numerische Substantive – ausgeschriebene Zahlen -, die auf nichts anderes verweisen als auf sich selbst. Es gibt keinen Ankerpunkt, von dem aus sie im Verhältnis zu anderen Dingen gesehen werden könnten. 10.000 Krypto-„Token“ sind buchstäblich nur die Zahl 10.000, die in einem bestimmten System ausgeschrieben wird, und so ist die Frage, ob 10.000 Token ein Brot oder einen Ferrari wert sind, konzeptionell gleichbedeutend mit der Frage, ob die Zahl 10.000 ein Brot oder einen Ferrari wert ist. Wenn Sie keinen Bezugspunkt für diese Zahl haben, sagt sie Ihnen rein gar nichts über Brot oder Ferraris.

Die einzige Möglichkeit, diese Leere zu überwinden, besteht darin, auf die begrenzte Zahl der Token zu verweisen, in der Hoffnung, dass ein quantitativer Vergleich zwischen den Token und den realen Dingen möglich wird. In Wirklichkeit aber erzeugen leere Token lediglich ein Gefühl des Unbeschreiblichen, ein Gefühl von etwas Namenlosem, das in ihrem Zentrum liegt und das nur angedeutet, aber nie definiert werden kann.

“Unbeschreiblich“ bezieht sich dabei auf jenen Punkt des menschlichen Bewusstseins, an dem der Verstand nicht weiter projizieren kann. Es ist das Gefühl, das man bekommt, wenn man aufgefordert wird, sich vorzustellen, was jenseits von Zeit und Raum liegt. Es ist ein Punkt der Überlastung, an dem die Beschreibung aufhört zu funktionieren, und das ist es, was passiert, wenn den Menschen gesagt wird, dass sie leere Zeichen in eine Substanz von Wert verwandeln sollen, ohne dass sie eine Grundlage dafür haben. Man versucht, etwas festzulegen, das sich im Grunde genommen nicht festlegen lässt, weshalb diese Systeme ein allgegenwärtiges Gefühl des Geheimnisvollen haben.

Das ist auch der Grund, warum sie sich so leicht vom System des Dollars vereinnahmen lassen. In Wirklichkeit sind sie nur sammelbare und bewegliche Zahlen mit einem etwas willkürlichen Dollarpreis – der durch ziemlich willkürliche Spekulationen zustande kam und es ermöglicht, sie für ein Tauschgeschäft zu verwenden. Viele Krypto-Projekte erkennen dies jedoch nicht an und verlassen sich darauf, dass der Token im Laufe der Zeit irgendwie zum Referenzpunkt für „Wert“ selbst wird.

Im Fall von SEEDS hat das Team den Vorteil, dass das leere Zentrum, der leere Token, von einer Sprache ökologischer New-Age-Emergenz und radikaler Verwundbarkeit überlagert ist: Wir wissen nicht, was dieses System wirklich ist, aber das ist OK, denn wir werden es alle gemeinsam entdecken. Das bedeutet, dass bei den SEEDS-Treffen Menschen zusammenkommen, die zwar verunsichert sind, weil sie das Unbeschreibliche spüren, die aber alle in dem Glauben verharren, dass dies alles zu gegebener Zeit schon irgendwie klar werden wird.

Aber wenn eine Gruppe von Menschen eine Warenorientierung auf leere digitale Einheiten anwendet, drängt sie dies unweigerlich zu der Überzeugung, dass der Schlüssel zur Verwandlung des unbeschreiblichen Objekts in funktionales Geld darin liegt, immer mehr Nutzer davon zu bringen, ebendiesen verwirrenden Token zu verwenden. Das gibt ihnen einen Anreiz zum Missionarstum (vor allem, wenn der Token auch für konventionelles Geld verkauft werden kann). Hier kommen wir zu dem etwas bedenklichen Multi-Level-Marketing-Aspekt von SEEDS. Das System bietet alle möglichen Anreize, um Leute dazu zu bringen, andere mit ins Boot zu holen, mit Belohnungen für den Kauf von Seeds, Belohnungen für das Halten von Seeds, für die Überweisung von Seeds und so weiter.

Und hier kommen wir zur letzten Wendung: Ich habe bereits erwähnt, dass die Gemeinschaft ökologisches Denken mit New-Age-Spiritualität verbindet . Und hier liegt ein Problem, denn bei SEEDS dreht sich alles um „Fülle“. Aber dieser Begriff bedeutet in diesen beiden Bereichen zwei gänzlich verschiedene Dinge. In alternativen Wirtschaftsgruppen wird der Kapitalismus oft als eine Art Ausbeutungssystem kritisiert, in dem die Mächtigen Ressourcen horten und sie künstlich verknappen, um dann den Menschen, die diese Dinge brauchen, Profite abknöpfen. In diesem Zusammenhang bezieht sich das „Fülle-Denken“ auf einen Prozess des Loslassens von Konkurrenz, des Fließenlassens von Gütern und des Vertrauens darauf, dass man von anderen versorgt werden wird.

In der New-Age-Spiritualität kann es jedoch auch eine etwas andere Sichtweise geben. Hier wird das „Fülle-Denken“ manchmal als Gegensatz zur Mentalität von Aktivisten gesehen, die sich durch ihre strikte Weigerung, an der Marktwirtschaft teilzunehmen, selbst in eine körperliche und geistige Erschöpfung treiben und somit ein Leben in selbstgewählter Knappheit führen. “Fülle-Denken” kann in diesem Bereich bedeuten, dass es für uns in Ordnung ist, am normalen Kapitalismus teilzunehmen. Eine Person mit einem „Fülle-Denken“ könnte dazu ermutigt werden, die Schuldgefühle loszulassen, die sonst mit dem Verkauf überteuerter spiritueller Schmuckstücke an andere einhergehen würden. Das kann dann Deckmantel für eine Art spirituelle Gaunerei verwendet werden.

Da SEEDS an der Schnittstelle zwischen Ökologie und Spiritualität angesiedelt ist, hat diese Zweideutigkeit ernsthafte Auswirkungen. Ich habe Menschen erlebt, die zwischen den beiden Definitionen schwanken und ihr Werben für einen spekulativen Krypto-Token als eine Art spirituellen Akt betrachten.

 

Schlussfolgerung

Ich könnte noch weitere Mängel des Projekts aufzählen. Ich könnte z. B. darauf hinweisen, dass in dem Token Economics Paper die Quantitätstheorie des Geldes mit der modernen Geldtheorie verwechselt wird. Ich könnte anmerken, wie sie von der konservativen Standard-Ökonomie beeinflusst wurden, die man auch sonst implizit in Krypto-Kreisen im Allgemeinen findet.

Aber ich möchte dem Projekt zu guter Letzt auch Anerkennung zollen. Rieki und sein Team sahen eindeutig eine Gelegenheit, eine bestimmte Gemeinschaft anzuzapfen, Geld von ihr zu sammeln und sie zu begeistern. Die Treffen sind in der Tat ein Forum für Menschen aus der ganzen Welt, die eine ähnliche Denkweise haben und die sich nun kennenlernen durften. Das ist ein Erfolg, Aber wenn sie wollen, dass das Projekt auch weiterhin erfolgreich ist, brauchen sie eine viel klarer Vision von und für ihren Token, und viel weniger Unklarheiten. Sie scheinen coole Leute zu sein, und ich möchte sie wirklich nicht in ein paar Jahren als Betrüger abstempeln müssen.

4 ausführliche englische Präsentationen zum Thema Geld und Gesellschaft, die auch als Audio angehört werden können.

Adapted from Bendell, J and Slater, M (2015) Money & Society MOOC.

Available at mooc1.communityforge.net

 

Lesson 1

Lesson 2

Lesson 3

Lesson 4

 

Gemeinsam mit der Bürger AG für regionales und nachhaltiges Wirtschaften, BIONALES – Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung e.V. und Lust auf besser leben lädt Maingold regionale Unternehmen zu einer Info-Veranstaltung ein.

Es wird um die geplante Pilotphase, neue Wege der Kundengewinnung und Best-Practice-Beispiele aus anderen Städten und Regionen gehen.

Jetzt anmelden per Mail an hallo@maingold.org. Auch eine digitale Teilnahme ist möglich.

Unter dem Namen „Fairconomy-Tagung“ wird die langjährige Tagungsreihe „Mündener Gespräche“ (1986 – 2021) im Herbst 2022 fortgesetzt. In Zusammenarbeit der „Stiftung für Reform der Geld- und Bodenordnung“ mit der „Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung“ (INWO) findet die nächste Tagung am Wochenende 8. – 9. Oktober in der Silvio-Gesell-Tagungsstätte in Wuppertal statt.

„In fünf Vorträgen und Diskussionen werden wir uns mit dem Gesamtthema „Versäumnisse und Aufgaben der Geldpolitik in turbulenten Zeiten“ beschäftigen. Hierzu möchte ich Sie bzw. Euch auch im Namen von Beate Bockting, die die Organisation der Tagungen zwischenzeitlich übernommen hat, sehr herzlich einladen. Nähere Informationen über die Tagung und den Link zum Anmeldeformular finden Sie im Flyer (hier herunterladen). Wir freuen uns sehr über die Möglichkeit zur persönlichen Begegnung und zum Gedankenaustausch und hoffen sehr auf Ihr/Euer Interesse an unserer Tagung.“

Zum Anmeldeformular geht es hier: https://forms.gle/E96APNsV5kKJmBSw6

 

Flyer

 

 

Warum es die Kunst braucht, um damit überhaupt anfangen zu können.

Vortrag von Dr. Jens Martignoni (Währungsforscher) im Rahmen der documenta 15.

 

Wann? Samstag, 16. Juli 2022, 18:30 Uhr. Türöffnung ab 18:00.

Wo? Im Kulturnetz. Untere Königstrasse 46A in Kassel

Dauer des Vortrages ca. 70 Minuten, anschliessend Fragen beantworten und Diskussion

Abendkasse 5 € / StudentInnen freier Eintritt.

Spenden willkommen!

 

  • Wer profitiert von einer bargeldlosen Gesellschaft?
  • Welche Risiken birgt die Verschmelzung von Big Finance und Big Tech?
  • Ist eine bargeldlose Zukunft unvermeidlich?

Finance Watch veranstaltet eine Diskussion über die Digitalisierung des Geldes mit Brett Scott, dem Autor des Buches Cloud-money: Cash, Cards, Crypto and the War for our Wallets.

 

Über das Buch

Cloud-money wirft einen schonungslosen Blick auf die digitale Transformation unseres Finanzsystems, enthüllt die Kräfte, die hinter diesem Wandel stehen, und fordert die Leser auf, ihre eigene Rolle dabei zu hinterfragen. Kate Raworth, Autorin von Doughnut Economics, sagt, es sei „ein brillantes, faszinierendes und absolut zugängliches Buch… Wenn Sie verstehen wollen, was Geld ist – und was es zu werden droht – beginnen Sie genau hier.“

Bei dieser Veranstaltung werden die Kernaussagen des Buches vorgestellt und die Teilnehmer haben die Möglichkeit, während der anschließenden Diskussion Fragen zu stellen.

 

Über den Autor

Brett Scott ist Autor (The Heretic’s Guide to Global Finance: Hacking the Future of Money), Geldexperte, Aktivist, Anthropologe und ehemaliger Derivatehändler. Er hat ausführlich über digitale Finanzen, Finanzreformen, alternative Währungen und die Blockchain-Technologie für große internationale Medien geschrieben und tritt regelmäßig in Fernsehsendungen, Radiosendungen und Dokumentationen auf. Er ist Herausgeber des Newsletters Altered States of Monetary Consciousness.

 

Mehr Informationen und die Anmeldeoptionen finden Sie hier.