RAMICS, die Forschungsgesellschaft für Komplementärwährungen und monetäre Innovationen, wurde vor vier Jahren während einer wissenschaftlichen Konferenz in Brasilien gegründet (wir berichteten). Seither haben die Mitglieder des Direktoriums abwechselnd jeweils eine der folgenden internationalen Konferenzen, die 2011 in Lyon begann, ausgerichtet. Mit dem Kongress in Takayama, Japan, der vom 11. bis zum 15. September diesen Jahres stattfand, kam die internationale Gemeinschaft derjenigen, die an Komplementärwährungen (KW) forschen zum nunmehr fünften Mal im Zweijahres-Rhythmus zusammen.

Wie auch schon zuvor in Frankreich, Holland, Brasilien und Spanien, zeichnet sich diese akademische Konferenz dadurch aus, dass explizit auch Komplementärwährungs-Initiativen und “Praktizierende” eingeladen werden, um den engeren Austausch zwischen Theorie und Praxis zu fördern.

In Takayama war dies vom ersten Moment an zu spüren, da jeder Teilnehmer gleich zwei lokale Währungen überreicht bekam, mit denen an hunderten Stellen in der Stadt eingekauft werden konnte. Die zwei Währungen in Takayama sind der “Enepo” und die “Sarubobo Coin”, und in ihrer Unterschiedlichkeit repräsentieren sie die heutigen Trends in der Vielfalt komplementärer Währungen in Japan. Der Enepo kursiert ausschließlich als Billette, die aus lokalem Zedernholz geschnitten sind, jeder im Gegenwert von rund 5 Euro. Die Sarubobo Coin hingegen kann nur in elektronischer Form von Smartphone zu Smartphone genutzt werden. Dabei ist beiden gemeinsam, dass sie mit nationaler Währung hinterlegt sind und Geschäfte, welche die Währungen akzeptieren, sie auch wieder gegen Yen eintauschen können.

Auch wenn das rasante Wachstum verschiedener KW-Systeme in Japan in den 1980er und 90er Jahren1 sich ab der Jahrtausendwende nicht fortsetzte2, so ist doch immerhin ein Fünftel der in den vergangen 20 Jahren gegründeten Währungen noch im Umlauf.3 Heute gibt es in Japan neben einigen hundert Tauschkreisen (Fureai Kippu)4 ca 200 lokale Währungen, vor allem mit sozialen und umweltbezogenen Motivationen und solche, die neue elektronische Transaktionsmedien nutzen.5 Diese zwei Merkmale spiegeln sich auch im Enepo und der Sarubobo Coin wieder:

 

Der Enepo wird von einer lokalen Forst-Initiative herausgegeben, die sich darum bemüht, den lokalen Wald zu erhalten. Die Forst-Initiative ist Teil einer Freiwilligenorganisation, die Rentner*innen motiviert, sich in die Gemeinwesenarbeit einzubringen. Im Waldprojekt treffen sich die Freiwilligen zweimal pro Woche, um aufzuforsten, zu dichten Wald auszudünnen und Überschüsse zu vermarkten.6 Für eine Arbeitseinheit von etwa 5 Stunden werden 500 Enepo vergütet. Die Scheine können in regionalen Geschäften ausgegeben werden. Die Geschäfte können Enepo bei der Hida-Kreditgenossenschaft einzahlen und erhalten Yen rückvergütet. Das 2019 gestartete System kommt auch bei anderen Gemeinwesenarbeiten zum Einsatz (Kinderbetreuung, Säuberungsaktionen). Ähnliche Währungen, die im Rahmen der Konferenz präsentiert wurden, gibt es in Tokio (Bunshi) oder in Kawasaki (Tama).

 

Sehr viel größer als die “Bargeld-Variante” ist der Sarubobo Coin, der von der Hida-Kreditgenossenschaft emittiert wird. Es handelt sich um digitales Regionalgeld, das zentral auf Konten gebucht wird. Ausgelöst werden die Transaktionen durch Smartphones. Die über 1.500 Akzeptanzstellen benötigen lediglich ein Konto bei der Kreditgenossenschaft und ein Akzeptanzschild mit einem individuellen QR-Code. Die Käufer*innen geben den Zahlbetrag in die App ein und zeigen der Akzeptanzstelle auf dem Handy den erfolgreich gebuchten Betrag. Die Gutschrift erfolgt auf dem Sarubobo Coin – Konto der Akzeptanzstelle. Seit Dezember 2017 haben sich über 8.000 Bürger*innen aus der Region beteiligt. Mehr als 80 Mio. Yen werden jeden Monat getauscht. Damit ist der Sarubobo Coin aktuell die größte Regionalwährung in Japan und kann sich neben den vielen neuen kommerziellen Zahlungsoption, die neben Cash und Karte an fast jeder Kasse angeboten werden, behaupten.

 

Auch im Vergleich zu anderen Regiogeld-Initiativen ist die Größe und Professionalität beachtlich. Es werden sogar Geldautomaten eingesetzt, mit denen die Guthaben in Sarubobo Coins mit Bargeld aufgeladen werden können. Verbesserungsbedarf sehen die Initiatoren bei den regionalen Wirtschaftskreisläufen, da noch viele Unternehmen die Regionalwährung relativ schnell wieder in Yen zurücktauschen. Beim Design einer Regionalwährung in Japan vergehen oft Jahre bis zur Erstemission. Andere Initiativen wie zum Beispiel das Chiemgauer Regionalgeld wurden intensiv studiert, bevor die eigenen Währungsdesigns auf den Weg gebracht wurden. Dieses wechselseitige globale Lernen im fernen Japan live zu erleben, gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen der Japan-Reise. Sehr beeindruckend ist auch die wissenschaftliche Begleitung der Währungsinitiativen. Zu den führenden Akademikern gehört Prof. Nishibe der an seiner Universität ein “Good Money Lab” eingerichtet hat und nicht nur Komplementärwährungen in Japan untersucht, sondern auch aktiv neue nach Best-Practice-Ansätzen entwickelt. Prof. Nishibe war auch der “Spiritus Rector” dieser fünften Ramics-Konferenz.

 

Wie schon bei der Konferenz in Brasilien vor 4 Jahren, waren wegen den erheblichen Reisekosten auch dieses Mal weniger (europäische) Wissenschaftler anwesend als zu den Konferenzen in Europa. Trotzdem waren wieder 26 verschiedene Länder repräsentiert. Bemerkenswert war dieses Jahr, wie mehr und mehr konventionelle, auch quantitative Methoden aus den Wirtschaftswissenschaften auf die Praxis der Komplementärwährungen angewendet wurden. Damit scheint der interdisziplinäre Mix, der die wissenschaftlichen Arbeiten in diesem Bereich von jeher ausgezeichnete, auch wieder Anschluss an die Fakultäten zu gewinnen, von denen man sich intuitiv  mehr Forschung zu Geldsystemen wünschen würde. Dieser Eindruck wurde zum einen dadurch auch untermauert, dass parallel zur RAMICS Konferenz auch die Jahreskonferenz der Japanischen Gesellschaft für Institutionelle Ökonomie abgehalten wurde (leider nur in japanisch). Zum anderen war diese Entwicklung aber auch dem Umstand zurückzuführen, dass wieder mehr und mehr Aufmerksamkeit solchen Währungen zukommt, die dezidiert wirtschaftliche Notstände und freie Potentiale ansprechen. Neben vielen Arbeiten zu den mittlerweile schon als “traditionell” geltenden Regiogeldern in Frankreich (Eusko, SoNantes) oder Deutschland (Chiemgauer), waren es somit vor allem die Währungen von Grassroot Economics (gegründet von Will Ruddick) in Kenya, zu denen besonders viele wissenschaftliche Arbeiten vorgestellt wurden. Dies liegt auch daran, dass die dort generierten Daten aufgrund der offen gelegten Blockchain sehr viele Auswertungsmöglichkeiten für Forscher*innen bieten.

Schließlich fand sich dies, und der Titel der Konferenz “Going Digital? New Possibilities of Digital-Community Currency Systems” auch in der Wahl des besten wissenschaftlichen Beitrages wieder (Best Paper Award), dem die Jury an Dr. Fabienne Pinos aus Frankreich für ihre Studie mit dem Titel “How could blockchain be a key resource in the value creation process of a local currency? A case study centered on Eusko.” verlieh. Generell waren die Stimmen jedoch sowohl in den Vorträgen, als auch in den Pausen, dieses Jahr viel verhaltener, wenn es um die Erwartungen an Bitcoin, Blockchain, Libra und Co. ging. Eine weitere Sache, in der die meisten Beiträge leider auch immer noch viel zu verhalten waren, betrifft ein zentrales Anliegen von MONNETA: eine angemessene Terminologie, klare Begriffe und Wortwahl zu finden, die Aufklärung und Weiterentwicklung in Geld- und Währungsfragen befördert. Dabei muss es gerade für einen kritischen Beobachter bemerkenswert sein festzustellen, dass selbst Wissenschaftler die Begriffe Geld und Währung noch immer fast synonym gebrauchen – und damit in der Differenzierung und Beschreibung ihres Forschungsgebietes vage bleiben müssen. Aus dem MONNETA Netzwerk sind dazu sowohl auf der Konferenz, als auch an anderer Stelle, kohärente Vorschläge gemacht worden.

Ähnlich wie in der Vergangenheit war der zweite Teil der Konferenz, der vor allem den Währungsgruppen und Praktizierenden gewidmet war, gut besucht. Die internationalen und japanischen Vorträge und Workshops, sowie ein kleine Messe auf der sowohl lokale Gruppen als auch ambitionierte Technologie-Anbieter ausstellten, boten  attraktive Anziehungspunkte für Experten und Besucher. Ein weiteres Highlight war das Programm für die internationalen Besucher mit einem vielfältigen kulturellen Angebot und einem wunderschönen natürlichen Umland am Fuße der japanischen Alpen. Auf einer Abendveranstaltung für die Konferenzteilnehmer wurde die Gastfreundlichkeit und künstlerische Vielfalt mit sich wechselseitig überbietenden Darbietungen präsentiert. Die gesamte lokale Prominenz an Unternehmern, Kommunalpolitikern schien versammelt und die beiden Bürgermeister der Städte Takayama und Hida verkündeten ihre verstärkte Unterstützung für die Währungsinitiativen, weil sie erkannt haben, dass in der regionalen Vermarktung und auch im Tourismus noch viel Potenzial für die Region steckt. Die Reden machten deutlich, dass die Einbettung der lokalen Währungen in den kollektiven Gesamtzusammenhang sehr viel tiefer ist als in den meisten anderen Regionen. Der Zusammenklang von regionalen Institutionen wie den Städten und Umlandgemeinden, der regionalen Kreditgenossenschaft, von Kindergärten, Schulen und sozialen Einrichtungen, den Einzelhandelsverbänden und von bedeutenden regionalen Unternehmen wie zum Beispiel einer mittelständischen Möbelfabrik, die heimisches Holz zu hochwertigen Designer-Möbeln verarbeitet, zeigt, wie in einem harten Globalisierungswettbewerb der soziale Zusammenhalt in einer Region funktionieren kann. Komplementäre Währungen wirken dabei zunehmend als selbstverständlicher Baustein der regionalen Entwicklung und der Partizipation begriffen.

Bei jeder wenigen Gelegenheiten des Shoppens und Essengehens fielen einem an allen Ecken der Stadt die Plakate zur Konferenz auf. Meterhohe Fahnen am Bahnhof und tausende Plakate an den Geschäften bekräftigen den Willen der regionalen Gemeinschaft, die Gäste nicht nur willkommen zu heißen, sondern auch an der eigenen Region im Verbund mit Wirtschaft, Politik und Wissenschaft aktiv mitzuwirken. Im Hinblick auf eine “transdisziplinäre Wissenschaft” gibt der Einblick in das kunterbunte Währungslabor in Japan viele Impulse für die weitere wissenschaftliche und praktische Arbeit in Europa.

Es bleibt zu hoffen, dass bei  der nächsten Konferenz, die 2021 in Sofia (Bulgarien) stattfinden wird, ebenso viel Unterstützung und gegenseitige Inspiration zwischen Wissenschaft, Praxis und dem weiteren Umfeld erlebbar sein wird.

 

Fußnoten:

  1.  Lietaer, B.(2003) Complementary Currencies in Japan Today: History, Originality and Relevance,  International Journal of Community Currency Research Vol.8, pp.1-23.
  2. Kobayashi et al. (2017) Historical transition of community currencies in Japan, RAMICS Conference Paper, available at https://www.researchgate.net/publication/316882220.
  3. September, J. (2019) Sustaining Impact: An Investigation into the Practices of Long-Lived Japanese Community Currencies, RAMICS Conference Paper.
  4. Vergleiche: Hayashi, Y. (2012) Japan’s Fureai Kippu Time-Banking in Elderly Care: Origins, Development, Challenges and Impact, International Journal of Community Currency Research Vol.16 (D), pp. 30-44.
  5. Izumi, R., Nakazoto, H. (2017) The Current State of Japanese Community Currency Activities Based on the 2016 Survey, Senshuu University Economic bulletin , 52(2), 39-53. (Japanisch)
  6. Da die Wälder Japans in der zweiten Hälfte des vergangen Jahrhunderts zu dicht aufgeforstet wurden und seitdem der Holzpreis keine kommerzielle Pflege mehr erlaubt, ist solches Zivilgesellschaftliche Engagement heute die einzige Alternative zur Ernte durch Kahlschlag.