Im Juni 2014 hat die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals einen Zinssatz unter 0% gesenkt. Diese „negativen Zinsen“ erhebt sie auf Übernacht-Einlagen der Geschäftsbanken – und sie ist damit nicht die erste und einzige Bank. Die Zentralbanker wollen damit erreichen, dass die Geschäftsbanken Kredite an die Realwirtschaft vergeben, anstatt überschüssiges Geld bei der Zentralbank zu lagern. In der Folge sanken auch die Zinssätze, die die Banken untereinander erheben, unter die Nulllinie und einzelne Banken führten Geldhaltegebühren auf Tagesgeldkonten von Großkunden ein.2

2 http://www.heise.de/tp/artikel/43/43378/1.html

Die Idee ein Geldsystem anders als mit positiven Zinsen zu konstruieren, geht zurück auf den deutsch-argentinischen Kaufmann Silvio Gesell und den französischen Ökonomen Maurice Allais. Gesell beobachtete das Auf und Ab der Wirtschaft, in der er seine Geschäfte machte und entwickelte die Idee, dass ein schwankender Geldumlauf auch die wirtschaftlichen Aktivitäten schwanken läßt. Läuft das Geld schnell um, setzt ein Boom oder Inflation ein, verlangsamt es seine Umlaufgeschwindigkeit werden weniger Umsätze und Investitionen getätigt. Wirtschaftskrisen und Deflation sind die Folge. Eine zentrale Ursache sah Gesell darin, dass man Geld dem Wirtschaftskreislauf entziehen kann: Physisch, indem es unters sprichwörtliche Kopfkissen wandert; oder modern, indem es sich an spekulativen Märkten bewegt, die mit der Realwirtschaft wenig zu tun haben. In beiden Fällen steht es nicht unmittelbar zum Kauf der produzierten Waren zur Verfügung, die in der Zeit veralten, verrosten oder verrotten – sprich: an Wert verlieren, während das Geld seinen Wert zunächst behält.

Anstatt Geldbesitzer durch hohe Zinsen für ihren „Konsumverzicht“ zu belohnen, schlug er vor, ihnen umgekehrt für das Zurückhalten von Geld Gebühren aufzuerlegen. Der Begriff der „Demurrage“ ist heute noch in der Schifffahrt gebräuchlich: Wenn beim Beladen oder Löschen eines Frachtschiffes die vereinbarte Dauer überschritten wird, wird das „Demurrage“ genannte „Liegegeld“ fällig. Dasselbe Prinzip wollte Gesell auch auf Bargeld anwenden. Um die „Durchhaltekosten der Bargeldhaltung“ zu vermeiden, würde der Geldbesitzer seine flüssigen Mittel durchaus auch zu einem Zinssatz von 0% bereitstellen – so die Überlegung. Da dieses Geld dann überwiegend zinsfrei verliehen würde, nannte er sein Geld-Konzept „Freigeld“.

Während der Gesell’sche Reformansatz innerhalb der Wirtschaftswissenschaften weitgehend unbekannt und höchst umstritten ist, erfährt er inzwischen durch die Praxis vermehrt Anerkennung. In mehreren Ländern haben Zentral- und Geschäftsbanken das Instrument in ihren Werzeugkoffer übernommen und begonnen, auf Sichteinlagen Negativzinsen oder „Guthabengebühren“ zu erheben. Sie versprechen sich davon, deflationäre Wirtschaftskrisen abzuwenden ohne durch Geldmengenausweitung Inflationsrisiken zu schüren.

Praktische Anwendung fand das Freigeld-Konzept bis dahin vor allem in lokalen Notgeldern und Zweitwährungen. So emittierte der Bürgermeister der Tiroler Kleinstadt Wörgl während der Weltwirtschaftskrise 1932 sogenannte „Arbeitswertscheine“, auf die ein monatliches Liegegeld zu zahlen war und führte seine Gemeinde bis zum Verbot durch die Notenbank aus der ärgsten Krise. In den USA wurden in den 30er Jahren unzählige Notgelder emittiert, mit teils exorbitant hohen Umlaufgebühren. Viele Regiogelder, allen voran der bekannte „Chiemgauer“, tragen ebenfalls eine Geldhaltegebühr und wollen so den Geldumlauf vor Ort beschleunigen und die regionale Wirtschaft ankurbeln. Doch auch in kommerziellen Bereichen wird von diesem Ansatz Gebrauch gemacht: Beim Online-Telefoniedienst skype (TM) schwindet das einmal gekaufte Guthaben, wenn es nicht regelmäßig benutzt wird.

In der Münzgeschichte findet sich ein ähnliches Modell: Die „Brakteaten“ waren ein dünnes Blechmünzgeld, welches in einigen Regionen gültig war und regelmäßig verrufen wurde. Beim Zwangsumtausch der alten in neue Münzen wurde ein Abschlag einbehalten, der als Steuer gedacht war, zugleich aber zu einem anderen Umgang mit dem Geld führte. Statt die Münzen zu horten, die an einem unbestimmten Tag wertlos werden sollten, gaben die Menschen das Geld lieber heute als morgen wieder aus oder investierten es langfristig und verstetigten so den Geldumlauf. Auch dieses Prinzip findet sich bis heute, z.B. bei Gutscheinen oder Guthabenkarten und -Konten von Unternehmen mit zeitlich begrenzter Gültigkeit. Das Prämienprogramm der Lufthansa wurde so konzipiert, dass Flugmeilen normallerweise nach 36 Monaten verfallen – unter anderem um zu verhindern, dass die Lufthansa wegen ihres Prämienprogramms in Konkurs geht, was bei dem erfolgreichen Kundenbindungsprogramm passieren würde, wenn z.B. plötzlich alle Kunden ihre gesparten Flugmeilen einlösen würden.

 

Vorbild für ein nachhaltiges Geldsystem jenseits eines Wachstumszwangs?

Mit dem Ziel, eine zinslose Wirtschaft zu ermöglichen, bietet die JAK-Bank in Schweden seit 1965 Bankdienstleistungen auf der Grundlage eines zinslosen Spar- und Darlehenssystems an. Die über 38.000 Mitglieder der Genossenschaftsbank sparen auf zinslosen Sparkonten und können sich Geld aus dem Gemeinschaftstopf deshalb zu Verwaltungskosten leihen. Das Prinzip ist einfach: Wer als Sparer auf Zinsnahme verzichtet, der spart sich als Kreditnehmer ebenfalls die Zinsen. Nach diesem Prinzip sind Sparen und Leihen im JAK-System gemeinschaftlich verbunden, was die JAK-Bank zudem über einen aktiven Dialog unter den Mitgliedern fördert.

Der exponentielle Mechanismus des Zinseszinseffekts, der von vielen Geldkritikern als eine der maßgeblichen systemischen Ursachen von Umverteilung und Wachstumszwängen gesehen wird, wird von der JAK Bank auf einzigartige Weise umgangen. Ihr Geheimrezept: An die Stelle der Zinsen tritt das Prinzip ergänzender „Savings-Points“, ein von der JAK Bank ausgeklügeltes und inzwischen mehrfach weiterentwickeltes Verfahren der Liquiditäts- und Fristenplanung.

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Das Spar- und Leihmodell der JAK-Mitgliedsbank: Ansparen, Leihen, Amortisieren, Nachsparen – alles ohne Zinsen.

In den 1930er Jahren, inmitten der „Großen Depression“ wurden in Dänemark die ersten konkreten Schritte in Richtung des JAK Bank Modells unternommen, 1970 hat sich die JAK Bank schließlich auch in Schweden erfolgreich etabliert und besteht dort bis heute. Inzwischen gibt es Nachahmer in Finnland, Italien und Spanien. Auch in Deutschland, wo sich die Wurzeln dieser Idee bis auf das in der Weimarer Republik entwickelte Modell der „Ausgleichskassen“ zurück verfolgen lassen, gibt es mit der OZB Stuttgart und der neu gegründeten ZLS Freiburg immerhin zwei Initiativen. Dennoch ist das JAK Bank Modell hierzulande kaum bekannt.

Da das Zinsnehmen (und Zinsgeben) im Islam verboten ist, wird das JAK-Modell in Schweden offenbar gern von gläubigen Muslimen genutzt, die im zinslosen JAK-Banking eine glaubenskompatible Möglichkeit sehen, sich am modernen Geldwesen zu beteiligen.

 

Weiterführende Informationen:

– Die Jak Mitgliedsbank (deutsch) https://www.jak.se/sites/default/files/international/dokument/tysk_sida.pdf
– Ana Carrie (2001): How interest-free banking works – The case of JAK. In: FEASTA REVIEW Number 2, S. 149-154. Download:
http://www.feasta.org/documents/review2/carrie2.pdf (247 KB)
– Mark Anielski (2004): The JAK Members Bank Sweden An Assessment of Sweden’s No-Interest Bank. Download: http://anielski.com/wp-content/documents/The%20JAK%20Bank%20Report.pdf
– JAK Boken /JAK Book (2009, auf Schwedisch, Englisch, Italienisch): https://www.jak.se/aktiva/jak-boken
– Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/JAK_Mitgliedsbank
– Video der schwedischen JAK-Bank (englisch) http://vimeo.com/13544381
– längeres Video von JAK Italia (englisch) http://www.youtube.com/watch?v=aW2pj109Cr8
– Artikel (englisch) http://p2pfoundation.net/JAK_Bank

JAK Bank-ähnliche Modelle in Deutschland:

OZB Stuttgart Homepage: https://www.ozb.eu/

JAK Bank-ähnliche Modelle in anderen Ländern:

JAK Schweden (JAK Sverige): https://monneta.org/2015/05/jak-mitgliedsbank-schweden/

JAK Dänemark (JAK Danmark): http://www.jak.dk/ Twitter: https://twitter.com/JAKDANMARK

JAK Finland: http://www.jak.fi/mediawiki/phase3/index.php/Etusivu

JAK Italien (Associazione Culturale Jak Bank Italia): http://www.jakitalia.it/ Facebook: https://www.facebook.com/jakitalia Twitter: http://twitter.com/JakItalia

JAK Spanien (JAK España): http://bancasininteres.blogspot.dk/p/el-modelo-jak.html

Islamic Banking bezeichnet Bankgeschäfte nach islamischen, sharia-konformen Prinzipien. Zu den Besonderheiten des Koran-konformen Bankwesens gehören nicht nur das Zinsverbot, sondern auch der Verzicht auf Spekulationsgeschäfte und unethische Investitionen von Kundengeldern z.B. in Alkohol, Tabak und Pornographie.

Islamic Banking beinhaltet darum einerseits die Vergabe zinsfreier Kredite und anderseits den Vertrieb von Investment- und Finanzprodukten, die zwar eine Rendite erlauben, aber keinen risikofreien Anlagezins versprechen. Auch zeitlich gestreckte Darlehen sind unzulässig, wenn eine Bank für die Laufzeit Zinsen aufschlagen muss. Um dies zu umgehen, erwerben islamische Banken zu finanzierende Objekte wie Häuser zunächst selbst und geben sie anschließend gegen einen Gewinnaufschlag weiter.

In Großbritannien öffnete die Islamic Bank of Britain als erste Bank nach islamischen Prinzipen im September 2004 ihre Pforten (Studie von Mark Anielski, PDF). Im Jahr 2012 hat in Deutschland der erste Vermögensverwalter den Betrieb von Sharia-konformen Finanzprodukten gestartet (Bericht im Deutschlandfunk). Erst im März 2015 hat die Bafin der Kuveyt Türk Bank AG als erster Sharia-konformer Bank im Deutschen Markt eine Lizenz erteilt, wie u.a. die ZEIT berichtete.

Dieser Artikel ist Teil unseres neuen Grundkurses Geldreform. Schauen Sie mal rein!