Im Juni dieses Jahres hatte ich das große Privileg und Vergnügen, nach Rio de Janeiro in Brasilien zur 8. RAMICS-Konferenz (Research Association on Monetary Innovation and Community and Complementary Currency Systems) zu reisen: „RAMICS in Rio 2026 – Plurality of Social Currencies: solidarity economy, municipal and community currencies for inclusive and sustainable futures“.

RAMICS wurde am 29. November 2015 auf der internationalen Konferenz zu Gemeinschaftswährungen in Salvador da Bahia gegründet und hatte unter anderem zum Ziel, die miteinander verbundenen Projekte desInternational Journal of Community Currency Research“ (IJCCR) und derBibliography of Community Currency Research“ (ccliterature) miteinander zu verknüpfen sowie die Organisation dieser seit 2011 stattfindenden zweijährigen Konferenzen zu erleichtern. Mehrere der Gründungsmitglieder sind weiterhin im Direktorum von RAMICS tätig, darunter Georgina Gomez (Niederlande) und Jerome Blanc (Frankreich). Professor Eduardo Diniz von der FGV in São Paulo (Brasilien) war der lokale Organisator dieser Konferenz und übernahm dazu 2022 das Amt des Co-Präsidenten bei RAMICS.

Seit seiner Gründung hat RAMICS eine Vielzahl von rasanten Veränderungen in verschiedenen relevanten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bereichen erlebt, von denen viele in den Vorträgen dieses Jahr angesprochen wurden und über die in diesem Artikel berichtet wird.

Stephanie Rearick (l) und Rossitsa Tonchev (r)

Die RAMICS-Konferenz in Rio bot uns vier Keynote-Podiumsdiskussionen mit Simultanübersetzung ins Portugiesische und Englische sowie achtzehn Workshop-Sitzungen mit 72 Vorträgen, von denen etwa ein Drittel auf Englisch, ein Drittel auf Portugiesisch und ein Drittel mit Simultanübersetzung gehalten wurden. Vierzehn der Vorträge wurden ausschließlich online angeboten (was aus meiner Sicht eine weitaus weniger bereichernde Art der Teilnahme gewesen wäre). Darüber hinaus wurden uns zwei Tage mit unglaublich lehrreichen Exkursionen zu nahegelegenen Währungsprojekten angeboten. Rund 100 Personen nahmen vor Ort teil, und fast ebenso viele hielten auch Vorträge.

Unter den europäischen Teilnehmern hörten wir Vorträge von Thomas Siderius vom Makkie in Amsterdam, Ester Barrinaga von der Universität Lund in Schweden, Georgina Gomez, langjährige Leiterin von IJCCR und RAMICS von der Erasmus-Universität in Rotterdam, sowie Nicolas Franka vom Monetary Diversity Institute mit Sitz in Belgien. Aus Südamerika kamen unter anderen Heloisa Primavera, Mitbegründerin des argentinischen REDLASES: Latin American Network of Solidarity Socio-Economy, Joaquim Melo, Gründer der Banco Palmas, der Bürgermeister der brasilianischen Stadt Santiago und viele weitere. Eine vollständige Beschreibung des Konferenzverlaufs sowie eine Liste der Abstracts sind hier verfügbar.

Ich nahm an der Konferenz teil, um „The Missing Linking“ vorzustellen – einen Artikel, den ich im Namen von HUMANs (Humans United in Mutual Aid Networks) verfasst hatte, dem von mir gegründeten globalen Netzwerk von Genossenschaften. Übrigens war ich der einzige Referent aus den USA und einer von nur zweien aus Nordamerika – eine erfrischende Abwechslung zu dem, was ich sonst gewohnt bin. Ich habe „The Missing Linking“ gemeinsam mit meinen Kollegen Gorazd Norcic, Marcus Petz und Matt Howard verfasst, um meine 30-jährige Erfahrung mit Komplementärwährungen und anderen genossenschaftlichen Wirtschaftspraktiken zu dokumentieren und einen Weg aufzuzeigen, auf dem wir unser Modell noch umfassender erproben können. Der Titel verweist auf meine Sichtweise, dass alle Elemente, die wir benötigen, um die Wirtschaft unserer Träume zu schaffen – eine Wirtschaft im Dienste gesunder Menschen und des Planeten –, bereits existieren. Dazu gehören alle Arten von Praktiken des Teilens und des Austauschs – einschließlich, aber nicht beschränkt auf Gemeinschaftswährungen –, kombiniert mit Organisationsstrukturen, Governance-Modellen und Arbeitsabläufen. Was fehlt, ist der Schritt, sie auf funktionale Weise miteinander zu verknüpfen.

Exkursion zur Banco Mumbuca

Was ich auf der Konferenz gelernt habe, hat diese Sichtweise bestätigt: Wir – als lose verbundene Gemeinschaft von Menschen, die offenbar daran glauben, dass Gemeinschaftswährungen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben können – versäumen es nach wie vor, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um dies zu verwirklichen. Viele der Referenten und Teilnehmer der Konferenz konnten ohne Weiteres benennen, worin einige dieser konkreten Schritte bestehen würden – so wird deutlich, dass die Bewegung für eine gerechtere Wirtschaft durch Komplementärwährungen reif ist, ihr Potenzial voll zu entfalten.

Im Folgenden fasse ich einige der Erkenntnisse zusammen, wie sie auf der Konferenz präsentiert wurden, sowie weitere Erkenntnisse, die sich in den sehr fruchtbaren „Zwischenräumen“ des Progammes ergaben, wenn Teilnehmde ihre Erfahrungen aus dem wirklichen Leben in einem offenen Dialog austauschen konnten, anstatt sich auf die ein- oder zweiseitige Kommunikation von Vorträgen mit Frage-Antwort-Runden zu beschränken.

Die Durchführung der Konferenz in Brasilien bot die großartige Gelegenheit, mehr über die vielen verschiedenen Komplementärwährungsprojekte in diesem Land zu erfahren. Der dortige Vorstoß in den Bereich der Gemeinschaftswährungen begann 1998 mit der Gründung der Banco Palmas in einem Vorort von Fortaleza, um der hohen Arbeitslosigkeit und Armut dort entgegenzuwirken.

Ursprünglich entstand die Banco Palmas, um einer Gemeinde zu helfen, die weder über eine Bank noch über lokale Investitionsmöglichkeiten verfügte. Die Bank schuf eine Währung, die diesem Bedarf entsprach – eine benutzerfreundlichere Form des Geldes, die ihren Nutzern und deren Gemeinden bis heute erhebliche Vorteile bietet.

Mittlerweile haben sich sogenannte Initiativen der Solidarwirtschaft im ganzen Land verbreitet: Es gibt 182 Gemeinschaftsbanken, von denen 14 von den jeweiligen Kommunen betrieben werden. Hinzu kommz ein Netzwerk zur deren gegenseitigen Unterstützung mit 400.000 Nutzern in 94 Städten, über 30.000 teilnehmende Unternehmen und einem Transaktionsvolumen von 4 Milliarden R$ (ca. 0,7 Milliarden €) in den letzten 6 Jahren. Derzeit arbeitet das Netzwerk daran, den regulatorischen Rahmen und eine unterstützende öffentliche Politik weiter zu institutionalisieren.

Die Banco Palmas führt derzeit ein vielbeachtetes System ein, bei dem Nutzer durch das Scannen ihrer Handfläche bezahlen können. Die Verantwortlichen sind davon sehr begeistert, da sich die Menschen nun keine Sorgen mehr über verlorene Passwörter oder andere Komplikationen beim Zugriff auf ihre Konten machen müssen. Die neue Technologie verleiht dem Ganzen zudem einen Hauch von Futurismus und vielleicht auch mehr Ansehen. Auch wenn ein Teil der Bevölkerung dem Einsatz biometrischer Daten skeptisch gegenüberstehen mag, scheint die Kampagne dem System neues Leben und neue Begeisterung einzuhauchen.

Erfolge wie diese prägten die meisten Präsentation während der Konferenz, doch ebenso kamen einige typische Schwachstellen von Gemeinschaftswährungen zur Sprache, auf die ich als Nächstes eingehen werde, bevor ich zu den guten Nachrichten zurückkomme.

Als ich von der Entwicklung der vielen ins Stocken geratenen oder eingestellten Währungsprojekte hörte, wurde mir klar, dass ein Kern ihres Problems darin bestand, dass sie die Dynamik des „Business as usual“ nachahmten. Mehrere Projekte (z. B. Banco Mumbuca oder Amsterdams Makkie) identifizierten den Wunsch ihrer Mitglieder nach einem „Käufer der letzten Instanz“, bei dem es sich in der Regel um einen großen Lebensmittelladen oder eine staatliche Einrichtung handelte.

Ester Barrinaga, der Bürgermeister von Santiago, Marcelo Pirú, Daniel Pereira dos Santos von Orquidea Solar

Diese Käufer der letzten Instanz benötigen dann oft die Umtauschbarkeit von der Gemeinschaftswährung in die jeweilige Landeswährung, wodurch die Sozialwährung aus dem Umlauf genommen wird und erneut Bedingungen geschaffen werden, unter denen sich Reichtum in den Händen bereits wohlhabender Institutionen konzentriert.

Auch an die Landeswährung gekoppelte oder durch diese gedeckte Gemeinschaftswährungen sind mit ähnlichen Problemen der Knappheit konfrontiert (eine Verwaltungsstelle muss entscheiden, wie viel in Umlauf gebracht wird, oder verkauft sie gegen die bereits knappe Landeswährung). Fördernde Kommunen und Organisationen kommen oft zu dem Schluss, dass die dafür notwendigen Verwaltungskosten zu hoch sind und durch den nachgewiesenen Nutzen nicht gerechtfertigt werden. Die Einstellung der Finanzierung führt dann oft zum Scheitern des Projekts selbst, wie ein Währungsprojekt in Kamerun deutlich zeigte, das von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) durchgeführt und mitten im Experiment aufgegeben wurde (berichtet von der detuschen Forscherin Martina Metzger).

Eine ständige Bedrohung stellt zudem die Abhängigkeit der Projekte vom guten Willen der Regierung dar. Zu den von Paola Diaz und anderen Podiumsteilnehmern vorgestellten Beispielen dzu gehörte der Fall des argentinischen Trueque, der während des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Argentiniens am Ende der 1990er/Anfang der 2000er Jahre ein enormes Maß an Engagement und Unterstützung erreichte aber schließlich aufgrund mangelnder Transparenz und Korruption scheiterte. Solche Bemühungen werden dort nun negativ mit Notlagen assoziiert, während aktuelle Initiativen durch den Abbau staatlicher Strukturen durch Argentiniens Präsidenten Milei und das Fehlen unterstützender politischer Maßnahmen behindert werden. Hinzu kommen ein Vertrauensverlust, mangelnde Investitionsbereitschaft in Argentinien und eine zu starke Fokussierung auf Politiker.

In Brasilien besteht eine große Abhängigkeit von der Politik des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Die Teilnehmer erlebten unter Präsident Bolsonaro eine Phase der Stagnation, die sich mit Lulas Wiederwahl erneut umkehrte. Nun scheinen mehrere Projekte aber gefährdet zu sein, da sie auf die Ölfördergewinne ihrer Kommunalverwaltungen angewiesen sind, die einen großen Teil der Subventionen ausmachen, die in Projekte der Solidarwirtschaft fließen.

Andere Beiträge lieferten Belege dafür, dass es problematisch ist, wenn externe Institutionen eine Währung auferlegen, um das Verhalten ihrer Bevölkerung zu beeinflussen (z. B. Ecomobicoin, ein Experiment an der Université Clermont Auvergne in Frankreich, das Anreize für das Radfahren durch Zahlungen in einer Blockchain-Währung pro mit dem Fahrrad zurückgelegtem Kilometer schaffen sollte), und einige der Vorträge schienen einen „Blockchain-Fetischismus“ widerzuspiegeln, bei dem Blockchain-Technologien fälschlicherweise besondere Problemlösungskräfte zugeschrieben werden.

Weitere Probleme, die zum Beispiel beim Makkie festgestellt wurden, waren die Verschleierung statt der Bekämpfung von Ausgrenzung sowie eine „Zeit ist Geld“-Einstellung, die sich in Gemeinschaftsräume einschleicht. 

Schließlich befinden sich viele der auf der Konferenz vertretenen Währungen im Wandel zwischen Papiergeld und digitaler Form. Die Ergebnisse dieser noch jungen Experimente bleiben abzuwarten. Doch wie Nicolas Franka in seinem Vortrag über die Einführung von Komplementärwährungen durch Kommunen in Europa sagte: „Die Digitalisierung zur Rettung einer Währung ist wie die Geburt eines Kindes zur Rettung einer Ehe.“

Es wäre ein Versäumnis, die Auswirkungen der Pandemie unerwähnt zu lassen, über die auch viele Referenten reflektierten. In Rio selbst kam es 2021 zu einer explosionsartigen Zunahme von Gemeinschaftswährungen, als die Stadt Gesetze zu deren Förderung als Pandemiehilfe verabschiedete.

Allerdings räumten mehrere Teilnehmer auch ein, dass die Pandemie ihre Bemühungen zunichte gemacht habe, vor allem aufgrund von Versammlungsbeschränkungen, verschärften sozialen Spannungen, der Gewöhnung an antisoziales Verhalten und einer Verschlechterung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage.

Der Sekretär für Solidarwirtschaft stellt die Vorteile der „Moeda Social Arariboia“ vor

Wie einer der Podiumsteilnehmer der letzten Sitzung am zweiten Tag sagte: „Wiederaufbau ist schwieriger als Aufbau.“

Doch wie ich bereits erwähnt habe, liefert uns die Identifizierung der Probleme auch potenzielle Gegenmaßnahmen zu den klaren und dringenden Nöten vieler Gemeinschaften. Dazu gehören die Schaffung von Vertrauen in Win-Win-Partnerschaftsdynamiken, die Verankerung von Projekten in Prinzipien (mehr dazu weiter unten), genossenschlaftliche Organisationformen mit guter Unternehmensführung, sowie die Kontrolle durch die Nutzer selbst.

Ein hervorragendes lokales Beispiel dazu wurde von Daniel Pereira dos Santos aus São Rafael vorgestellt. Dos Santos berichtete, dass die Bevölkerung dort zwar ursprünglich von der Sklaverei befreit worden war, dann aber sich selbst überlassen blieb. Das Projekt, über das er berichtete – „Orquidea Solar“ – entstand, nachdem es regelmäßig für jeweils 1–3 Tage am Stück keinen Strom gab. Sie begannen mit der Installation von Solarmodulen, gründeten 2014 einen Gemeinschaftsradiosender und führten anschließend ihre eigene lokale Währung ein. Noch als Teenager gründeten sie den ersten kommunalen Investitionsfonds Brasiliens und investierten in eine Bäckerei. Sie gehen weiterhin auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft ein – zu den Projekten gehören der Bau eines Biogasspeichers, ein Spielplatz, eine Mikro-Agroforst, und öffentliche Räume wie ein Auditorium.

Bankpräsidentin Manuela Mello (2. von links) als Gastgeberin der Führung durch die Banco Mumbuca

Der Bürgermeister von Santiago (Brasilien) stellte die „Banco Pila“ vor, die kommunale Währung der Stadt, die geschaffen wurde, um das Problem der organischen Abfälle zu lösen. Aufbauend auf die Idee der Kreislaufwirtschaft fördert es zudem die Förderung von Führungskräften sowie den Kompetenztransfer. Andere brasilianische und eine chilenische Stadt versuchen derzeit, das Modell nachzuahmen. In vielen der angeführten Beispiele beruhte der Erfolg auf der Verknüpfung von Mikrokrediten mit einer lokalen Währung. Dazu gehören auch die Projekte, die wir am 4. und 5. Tag des Treffens besuchten.

Wie so oft ergaben sich bei diesen Excursionen die tiefgreifendsten und wertvollsten Erkenntnisse der Woche. Beide Exkursionen führten uns nach Niterói (ebenfalls im Bundesstaat Rio de Janeiro), einer brasilianischen Stadt, die 1573 vom indigenen Häuptling Arariboia vom Volk der Tupi gegründet wurde.

Die erste Station war Marica, wo 2013 eine erste kommunale Währung einführt wurde, um die Wirtscahft in einer so genannten „Schlafstadt“ anzukurbeln (die Einwohner arbeiteten anderswo und kehren nur zum Schlafen nach Hause zurück). Die Währung wurde in digitaler Form über eine Plattform für Lebensmittelgutscheine eingeführt. Im Jahr 2015 begann die Stadt, Ölfördergewinne einzufahren, woraufhin sie die Grundsicherungszahlungen an alle Bürger erhöhte. Im selben Jahr nahm sie außerdem zwei vertriebene indigene Gemeinschaften auf, die dann ebenfalls über die lokale WÄhrung von den Gewinnausschüttungen profitierten. 

Das genossenschaftliche Gründerzentrum in Marica

Im Jahr 2017 gründete die Gemeinde die „Banco Mumbuca“ und wechselte von der Lebensmittelgutschein-Plattform zum „E-dinheiro“. Im Jahr 2025 folgte dann ein Vertrag zwischen der Stadt Marica und der Banco Mumbuca über allgemeine E-Geld-Dienstleistungen. Marica zahlt mittlerweile 80 Arten von Grundeinkommensleistungen für Menschen unterschiedlichen Alters und in verschiedenen Notlagen aus, wovon mehr als die Hälfte der 200.000 Einwohnern profitieren.

Eine Einnahmequelle für die Banco Mumbuca war bisher die Transaktionsgebühr von 2 %, die die E-dinhero-Plattform erhob. Eine Aufsichtsbehörde focht diese Gebühr später erfolgreich an, wodurch die Bank eine ihre wichtigste Einnahmequelle verlor. Diese und andere Umstände führten dazu, dass sie (wie viele der Projekte und Menschen, von denen wir gehört haben) während der Pandemie fast in den Bankrott endeten.

Die schwierigen Zeiten der Pandemie haben jedoch auch die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft unter Beweis gestellt. Die Menschen engagierten sich weiterhin, und die Banco Mumbuca trug dazu bei, Arbeitsplätze und Einkommen zu schaffen – selbst angesichts des Wegfalls öffentlicher Fördermittel. Nun stellt die Stadt Marica Räumlichkeiten und Personal für die „Casa Do Empreendedor e das Cooperativas“ zur Verfügung: ein Gemeinschaftszentrum, das rechtliche und administrative Backoffice-Dienstleistungen für Unternehmer und Genossenschaften anbietet und ihnen dabei bei rechtlichen Fragen und in Sachen Kapazitätsaufbau unterstütz. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Verknüpfung von Unternehmensförderung und Währungen neue Möglichkeiten für eine auf den Menschen ausgerichtete wirtschaftliche Entwicklung schaffen kann.

Joaquim Melo (l) mit den Leitern der Banco Preventorio, Maria Hosana und Dr. Marcos Rodrigues

An unserem letzten Programmtag kehrten wir für zwei weitere Besuche nach Niteroi zurück.

Wir begannen bei der Banco Arariboia, der Organisation hinter der von der Stadt verwalteten Währung. Im Jahr 2020 führte Niterói Gesetzt zur Solidarwirtschaft ein, mit dem Ziel, die lokale Produktion zu steigern und gleichzeitig Einkommen und Arbeitsplätze für die Einwohner zu schaffen. Als die Corona-Pandemie ausbrach, stellte die Stadt den Einwohnern ein Grundeinkommen in Form der Währung „Moeda Social Arariboia“ zur Verfügung. Im Jahr 2021 nahmen 50.000 Familien daran teil; 2022 wurde das Programm dann in ein dauerhaftes Programm umgewandelt. Die Stadtverwaltung gründete die Banco Arariboia, die jedoch von der Gemeinschaft geführt wird. Die Stadt unterhält einen Laden, in dem die lokale Währung akzeptiert wird. Die Stadt veranstaltet auch Straßenmärkte, auf denen die Mitglieder ihre Produkte und Dienstleistungen tauschen können, und stellt nützliches Inventar wie Nähmaschinen, eine Großküche und einen Projektor zur Verfügung. Alle im Laden verkauften Waren müssen lokal hergestellt sein. 

Martina und Julio kaufen bei der Banco Preventorio ein

Zuletzt besuchten wir das erste Gemeinschaftswährungsprojekt aus Niterói, die Banco Preventorio. Dabei handelte es sich um eine echte Basisinitiative, die 2011 in der örtlichen Favela begann. Ihre Gemeinschaftsbank bietet Mikrokredite, Grundeinkommen und eine Gemeinschaftswährung an. Seit ihrer Gründung wurden Mikrokredite in Höhe von 300.000 R$ vergeben und meist wird mit den Darlehen auch technische Unterstützung für Unternehmensgründungen oder den Ausbau bestehender Unternehmen angeboten. Wenn ein Mitglied Schwierigkeiten hat, den Kredit zurückzuzahlen, wird das Problem im Rahmen von Gruppenprozessen gelöst, sei es durch die Vereinbarung erleichterter Rückzahlungsbedingungen, einen teilweisen Schuldenerlass, technische Unterstützung beim Aufbau von Zahlungsfähigkeit oder andere Formen der Anerkennung. Mittlerweile vergeben sie Mikrokredite auch in anderen Gemeinschaften und finanzieren lokale Genossenschaften, Nähgruppen, Lebensmittelbetriebe und vieles mehr. Diese Angebote unterstützen die Menschen dabei, ein eigenes Geschäft Schritt für Schritt aufzubauen.

Zurück zu den Konferenzvorträgen. Eine der beiden preisgekrönten Arbeiten der Konferenz, „Linking Currencies of Time and Local Markets: the Reto Tempolab and the Global Coordination of Networks“ von Julio Gisbert Quero, Präsident der Iberoamerikanischen Vereinigung der Zeitbanken (ASIBDT), stellt einen weiteren Aufruf und Ansatz für genau jene Art von fehlenden Verbindungen dar, auf die wir in unserer eigenen Arbeit Bezug nehmen. Kurz gesagt: Drei Pilotprojektezwei in Spanien (Katalonien und Madrid) und eines in Costa Ricawerden Timebanking mit Unternehmensförderung verknüpfen und hybride Zeit-/EuroTransaktionen nutzen, um ein sich selbst tragendes Geschäftsund Entwicklungsmodell zu schaffen.

Wandgemälde vor der Banco Preventorio

Als ich den Konferenzorganisator Eduardo Diniz bat, mir die Höhepunkte und Hauptthemen der ausschließlich auf Portugiesisch abgehaltenen Sitzung zu schildern, schrieb er: „Den meisten Arbeiten liegt die gemeinsame Erkenntnis zugrunde, dass Gemeinschaftsbanken und lokale Währungen in erster Linie Instrumente zur Stärkung des Territoriums und zur kollektiven Organisation sind und nicht bloß finanzielle Mechanismen. Die Cascata-Gemeinschaftsbank, die Dabucuri-Sozialbank und der Vorschlag für Gemeinschaftsbanken zur Unterstützung von Energiewendeprozessen betonen alle den Wert lokaler Kapazitäten, der Beteiligung der Gemeinschaft und solidarischer Netzwerke als Mittel zur Bewältigung sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Herausforderungen. In jedem Fall werden Sozialwährungen als Instrumente verstanden, die in der Lage sind, territorial verankerte Wirtschaftskreisläufe anzuregen, kollektive Identitäten zu stärken und demokratischere Formen der Regierungsführung zu fördern. Darüber hinaus unterstreichen die Initiativen die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Universitäten, sowie den Gemeinschaftsbankennetzwerken und großen Organisationen beim Ausbau sozialer Innovationskapazitäten, wenn auch je in unterschiedlichen Kontexten. Zusammen weisen sie auf eine Weiterentwicklung des Bereichs der Gemeinschafts- und Solidaritätsfinanzierung in Brasilien hin, die zunehmend mit anspruchsvolleren Hoffnung in Sachen sozialer Inklusion, Nachhaltigkeit und territorialen Entwicklung verknüpft sind.“

Stephanie und Julio, zwei der wenigen Zeitbanker, die auf der Veranstaltung referierten, trafen sich zufällig beim Mittagessen.

All diese Erkenntnisse fanden bei mir natürlich Anklang und spiegeln meine eigenen Erfahrungen mit Komplementärwährungen wider. Sie können ein wirkungsvolles Instrument sein, WENN sie so umgesetzt werden, dass sie den Bedürfnissen der Gemeinschaft entsprechen – unter Einbeziehung der Gemeinschaft in die Steuerung und Mitgestaltung und auf der Grundlage klar verstandener, kommunizierter und hochgehaltener Werte. Sie sind ein Mittel zum Zweck. Aber ein Projektt, das nicht mit den Zielen und der Kultur der Gemeinschaft im Einklang steht, kann mehr Schaden als Nutzen anrichten. Und doch haben genügend Menschen bereits den Nutzen und auch den Wandel verschiedener Anwendungen von Gemeinschaftswährungen erlebt. Wir werden weiterhin experimentieren, lernen und uns austauschen, um die schönere Welt zu verwirklichen, von der wir glauben, dass sie durch diese Währungen mitgestaltet werden kann.

Doch dazu müssen wir unseren Worten Taten folgen lassen. Viele Referenten identifizierten gemeinsame Bedürfnisse, die mit etwas konzentriertem Einsatz der auf der Konferenz vertretenen Erfahrungen erfüllt werden könnten. Einer der wichtigsten Bedürfnisse, die von mehreren Referenten genannt wurden, ist ein tragfähiges Geschäftsmodell für Gemeinschaftswährungen insgesamt. Dies wurde von Nicolas Franka, Michael Marks vom „Hudson Valley Current“, von uns beim „Missing Linking“ sowie von Julio Gisbert zum Ausdruck gebracht, der in seinem Beitrag (der den anderen ersten Preis gewann – eine Zusammenfassungen der genannten Beiträge findet sich hier) mehrere laufende Experimente zur Verknüpfung von Zeitbanken mit anderen Wirtschaftssektoren dokumentiert.

Andere Teilnehmer äußerten den Wunsch „Wissensgemeinschaften“ zu schaffen und Wissen zu teilen. Außerdem wurde der Bedarf an mehr Wegbereitern, einer stärkeren Gemeinschaftskultur sowie ehrlicheren und aktuelleren Informationen über den tatsächlichen Stand des Fachgebiets deutlich. Es wurde festgestellt, dass der akademische Ansatz diese Systeme romantisiert, während echte Erfolg aus der Notwendigkeit heraus entstehen. Wissenschaftler könnten zudem dabei helfen, Stärken zu identifizieren, auf denen aufgebaut werden kann.

Die letzte Sitzung war die Mitgliederversammlung von RAMICS, bei der neue Vorstandsmitglieder gewählt wurden und einige andere zurücktraten. Die Stimmung im Raum war insgesamt positiv, wenn auch mit einem Gefühl der Erschöpfung gepaart, wie es nach einer ereignisreichen Woche und all der Arbeit der Konferenz, natürlich ist. Der wichtigste Aufruf war, Vorschläge für die Ausrichtung der nächsten internationale Konferenz in zwei Jahren einzureichen. Auch wurde die Hoffnung auf neue Kommunikationskanal artikluliert, um das unerschlossene Potenzial lokaler Währungen an eine neues und jüngeres Publikum zu bringen. Ich lud RAMICS daher dazu ein, Mitglieder bei  HUMANs zu werden und dort um Hilfe zu bitten – zum Wohle der Allgemeinheit oder gegen ein paar HUMAN-Stunden, so wie wir es zuhause in Madison, Wisconsin (USA) tun. Die Zeit ist reif, dass wir uns das Leben erleichtern, indem wir die Vielzahl der Menschen um uns herum einbeziehen, die bereit sind, Unterstützung zu leisten. 

Ich möchte diesen Beitrag mit demselben Zitat beenden, mit dem ich auch meinen Vortrag abgeschlossen habe:

„Ein Traum, den man allein träumt, ist nur ein Traum. Ein Traum, den wir gemeinsam träumen, ist Realität.“ – Yoko Ono