Rechtzeitig zum 10. Jahrestag des Lehman Brother Crashs haben wir es geschafft den neuen Verein “Bürgerbewegung Finanzwende – Finance Watch Deutschland” zu gründen. MONNETA ist Gründungsmitglied, u.a. weil wir auch Mitglied bei “Finance Watch” in Brüssel sind. Wir möchten alle um Unterstützung des neuen Vereins bitten, auch weil das der internationalen Arbeit von Finance Watch auf EU-Ebene hilft. Die Politiker brauchen mehr gezielten Druck, um die Bürgerinteressen gegenüber der mächtigen Finanzwirtschaft besser zu vertreten. Zum offiziellen Start sendet die Bürgerbewegung Finanzwende ein starkes Signal an die Politik:

10 Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise. Die ernüchternde Bilanz: Kaum jemand wurde in Deutschland zur Verantwortung gezogen. Schuldenkrisen, Betrug und Steuertricks sind an den Finanzmärkten weiter an der Tagesordnung – und die Regierung tut so, als sei alles gut.

Setze ein Zeichen für eine finanzpolitische Kehrtwende, damit die Gesellschaft die Kontrolle über die Finanzmärkte zurückgewinnt. Unterzeichne unseren Forderungskatalog an den Bundesfinanzminister Olaf Scholz und starte mit uns die Finanzwende! Denn die Finanzkrise ist nicht vorbei, sie sucht sich nur gerade ihre nächsten Opfer. Sie frisst sich in die Altersvorsorge oder die Mieten, vom Börsenparkett in die privaten Wohnzimmer.

Eigentlich müsste die Politik massiv gegensteuern, um endlich die gefährlichen Exzesse der Finanzbranche zu beenden! Bisherige Regulierungsbemühungen wurden jedoch zu oft verwässert oder ganz ausgebremst, weil die Finanzlobby nach wie vor übermächtig ist. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD findet sich nichts zur Regulierung der Finanzmärkte. Das nehmen wir nicht hin! Schließ Dich uns an und fordere gemeinsam mit uns den Bundesfinanzminister auf, Maßnahmen zur Überwindung der Finanzkrise auf den Weg zu bringen:
Eine wirksame Schuldenbremse für Banken Über 95% der Aktivitäten der Banken werden mit Schulden finanziert. Wir wollen verhindern, dass auch bei einer neuerlichen Verschärfung der Krise Banken wieder mit Steuergeld gerettet werden müssen. Deswegen fordern wir eine wirksame

Schuldenbremse
Banken sollen mindestens mit 10% echtem Eigenkapital wirtschaften. Echte Finanztransaktionssteuer statt minimale Börsenumsatzsteuer
Jeder Brötchenverkauf ist mit Umsatzsteuer belegt, der Handel mit Wertpapieren dagegen nicht. Dabei könnte man schon mit einem sehr geringen Steuersatz den Irrsinn stoppen, dass von Computern im Millisekundentakt Milliarden hin und her geschoben werden – zu Lasten der langfristig orientierten Sparer und Investoren. Wir fordern deshalb die Einführung einer echten Finanztransaktionssteuer auf alle Transaktionen
im Finanzmarkt, auch auf Derivate.

Unabhängige Finanzberatung statt provisionsgetriebener Finanzvertrieb
Unkundigen Bürgerinnen und Bürgern werden Finanzprodukte untergejubelt, die wegen der Provisionen zwar gut für den Vermittler, aber schlecht für den Kunden sind. So hat sich die Umsetzung der privaten Altersvorsorge vor allem als großes Geschäft für Versicherungsunternehmen auf Kosten der Kunden erwiesen. Wir fordern eine Überwindung dieses Provisionsunwesens und den Wechsel zu wirklich unabhängigen Finanzberatern, die wie Anwälte und Steuerberater ausschließlich dem Wohl ihrer Mandanten verpflichtet sind.

Wende auf dem Immobilienmarkt
Der deutsche Immobilienmarkt verkommt zunehmend zu einem abgehobenen Marktplatz für Reiche und spekulative Investoren, zum Nachteil derer, die bezahlbaren Wohnraum brauchen. Dabei sind die Gefahren durch Immobilienblasen nicht erst seit der Lehman-Pleite bekannt. Wir fordern, dass der soziale Wohnungsbau gestärkt wird und mit der Wohnungsgemeinnützigkeit Wohnraum dem Spiel der Finanzmärkte entzogen wird; die Grundsteuerreform muss genutzt werden, um Wertsteigerungen fair beim Eigentümer zu besteuern.

Lobbyregister und Fußabdruck bei Gesetzen
Noch immer schreiben Lobbyisten von Banken und Versicherungen munter an Gesetzen mit, ohne dass wir es merken können. Wir fordern ein  Lobbyregister, damit wir wissen, wer für Banken, Fonds und Versicherungen mit wie viel Geld arbeitet – und eine Offenlegung, welche Abschnitte im Gesetz direkt auf Vorschläge der Finanzlobby zurückgehen.

Wir fordern, dass die Finanzmärkte wieder den Menschen dienen und nicht
umgekehrt. Unterzeichne unseren Appell und unterstütze die Finanzwende!

(Diese Appell der  Bürgerbewegung Finanzwende kann hier als PDF heruntergeladen werden.)

(Dieser Artikel ist dem Vorwort des Buches “Mikroökonomische Lehrbücher: Wissenschaft oder Ideologie?” von unserem Netzwerkexperten Prof. Dr. Dr. Helge Peukert entnommen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.)

Diese Studie mikroökonomischer Lehrbücher verdankt sich einem biographischen Zufall. Zum Zeitpunkt meines Wechsels von der staatswissenschaftlichen Fakultät in Erfurt an die Universität Siegen zur Mitgestaltung des neuen Masterstudiengangs Plurale Ökonomik vergab das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) aus Düsseldorf ein zweijähriges Forschungsprojekt an die Ökonomen des Masterstudiengangs. Da der Forschungsauftrag, eine Analyse der vorherrschenden Mikro- und Makroökonomielehrbücher die Initiatoren des Studiengangs interessierte, übernahmen wir die praktische Durchführung. Schließlich gehören die Mikro- und die Makroökonomie (nicht nur) in Deutschland zum Kernkanon der Einführungsveranstaltungen und nicht zuletzt die Kritik an diesen Veranstaltungen führte zur Einrichtung des alternativen Masterstudiengangs.

Ein Mitarbeiter, Christian Rebhan, hatte bereits in Erfurt eine empirische Magisterarbeit verfasst, in der er erhob, welche Lehrbücher an deutschen Universitäten in Bachelorveranstaltungen zum Einsatz kommen. Zu unserer Überraschung dominieren in der mikroökonomischen Lehre fast vollständig die zwei Lehrbücher von Hal Varian und von Robert Pindyck und Daniel Rubinfeld (Rebhan, 85, die englischen und deutschen Versionen der beiden Lehrbücher unterscheiden sich höchstens in geringfügigen Details).

Eher aus Neugier warf ich gelegentlich einen Blick in die dicken Wälzer, die nach und nach im Zuge der Anlage einer kleinen Bibliothek mit den vorherrschenden, aber auch mit pluralen, heterodoxen und alternativen Beiträgen eintrafen. Rund vier Jahrzehnte hatte ich in kein Mikrolehrbuch mehr genauer hineingeschaut. In Erinnerung behielt ich von der damaligen Lektüre, dass die Mikroökonomie zwar einseitig neoklassisch ausgerichtet war, aber trotz ihrer zu kritisierenden Einseitigkeiten doch auch für sehr viele Fragestellungen hilfreiche Werkzeuge an die Hand gibt.

Auf den ersten Blick schien es bei den in der Zwischenzeit quantitativ deutlich angeschwollenen Einführungen zudem so, dass sie auch dank vieler Beispiele viel anschaulicher und lebendiger geworden sind. Waren diese Veränderungen in den letzten Jahrzehnten etwa Ausdruck einer positiven Weiterentwicklung? Recht schnell fielen aber z.B. die einseitige Auswahl der Beispiele, der marktaffine Standpunkt und die normativen Stellungnahmen der Verfasser auf, was keinen guten zweiten Eindruck hinterließ und den Verfasser im zehnten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise einmal mehr daran erinnerte, dass den Wirtschaftswissenschaften ein beträchtliches Maß an Verantwortung für ihren Ausbruch und danach für unterbliebene Reformen des Geld- und Finanzsystems zukommt.

Da auch heterodoxe Lehrbücher und explizite Kritiken des Mainstreams für unsere kleine Bibliothek im Verlauf des Forschungsprojektes eintrafen, schaute man natürlich auch in sie gelegentlich hinein. Irgendwie war es dann so weit: Ich hatte Feuer gefangen und wollte nun genauer wissen, wie es um die Mikrolehrbücher und ihre Kritik steht. Hieraus ergab sich eine vorher so nicht geplante Arbeitsteilung: Elsa Egerer untersucht im Rahmen des Forschungsprojekts und ihrer Dissertation die Teile der Makrolehrbücher, in denen es um Geld- und Finanzmärkte geht, Christian Rebhan wesentliche sonstige Schwerpunkte der Makrolehrbücher und ich entschied mich für die Mikroökonomie. Das Ergebnis liegt hier vor, die Beiträge von Egerer und Rebhan werden als Dissertationen folgen. Eine kondensierte Fassung unserer „Trilogie“ wird Ende 2018 auf der Website der FGW einsehbar sein.

Der Verfasser dieser Studie erhebt keinesfalls den Anspruch, Experte auf dem Gebiet der Mikroökonomie zu sein. Insofern dürften sich eine ganze Reihe von Aussagen und Behauptungen im Text finden, über die sich trefflich streiten lässt. Ich habe die Studie vorab nicht der Kritik der wenigen heterodoxen oder orthodoxen Fachleute ausgesetzt, da dies sicher einiger Zeit bedurft hätte und die analysierten Auflagen der Lehrbücher dann schon durch neue überholt worden wären. Auch erschien es mir eine Zumutung, von Kollegen zu erwarten, den Text im Detail durchzusehen. Ich bitte alle Leser, mir Fehler, Unklarheiten und sonstige Anregungen zuzusenden, um den Text in einer Zweitauflage zu verbessern und mich zu Diskussionen zwecks kritischem Gedankenaustausch einzuladen.

Das Wagnis, mit diesem Text als Nichtexperte an die Öffentlichkeit zu treten, ist auch ein Versuch, expertokratische Überspezialisierung zu überwinden, der gemäß sich nur Personen zu wissenschaftlichen Themen äußern sollten, die sich mit Haut und Haar, am besten über Jahrzehnte, einem Spezialthema gewidmet haben. Die heutigen Selbstbeschränkungen führen m.E. zur Verödung der Wissenschaftslandschaft. Über die Jahrzehnte war es für mich bedrückend zu beobachten, wie man wissbegierige und gestaltungsfreudige junge Menschen durch realitätsferne und oft ausgesprochen langweilige Einführungen in die curricularen ökonomischen Kernfächer demotivierte. Dabei ist das reale Wirtschaftsleben bunt und spannend und es bedarf v.a. angesichts der Bedrohung der Biosphäre und zahlreicher anderer Herausforderungen junger, kompetenter Intellektueller mit klarem Kompass, die sich nicht, wie die meisten der heute im Wissenschaftsbereich übrig Bleibenden, als Wissenschaftsfunktionäre und Sachverwaltergehilfen des Politestablishments verstehen.

In Anlehnung an das Popper’sche Forschungsleitbild werden in der folgenden Analyse mutig Kritiken, Thesen und Deutungen geäußert, die gerne „falsifiziert“ werden können. Ermuntert wurde ich für dieses Vorhaben durch die Kritik der pluralen Studierendengruppen des Netzwerks Plurale Ökonomik, das ich vor mehreren Jahrzehnten, damals unter der Fahne der Postautistischen Bewegung, mitgründete. Auch gab es Anfragen, ob es denn kritische Begleittexte zu den einseitigen Lehrbüchern gebe.

Zu meiner Studienzeit in Frankfurt am Main war die Lehre in den Kernfächern noch plural: In Mikroökonomie lernte man, wen man Glück hatte, sogar den Ansatz Sraffas kennen und als kritische Begleitung für die Tutorien wurden fast immer Bücher von Emery Hunt und Howard Sherman, John Eatwell und Joan Robinson, Maurice Dobb u.a. einbezogen. Demgegenüber wird heute, wie plurale Studierende immer wieder berichten, trotz aller möglichen Weiterentwicklungen (nicht nur) in der Mikroökonomie meist nur durch den Standardkanon mit gelegentlichen, kurzen Seitenblicken durchgesaust. In fortgeschrittenen Lehrveranstaltungen an früheren Wirkungsstätten war für mich unverkennbar, dass bei solch einseitigen, schnellen Parforceritten bei den meisten Studierenden auch dank der Umstellung auf das Bachelorsystem mit semesterbegleitenden Klausuren häufig nicht gerade viel hängen blieb und das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge doch sehr zu wünschen übrig ließ ‒ ganz abgesehen vom heimlichen Lehrplan der Vermittlung einer bestimmten, oft marktliberal-konservativen Sicht der Dinge (z.B. alle möglichen Nettowohlfahrtsverluste bei „Eingriffen“ in Marktprozesse). Dieser heimliche Lehrplan empörte den Verfasser dieser Studie bei der folgenden Untersuchung des Öfteren, was sich hin und wieder in leicht ironischen Bemerkungen niederschlagen dürfte.

Bei den Nachforschungen zum internationalen Stand der heterodoxen Literatur für unsere (Alternativ-)Bibliothek stellten wir freudig fest, dass es neben wenigen deutschsprachigen Beiträgen zumindest im angelsächsischen Bereich eine ganze Reihe sehr niveauvoller Kritiken und Lehrbuchalternativen gibt, die leider in Deutschland so gut wie unbekannt sind und in Lehrveranstaltungen nach unserer Erhebung überhaupt keine Rolle spielen. Für fast alle Veranstaltungen gelten heute, wie erwähnt, Varian sowie Pindyck und Rubinfeld als Primärquellen. Insgesamt werden rund zwei Dutzend Mikrolehrbücher in deutscher Sprache angeboten, die aber kaum von den hier analysierten abweichen.

Um bei der Analyse der Lehrbücher nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und ohne jegliche Struktur in die Texte einzutauchen, wurde zunächst, vor der genaueren Analyse der Lehrbücher, ein analytischer Rahmen entwickelt, der zur Unterscheidung eines mehr und eines weniger raffinierten Mainstreams (I und II, mit der Neoklassik als weiterer Untergliederung) und der Heterodoxie führte (Kapitel 1). Grundlage hierbei war die allgemeine Kenntnis der Diskurslandschaft, aber auch z.B. wissenschaftstheoretische Beiträge zu den Wirtschaftswissenschaften. Ich danke Elsa Egerer für konstruktive Verbesserungsvorschläge und Diskussionen zu diesem Rahmen, der natürlich Widerspruch hervorrufen dürfte, da er auf der These beruht, dass es trotz aller Ausdifferenzierungen nach wie vor einen identifizierbaren Mainstream, einschließlich bestimmter wirtschaftspolitischer Vorurteile gibt. Auch die These eines in weiten Teilen markierbaren heterodoxen Kanons dürfte Zweifler finden. Und natürlich ließen sich viele weitere Unterschiede hinzufügen oder abziehen, da die Zusammenstellungen nicht (sach)logisch geschlossen sind.

Dennoch: Auch um die Ergebnisse der verschiedenen Lehrbuchanalysen zur Mikro- und Makroökonomie vergleichbar zu machen und um eine gewisse Struktur in das allgemeine Vorgehen zu bringen, scheint uns dieser Katalog doch ein geeigneter Ausgangspunkt zu sein, der auch bestimmte Vorannahmen der drei Studien zum Zustand der Wirtschaftswissenschaften verdeutlicht.

Die Bedeutung dieses analytischen Rahmens wurde allerdings zu Beginn überschätzt. Zwar dient er als Hintergrundfolie, aber die Untersuchung der einzelnen Kapitel und Themen gewann doch auch dank der v.a. angelsächsischen kritischen Sekundärliteratur eine konstruktive Eigendynamik, die weit über das Abprüfen des Kriterienkatalogs hinausging. Kapitel 2 und 3 thematisieren neben kurzen Ausführungen zu den gewinnorientierten Verwertungsbedingungen des amerikanischen Lehrbuchmarktes markante Aussagen und Annahmen der einzelnen Kapitel der beiden Lehrbücher. In Kapitel 4 wird ein ‒ leider sehr skeptisches ‒ Fazit gezogen und die Ergebnisse werden kurz in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang gestellt. Kapitel 5 diskutiert einige alternative Lehrbücher und Texte, die sich für eine bessere Lehre, nicht zuletzt für den pluralen Masterstudiengang in Siegen, anbieten. Kritikpunkte an einzelnen, in den Lehrbüchern gemeinsam anzutreffenden Bausteinen werden meist nicht doppelt vorgetragen, sondern nur anhand des einen oder des anderen Lehrbuchs ausgeführt.

Auf naheliegende dogmenhistorische Bezüge wurde bewusst weitestgehend verzichtet. Der Text fordert dem willigen Leser dennoch einiges an Aufwand ab, da er sich nicht auf eine leicht zu überfliegende, kondensierte und am besten in wenigen Zahlen komprimierte Zusammenfassung der Durchsicht beschränkt, sondern der Verfasser sich die Mühe macht, auch im Detail Inhalt und Marschrichtung der Lehrbücher nachzuverfolgen, es also nicht bei einer verallgemeinernden Pauschalkritik belässt. Dies ist auch nötig, um in der aktuellen Diskussion zur Frage Stellung nehmen zu können, ob v.a. das Netzwerk Plurale Ökonomik (www.plurale-oekonomik.de) mit seiner Kritik an der Lehre an deutschen Hochschulen recht hat oder ob diese Kritik auf „Unkenntnis“, „Ignoranz“, „Unwissenheit“ und „schwindender Bereitschaft zum Dialog“ beruht ‒ Vorwürfe, die von Besserwissern des Mainstreams in letzter Zeit verstärkt gegen das Netzwerk vorgebracht werden.

Das empirische und hermeneutische Ergebnis dieser Studie lautet: Die Lehrveranstaltungen zugrunde liegenden Mikrolehrbücher, für die es einige Alternativen gäbe (siehe Kapitel 5), sind in mehrerlei Hinsicht völlig einseitig, die Kritik der Studierenden und heterodoxer Ökonomen trifft zumindest diesbezüglich ohne jeglichen Zweifel zu!

Gelegentlich hört man von Lehrenden den Einwand, in der tatsächlichen mikroökonomischen Lehre gehe es doch viel pluraler zu als in den angegebenen Lehrbüchern. Dem stehen viele Berichte von Studierenden in Deutschland gegenüber, die hiervon nichts bemerkten. Da die Syllabi und Powerpoints der Lehrveranstaltungen nicht öffentlich zugänglich sind (warum eigentlich nicht?), lässt sich dies leider nicht genau überprüfen. Eine ganze Reihe von Untersuchungen zu Modulbeschreibungen, Klausurfragen, Powerpoints usw. legen aber ziemlich eindeutig nahe, dass der Inhalt der Lehrveranstaltungen zumeist kaum von den Inhalten der Lehrbücher abweicht.

Als letztliche Motivation steht hinter dieser Studie ein wirtschaftsethisches Anliegen: Demokratische Entscheidungsstrukturen, sozialer Zusammenhalt auch durch Vermeidung zu großer sozialer Ungleichheit, die Förderung und der Erhalt kultureller Diversität und die ökologische Bewahrung der Biosphäre liegen mir neben einer effizienten materiellen Güterversorgung (die im ‒ auch normativen ‒ Zielkatalog des Mainstreams unangefochten an erster Stelle steht) am Herzen. Angesichts der immer deutlicher und sichtbarer hervortretenden Bedrohung unserer Umwelt, der auch hiermit zusammenhängenden Frage einer evtl. zu weit vorangetriebenen (Hyper-)Globalisierung und internationaler Arbeitsteilung sowie sich häufender Finanzkrisen bedarf es einer Weitung auch des mikroökonomischen Fragen-, Modell- und Reflexionshorizonts. Nationale Regierungen und die EU befinden sich mangels Engagement und dank WTO und Binnenmarktfreiheiten oft nicht mehr auf Augenhöhe mit multinationalen Unternehmen und privatwirtschaftlichen Interessengruppen, und im Verbund mit verstärkten Migrations- und Fluchtbewegungen schmelzen nicht nur in Europa die bürgerlichen Parteien der Mitte dahin, die bis dato womöglich den Rezepten des Mainstreams zu bereitwillig folgten (Ableitung der europäischen Binnenmarktfreiheiten aus Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile).

Wenn eine weitere erhebliche Steigerung des BIP in den Metropolen aus ökologischen Gründen nicht zu vertreten ist und uns auch nicht unbedingt zufriedener und glücklicher macht, richtet sich natürlich der Blick auf die Verteilung des Kuchens und als Ausgleich könnte eine höhere Zufriedenheit am Arbeitsplatz z.B. durch Partizipation angestrebt werden. Auf dem Weg in eine Ökonomie, die nicht zwangsläufig immer weiter wachsen muss, sind wahrscheinlich auch weitere Arbeitszeitverkürzungen unumgänglich. Für diese Herausforderungen reichen der mikroökonomische Mainstream und die Neoklassik nicht aus, da z.B. zumindest die elementare Neoklassik (der Lehrbücher) Verteilungsfragen vom Ansatz her eher agnostisch gegenübersteht und die Lehrbücher trotz IT-Revolution und angesichts völlig neuer Produktions- und Konsumformen (Netzwerkexternalitäten und Konsumenten als Datenproduzenten) inhaltlich und konzeptionell nach wie vor an der klassischen Industriegesellschaft ausgerichtet sind, obwohl Varian auch Chefökonom von Google ist.

Nach Meinung des Verfassers dieser Studie hat die, etwas polemisch formuliert, misanthropische Sichtweise v.a. des Menschenbildes des Mainstreams eine gewisse Berechtigung als nüchternes Fundament mikroökonomischer Analysen. Sie muss aber angesichts der aktuellen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen durch Ansätze der Heterodoxie und sie tragender Denkschulen ergänzt werden. Der Mainstream wird hier also keineswegs rundheraus abgelehnt, sondern er kann durchaus als Ausgangspunkt dienen, sollte aber in Einführungsveranstaltungen keine monokulturelle Einbahnstraße sein.

 

Helmut Creutz hat viel zur Enttabuisierung und Entzauberung unseres Geld- und Zinssystems beigetragen. Als Architekt fiel ihm in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf, dass die Finanzierung ökologischen Bauens regelmäßig an den damals sehr hohen Zinsen scheiterte. Gründlich und kritisch wie er war, wollte Helmut Creutz wissen, wieso die Zinsen so hoch waren und weshalb niemand diese Tatsache in Frage stellte.

Helmut Creutz fand nicht nur heraus, wie unser Geld- und Zinssystem funktioniert, er veröffentlichte sein Wissen auch in zahlreichen Grafiken und klärte durch seine Bücher und Vorträge weite Teile unserer Zivilgesellschaft auf. Sein Buch „Das Geldsyndrom“ kann als Grundlagenwerk zum Verständnis unseres Geld- und Zinssystems angesehen werden.

Dieses Buch inspirierte u.a. Prof. Dr. Margrit Kennedy zu ihrem Bestseller „Geld ohne Zinsen und Inflation“. Margrit Kennedy wiederum inspirierte im In- und Ausland hunderte Bürgerinitiativen, Vereine und Genossenschaften zur Herausgabe komplementärer Geldsysteme – die als Lernbewegung im deutschsprachigen Raum in weiten Regionen zur Aufklärung der Zivilgesellschaft in Sachen Geld beitrugen und -tragen.

Als kritischer Ökonom habe ich sämtliche von Helmut Creutz in seinen Büchern dargestellten Zahlenquellen und Zusammenhänge eigens geprüft – und bin durch die Bestätigung seiner Recherchen und Veröffentlichung seiner Quellen selbst zum Aufklärer hinsichtlich unseres Geld- und Zinssystems geworden.

So hat Helmut in seinen Grafiken zwar stets grob die Quellen wie „Bundesbank-Monatsberichte“ etc. angegeben, als Wirtschaftswissenschaftler interessierten mich jedoch detailliertere Quellenangaben. Da ich wie Helmut in Aachen wohnte, gewährte er mir kurzerhand in seiner Wohnung wiederholt Einblick in die von ihm verwendeten Quellen, die ich dann systematisch erfasst und veröffentlicht habe.

Wie kein anderer verstand es Helmut Creutz, die komplexen Zusammenhänge unseres Geld- und Zinssystems für jedermann und jedefrau verständlich darzustellen. Und in Frage zu stellen. Sein Buch „Die 29 Irrtümer rund ums Geld“ beleuchtet zahlreiche blinde Flecken unseres Geldsystems.

Als Mitglied der Freiwirtschaftsbewegung propagierte Helmut Creutz auch die Erdung unseres Geld- und Zinssystems durch die Einführung von Negativzinsen auf kurzfristige Geldanlagen – wie sie inzwischen von der EZB sowie immer mehr Geschäftsbanken praktiziert wird. Helmut Creutz erkannte früh, dass die zunehmenden Blasen in den weltweiten Geld- und Finanzmärkten mit der zunehmenden Loslösung des Geld- und Zinssystems von der Realwirtschaft und ihren natürlichen Begrenzungen zu tun haben.

Entsprechend der Geschichte von Goethes Zauberlehrling haben wir uns mit dem Zinssystem ohne Negativzinsen ein sich selbst beschleunigendes System geschaffen, dass seit den Weltkriegen einerseits ein wichtiges Instrument zur Unterstützung großer Wirtschaftswunder und wachsenden materiellen Wohlstands war und ist, andererseits systemimmanent unausweichlich zu immer größeren Wirtschafts- und Währungskrisen sowie zur Überschreitung ökologischer und sozialer Grenzen führt.

Helmut Creutz hat diese Zusammenhänge erkannt und transparent und übersichtlich dargestellt und vermittelt – und so sicherlich einen guten Anteil daran, dass Negativzinsen inzwischen nicht mehr tabuisiert sind, sondern fast schon zum normalen Instrumentenkasten unserer Zentral- und Geschäftsbanken gehören. Und erst diese Negativzinsen ermöglichen ein neues Gleichgewicht zwischen Finanz- und Realwirtschaft, zwischen Ökologie und Ökonomie.

Helmut Creutz haben wir auch das Wissen zu verdanken, wie unser bisheriges Zinssystem systematisch zur Vergrößerung gesellschaftlicher Ungleichheit beiträgt, indem es jährlich zur Umverteilung enormer gesellschaftlicher Vermögen von 80 % der weniger bis gar nicht wohlhabenden Bevölkerung zu den 10 % finanziell sehr Vermögenden führt.

Ein besonderes Anliegen von Helmut Creutz war zudem, auf die Zusammenhänge zwischen unserem Zinssystem sowie Krieg und Frieden hinzuweisen. Das Geldsystem stabilisierende langfristige reale Zinssätze von über 3 % lassen sich nämlich dauerhaft nur durch die ständige Ausweitung von Märkten erzielen (Kolonisierung und Globalisierung) – oder durch Kriege, deren Zerstörungen das ganze Spiel wieder von vorn beginnen lassen. Erst die Einführung von Negativzinsen entkoppelt diesen systemischen Zusammenhang.

Durch meine intensiven Recherchen zu den statistischen Grundlagen der von Helmut Creutz verwendeten Zahlen und Fakten konnte ich auch die liebevolle Gastfreundschaft von Helmut und seiner Frau Barbara erleben. Ich habe ihn als einen Menschen von vorbildlichem Charakter kennengelernt, der bei aller Sicherheit, was seine Forschungen und sein Aufklärungsinteresse betraf, angenehm bescheiden blieb.

Sensibel war Helmut Creutz, wenn seine über Jahrzehnte mühsam erarbeiteten Grafiken ohne Quellenangabe verwandt wurden, die er großzügig schon früh im Internet zur Verfügung gestellt hatte. Wer weiß, welch enorme Arbeit und Disziplin hinter der Zusammenstellung seines Zahlen- und Faktenwerkes steckt, wird auch in Zukunft gern und voller Anerkennung auf Helmut Creutz als Wissens- und Inspirationsquelle verweisen.

Webseite von Helmut Creutz:

http://www.helmut-creutz.de

Immer mehr Banken, Ökonomen und Politiker raten seit ein paar Jahren dazu, das Bargeld in Europa abzuschaffen (im Euroraum, aber auch in der Schweiz, Schweden, Norwegen, Dänemark und Großbritannien). Zahlung sollen dann nur mehr durch E-Cash, also Bankomat- oder Kredit­karten und andere elektronische Systeme möglich sein (PayPal, Handy, Chips, Prepaid-Karten…) Worum geht es den Gegnern des Bargeldes? Wollen sie möglicherweise Bankkonkurse, Schwarzarbeit, Geldwäsche und Steuerhinterziehung verhindern, den Überwachungsstaat ausbauen und die Wirtschaft mit negativen Zinsen ankurbeln?

Vorgeschichte

Seit Jahrzehnten wird in Europa versucht, Bargeld zurückzudrängen, elektronisches Geld zu fördern und alle BürgerInnen mit Girokonten, Bankomat- und Kreditkarten auszustatten – bisher jedoch erst mit begrenztem Erfolg. „Nur Bares ist Wahres.“ denken sich die meisten, wollen die Kontrolle über ihre Ausgaben behalten und fürchten die Kontrolle durch Banken und staatlichen Institutionen.
Die Menschen setzen im Gegenteil sogar vermehrt auf Bargeld, holen ihr Geld von der Bank und legen es „unter die Matratze“, weil die Zinsen so niedrig sind und das Vertrauen in die Banken verloren geht. So ist die Bargeldmenge in der EU 2015 um 80 Mrd. auf über eine Billion € gestiegen1. Auch in der Schweiz steigt die Nachfrage nach 1.000 SFR Scheinen enorm2. Bürger, Banken und Pensionsfonds legen ihr Geld in Tresore3. Bereits 28% des gesamten Euro-Bargelds wird in 500 € Scheinen gehalten. Das Horten großer Scheine ist ein Krisenindikator.

Aktuelle Situation

  • Derzeit gibt es schon in 18 EU-Ländern Obergrenzen bei Bargeld-Zahlungen: Griechenland 500 €, Italien, Frankreich und Portugal 1.000 €, Spanien 2.500 €, Belgien 3.000 €, Slowakei 5.000 €, Deutschland derzeit Vorschläge von 2.000 – 5.000 € u.a.m. Höhere Barzahlungen sind steuerlich nicht absetzbar oder sogar strafbar (Strafen bis 250.000 € wie in Belgien).
  • Griechenland ist unter massivem Druck der EU ein Vorreiter beim Bargeldverbot: Neben der Obergrenze, die seit 2011 von 1.500 auf 500 € gesenkt wurde (geplant ist die weitere Senkung auf 70 €), gab es Beschrän­kungen in der Bargeldbehebung (60 € pro Tag und Bürger), Steuer­vorteile für Kreditkartennutzung im Handel und eine Meldepflicht für Bargeld und Schmuck4.
  • Italien hat die Obergrenze 2011 auf 1.000 € festgelegt, aufgrund von Protesten aber nun auf 3.000 € erhöht. Die Strafe beträgt weiterhin mindestens 3.000 € und bis zu 40% der Summe!
  • Dänemark hat die Bargeldannahmepflicht aufgelockert: Einzelhändler, Tankstellen und Restau­rants können sich nun weigern, Bargeld anzunehmen5. Dies soll künftig auf Supermärkte und die gesamte Wirtschaft ausgeweitet werden. Die Zentralbank hat angekündigt, ab Ende 2016 „mangels Nachfrage“ keine neuen Banknoten mehr zu drucken6. Und: Bei Barzahlungen ab ca. 1.344 € kann der Verbraucher belangt werden, wenn der Händler den Betrag nicht versteuert!
  • In Finnland, Estland, Schweden und Irland können Händler die Bargeldannahme verweigern.
  • In Holland zahlen Banken Bargeld nur noch auf Bestellung und mit Wartezeit aus.
  • Schweden hat keine gesetzlich vorgeschriebene Höchstgrenze, schränkt aber die Nutzung von Bargeld erheblich ein – meist mit dem Argument, dies sei zur „Kriminalitätsbekämpfung“ nötig, und beabsichtigt das Bargeld in den nächsten Jahren gänzlich abzuschaffen. Wer in Schweden bar zahlen möchte, muss damit rechnen wie ein Krimineller angesehen zu werden.
  • Demnächst soll der 500,- € Schein von der EZB gänzlich abgeschafft werden7.
  • Die EU arbeitet angeblich an konkreten Plänen, das Bargeld 2018 völlig abzuschaffen8.

Höchstgrenzen für Bargeldzahlungen in der EU

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Quelle: www.evz.de Hinweis: Die dort angegeben Höchstgrenzen sind nicht für alle Länder aktuell (z.B. Griechenland).

Die offiziellen Argumente

Terrorbekämpfung und Verhinderung von Geldwäsche: Terroristen, Drogendealer und andere Kriminelle haben schon längst Wege gefunden, ihrem Geschäft unbeschadet nachzugehen. Und das würden sie auch in Zukunft und ganz ohne Bargeld tun9. Illegale Zahlungen und Geldwäsche erfolgen nicht nur mit Bargeld, sondern über Scheinfirmen, dem arabischen Hawala-System oder sog. Kryptowährungen wie Bitcoin.

„Große Summen werden in der organisierten Kriminalität bargeldlos mittels Scheinfirmen hin und her transportiert, sodass diese das Bargeld gar nicht mehr brauchen.“
Prof. Friedrich Schneider, JKU Linz, Experte für Schattenwirtschaft

Verringerung der Kriminalität: In Schweden versuchen Polizei, Banken, Handel und VIPs (wie der ABBA-Star Björn Ulvaeus10) in der Aktion „Bargeldfrei jetzt!“ der Bevölkerung einzureden, dass es die Abschaffung des Bargeldes die Kriminalität deutlich reduziert (keine Raub­überfälle). Bargeld sei das „Blut in den Adern Krimineller“11. Das Betrugsrisiko ist aber bei elektronischem Geld viel höher (gehackte Passwörter, Phishing, Trojaner…). Ich habe noch nie einen Raubüber­fall erlebt, aber bereits mehrmals den Betrug mit Bankomat- oder Kreditkarten v.a. im Internet. Schon mit Name, IBAN, Zahlschein und eingescannter Unterschrift lassen sich unbemerkt viele kleine Beträge abbuchen oder das ganze Konto leerräumen – so viel Bargeld tragen die meisten sicher nicht mit sich herum. Terror, Geldwäsche und Kriminalität lassen sich nicht durch die „Scheinlösung“ der Bargeldabschaffung bekämpfen.
Bargeld sei unpraktisch und teuer: Dem würden wohl die meisten Menschen widersprechen – im Gegenteil: Bargeld ist sehr praktisch, man bleibt anonym und behält den Überblick. Richtig ist, dass durch die Reduktion von Personal-, Druck-, Sach- und Transport­kosten in der EU vor allem für die Banken Einsparungen über 1 Mrd.€ pro Jahr möglich sind.12

Bargeld sei unhygienisch: Bargeld trage zur Übertragung von Krankheiten bei. Aber wer küsst schon seine Geldscheine und Münzen?
Bargeld spiele keine große Rolle mehr: Man argumentiert, dass über 90% der Zahlungen bereits heute elektronisch erfolgen. Es stimmt, dass in der Wirt­schaft und auf den Finanz­märkten heute schon fast alle Transaktionen elektronisch erfolgen. Die Konsumenten nutzen aber vorwiegend Bargeld zum Einkauf – vor allem in Deutschland und Österreich (im Handel 79% der Transaktionen und 53% der Umsätze13)! In den USA wird Bargeld tatsächlich nur wenig genutzt, sondern vor allem Kreditkarten. In der Folge gibt es in den USA das Problem hoher Kreditkartenschulden, weil Menschen den Überblick verlieren und am Ende des Monats ihre Kreditkartenschulden nicht bezahlen können.
Verhinderung von Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung: Durch die Schulden­berge und die stagnierende Wirtschaft haben die meisten Staaten große finanzielle Probleme. Diese versuchen sie durch zusätzliche Steuereinnahmen zu lösen, indem sie Transaktionen digital erfassen (z.B. durch Registrierkassen). Allerdings bleiben die großen Steuersünder und die Gesetze unangetastet, die den Konzernen und Superreichen z.B. durch Gruppenbesteuerung bzw. Stiftungen Steuerfreiheiten erlauben. Steuerreformen und Maßnahmen gehen meistens zu Lasten der Kleinen, während die Großen sich im Bezug auf die sog. „Steueroptimierung“ beraten lassen. Diese legale Steuervermeidung hat dazu geführt, dass internationale Konzerne wie Amazon, Apple und IKEA viel weniger Steuern zahlen als klein- und mittelständische Betriebe. Die Lobbyarbeit der „Großen“ scheint sich also auszuzahlen. Ferner gibt es keine Millionen vollzeitbeschäftigter Schwarzarbeiter. Für ein Gros der Schwarz­­­arbeit sind meist Großunternehmen verantwortlich, die durch Subunternehmen Menschen auf Werkvertrags­basis ausbeuten.

Hintergründe und Risiken

Verhindern von Bank Runs und Bankkonkursen

Von einem „Bank Run“ spricht man, wenn die Sparer bei einem Crash das Vertrauen in eine Bank verlieren und ihre Ersparnisse abheben (siehe z.B. Zypern oder Northern Rock in England). Die Banken haben aber nur ein paar Prozent der Einlagen ihrer Kunden in Bar bzw. als Eigen­kapital. Daher würde jede Geschäftsbank bankrott (Ital. „banca rotta“) gehen und das Banken- und Geldsystem kollabieren, wenn nur ein paar Prozent der Bürger ihr Geld abheben würden. Die BürgerInnen würden nur Bruchteile ihrer Ersparnisse bekommen, denn Buchgeld auf Konten oder Spar­büchern ist nicht ihr eigenes Geld (staatliches Zahlungs­mittel), sondern entspricht nur Forderungen gegenüber den Banken auf Geld, das niemand garantieren kann – sicher nicht die Banken selbst. Die staatliche „Einlagensicherung“ ist 2015 nicht wie geplant ganz gefallen, aber seit Jänner 2016 auf 100.000 € pro Konto reduziert worden. Dass die bestehenden Notfallfonds und der Staat bei einem Banken-Crash oder Bank Run überfordert ist, zeigte unlängst Bulgarien im August 2014 sowie Italien im Sommer 2016.
Möglich ist das, weil Banken jeden Geldschein gegen Zinsen bis zu 100 Mal verleihen dürfen. Geschäftsleute, die Waren verkaufen, die sie nicht besitzen, würden hinter Schloss und Riegel wandern. Banken verdienen durch dieses Schöpfen von Buchgeld, der Staat durch die Ausgabe von Bargeld (sog. Seigniorage). Denn die Geschäftsbanken müssen sich Bargeld von der Nationalbank leihen, dafür Sichteinlagen (z.B. Wertpapiere) hinterlegen und Zinsen bezahlen. Je mehr Bargeld im Umlauf ist, umso teurer kommt dies die Banken bzw. umso mehr reduziert dies ihr verfügbares Kapital. Ohne Bargeld entfallen diese Kosten und erhöht sich das verfügbare Kapital der Privatbanken.
Die Abschaffung des Bargeldes würde die Konkursgefahr für Banken eliminieren, weil niemand mehr Geld abheben könnte. Ohne Bargeld können wir BürgerInnen den Banken nicht mehr unser Vertrauen entziehen – ein unbegrenzter Freibrief für das Bank- und Finanzsystem. Das Verhindern des Systemcrashs ist prinzipiell im Interesse von uns allen. Die Frage ist, wer dafür bezahlt – die bisherigen Nutznießer des Systems (Multimillionäre, die den Großteil aller Vermögen haben) oder die große Mehrheit der Bevölkerung. Ferner gäbe es auch andere Möglichkeiten, das Problem zu lösen, von Schuldenschnitten bis hin zu Systemreformen (wie die Geldschöpfung in staatliche Hand – siehe unterhalb) – ohne das Bargeld abzuschaffen und unsere Freiheit einzuschränken.

Aufbau eines Überwachungsstaates

Ohne Bargeld gibt es fast keine Chance mehr, zu leben ohne auf Schritt und Tritt überwachbare digitale Spuren zu hinterlassen. Jede Bewegung, jeder Urlaub, jeder Einkauf sind nachvollziehbar. Da wird es einerseits schwer, der Ehefrau jede Ausgabe auf dem Kontoauszug zu erklären. Andererseits warnen Experten vor einem Überwachungsstaat im Dienst der Finanzindustrie, ein „Zeitalter des ökonomischen Totalitarismus“. Wer garantiert nach dem NSA-Skandal den Daten­­schutz? Dank dem SWIFT-Abkommen darf die USA seit 2010 auf alle EU-Bankdaten zugreifen. Somit weiß auch die NSA sofort, was Sie wann und wo einkaufen. (Dieses Abkommen wurde übrigens ebenfalls im Namen der Terrorbekämpfung verabschiedet.) Die Registrierkassenpflicht in Österreich ist bereits ein Schritt in die Richtung der Kontrolle aller Zahlungen. Auch die Begehr­lichkeiten der Konzerne sind groß, bieten sich doch (alp-)traumhafte Marketingmöglichkeiten.
Aus dem rein elektronischen Zahlungsverkehr ergeben sich auch unheimliche Steuerungs- und Kontrollmöglichkeiten: Man bräuchte keine Gefängnisse, um Kritiker mundtot zu machen. Man könnte unbequeme BürgerInnen einfach aus der Gesellschaft ausschließen, indem man ihr Konto sperrt. Man könnte per Knopfdruck Alkoholikern das Bezahlen von Alkohol verunmögli­chen, Sozialhilfe­empfängern vorgeben, was sie kaufen dürfen, Ressourcen und Lebens­mittel ratio­nieren, Enteig­nungen im großen Stil durchführen und vieles mehr. Es wird zwar beteuert, dass wir ein Rechtsstaat seien und so etwas nie passieren würde. Aber wer garantiert uns, dass das so bleibt? Die Skandale der letzten Jahre haben gezeigt: Alles, was machbar ist, wird auch getan, vor allem wenn die Angst und „die Gier nach Geld den Mächtigen die Hirne zerfrisst“ (Heiner Geißler). Man bräuchte nur einen Sozialhilfe-Missbrauchsskandal hochkochen, schon wären die ersten Schritte möglich14.
„Ein vollelektronisches Geldsystem – völlig transparent, ohne jeglichen Schutz der Privatsphäre bei Transaktionen und mit dem ständigen Risiko einer Enteignung durch den Staat – bedeutet, dass Geld kein privates Eigentum mehr sein wird. Der Weg in die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert.“ so Andreas Höfert, Chef-Ökonom der UBS, Die Weltwoche 27/2014.15
Wenn man dieses Szenario weiterdenkt, sind auch implantierte Chips vorstellbar. Dann könnten nur noch gechipte Menschen kaufen und verkaufen. So versucht man, Jugendliche in Diskos für implantierte Chips zu begeistern. Es sei „cool“ mit einem Schlenker des Handgelenks zu bezahlen. Spannend ist, dass schon in der Bibel etwas Ähnliches prophezeit wird16:
„Und es macht, dass die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Knechte allesamt sich ein Malzeichen geben an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn, dass niemand kaufen oder verkaufen kann, er habe denn das Malzeichen, nämlich den Namen des Tiers oder die Zahl seines Namens. Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tiers; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist […] 666.“ Offenbarung des Johannes (13,16)

Einführung von negativen Zinssätzen

Die Zentralbanken wollen negative Zinsen einführen (man würde am Konto oder Sparbuch also Geld verlieren), um die Menschen zum Konsum zu zwingen 17 und Wirtschaftswachstun und Ressourcenvergeudung anzukurbeln. Normal würden negative Zinsen auf Spar­einlagen zu Kapital­flucht führen: Die Sparer würden ihr Geld abheben. Was die Banken davon abhält, die negativen Leit­zinsen der Zentralbanken zu umgehen und nur noch Bargeld zu halten, sind die Aufbewahrungs­kosten in den Tresoren. Die Tresorkosten schaffen eine Obergrenze für den Strafzins. Durch Abschaffung der 500 € Scheine (28% des gesamten Euro-Bargelds) könnte die EZB den Strafzins von 0,3 auf 0,75% erhöhen18.

Mögliche schrittweise Umsetzung der Bargeldabschaffung

  • sukzessive Absenkung der zulässigen Höchstgrenzen von Bargeld-Zahlungen
  • sukzessive Abschaffung der Banknoten (500, 200, 100, 50, 20, 10, 5 €…)
  • sukzessive Aufhebung der Bargeldannahmepflicht (Dänemark)
  • sukzessive Abhebungsbeschränkungen vom Konto (Griechenland, Holland)
  • sukzessive Erhebung von Steuern und Gebühren für die Bargeldnutzung (z.B. bei Abhebungen/Einzahlungen oder Zahlungen laut Buchhaltung)
    • steuerliche oder Transaktionskosten-Vorteile bei elektronischer Zahlung (Griechenland)
  • Übertragung des Status des gesetzlichen Zahlungsmittels von Bargeld auf Buchgeld

Ein wahrscheinliches Szenario

Da ein Bargeldverbot derzeit in der Bevölkerung aufgrund der großen Widerstände unmöglich durchsetzbar ist, versucht man uns langsam an den Gedanken zu gewöhnen, dass es keinen anderen Ausweg gäbe. Durch die astronomischen Geldsummen, die in unser Finanzsystem gepumpt wurden, wurden an den Börsen wieder riesige Blasen aufgebaut. Die Kurse sind seit 2009 wieder um das 3-fache gestiegen! Wenn die Medien das Steigen der Börsenkurse feiern, sollte dem Fachkundigen ein leises Schaudern über den Rücken laufen oder das blanke Entsetzen kommen. Die Finanzwirtschaft ist mittlerweile auf etwa die 10-fache Größe der Realwirtschaft angewachsen. Ursprünglich sollten Finanzdienstleister der realen Wirtschaft dienen. Nun steht allein schon das Handelsvolumen der Derivate mit ca. 700 $ Billionen (BIZ 2014) einem Welt­brutto­sozialprodukt von ca. 70 $ Billionen gegenüber. Das verschiebt nicht nur die Macht­verhältnisse. Bei der derzeitigen Entwicklung ist in absehbarer Zeit wieder mit einem Börsen-Crash von historischem Ausmaß zu rechnen, der den von 2008 voraussichtlich übertreffen wird.
Nach diesem Crash wird man vermutlich die meisten Banken aus Angst vor Bank Runs und Banken-Pleiten für einige Tage schließen (sog. Bankenfeiertage). Im Gegensatz zu 2008 werden diesmal keine Staaten mehr einspringen und Schulden in Billionenhöhe machen können, um die Banken zu retten. Man wird den Menschen klar machen, dass sie den Großteil ihrer Spargut­haben verlieren werden, außer… Ja, außer man schafft das Bargeld ab. Die Bargeldabschaffung wird als „Rettung der sauer verdienten Ersparnisse“ begrüßt und bejubelt werden. Und die Menschen werden es widerwillig schlucken, aus Angst. So wie wir aus Angst fast alles mit uns geschehen lassen. Man wird die Banken wieder öffnen, ganz normal Bargeld einzahlen, Zahlungen durchführen, Kredite aufnehmen können etc. – nur kein Bargeld mehr abheben.
Zuletzt muss die EU nur noch das Bargeld aus dem Verkehr ziehen und elektronisches Buchgeld zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklären. Die Banken, die Staaten und auch die Konzerne werden profitieren. Die kleinen Einzelhändler ohne Bankomat- und Kreditkartenterminal werden leider Pleite gegangen sein. Und die angeblich geretteten BürgerInnen werden ohne Bargeld erst zu spät merken, was sie verloren haben: Einen Großteil ihrer Freiheit.

Mögliche Auswirkungen eines Bargeldverbots

  • Aufschwung digitaler Kryptowährungen wie Bitcoin. Diese sind durch dezentrale Netzwerke und kryptographische Verschlüsselung fast unangreifbar. Laut Wikipedia gibt es derzeit bereits über 3.000 Kryptowährungen, aber nur 100 mit größeren Umsätzen19.
  • Aufschwung von Komplementärwährungen (Tauschkreise, Regiogelder): In vielen Krisenländern wie Griechenland und Spanien boomen Tauschsysteme und sind für viele Menschen bereits überlebensnotwendig, weil das Geld fehlt. Diese Systeme bieten den Teilnehmern die Möglich­keit selbst Geld zu schöpfen – Geld entsteht beim Tausch ohne eine Bank oder einen Kredit. Die Systeme haben oft auch eigene Geld-, Zeit- oder sonstige Gutscheine, die anonymes Zahlen oder Tauschen untereinander ermöglichen. So funktionierte über 80% der Wirtschaft in Argentinien in der Krise 2001-2002 mit sog. Créditos.
  • In vielen Ländern (z.B. Italien) wechselt man auch vermehrt zum direktem Warenaustausch: Der leere LKW transportiert am Rückweg Wein, Kühlschränke, Autoreifen oder andere Waren – ganz ohne Geld und meist an der Steuer vorbei. In diesen Ländern haben viele damit auch kein schlechtes Gewissen, da der Staat als Feind, als Räuberhöhle angesehen wird. Wie sagte schon Augustinus um ca. 400 nach Christus: „Staaten ohne Gerechtigkeit sind nichts anderes als große Räuberhöhlen.“
  • Der Markt für elektronische Bezahlsysteme ist heiß umkämpft. Alleine im Bereich von Handy­zahlungen gibt es bei uns derzeit knapp 50 Startup-Unternehmen, die versuchen den Markt zu erobern und größere Banken als Partner zu gewinnen. Weite Verbreitung findet das Handy als Zahlungsmedium derzeit noch nicht – das könnte sich mit der Bargeldabschaffung ändern.
  • Wertanlagen wie Edelmetalle, Immobilien etc. könnten boomen und die Preise explodieren.

Was wir gegen das Bargeldverbot tun können

  • Informationen und Reformen: Informieren Sie sich selbst und andere über unser Finanzsystem (www.monneta.org)und fordern Sie radikale Reformen, z.B. die Vollgeldreform bzw. Geldschöpfung in öffent­liche Hand, also die Über­tragung des Rechts der Buchgeldschöpfung von Privat­­banken zum Staat (www.monetative.de, www.vollgeld-initiative.ch). Dann könnte man die Gesellschaft durch Geldschöpfung statt durch Schulden (Kredite, Staats­anleihen, Aktien…) finanzieren und das „Spielkasino“ schließen, also Spekulation unter­binden. Entscheidend ist dabei die Neuregelung der Bilanzierung und der Kriterien für die Kreditvergabe wie es die Gemeinwohl-Ökonomie und -bank vorsieht (www.ecogood.org, www.mitgruenden.at).
  • Komplemetärwährungen nutzen, fördern oder selbst initiieren: Es gibt bereits in jedem Land zahlreiche Tauschkreise, Zeitbanken und Regionalwährungen, die Sie einfach nutzen können. Alternativwährungen schaffen ihr eigenes Geld, soziale Netzwerke, zusätzliches Einkommen und persönliche Handlungsspielräume. Falls es bei Ihnen kein regionales System gibt, können Sie über die bestehenden Systeme meist eine eigene regionale Gruppe gründen. In Ober­österreich, Salzburg und Bayern gibt es z.B. WIR GEMEINSAM (www.wirgemeinsam.net) mit 2.000 Mitgliedern in 25 Regionen. Eine Liste der größeren Tauschsysteme im deutschspra­chigen Raum finden Sie bei ZART (Zusammen­arbeit regionaler Tauschsysteme www.zart.org).
  • Wer sein eigenes, völlig selbst-kontrolliertes Währungssystem aufbauen will, findet dazu auch Open Source Software: Am weitesten verbreitetet ist Cyclos (siehe www.cyclos.org), das es bei ZART auch in Deutsch inkl. Server, Wartung, System-übergreifender Abrechnung (sog. Clearing) und gemeinsamem Marktplatz gibt. Tauschen-ohne-Geld bietet kostenlose Tausch­systeme auf einer Online-Plattform an (www.tauschen-ohne-geld.de). Der Andrang war so groß, dass sich in kurzer Zeit 70 Tauschringe gegründet haben und die Plattform zurzeit mangels Kapazitäten Neuanmeldungen gestoppt hat.

    „Wie kann ich mich gegen das Bargeld-Verbot schützen? […] Es bieten sich Regionalwährungen wie der Chiemgauer oder Verrechnungsgutscheine zum Tausch von Leistungen an (also Rasen­mähen gegen Klavier­unterricht). Wichtig ist auch der Aufbau von Sozialkapital, so dass man in Krisenzeiten auf ein Netzwerk qua Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft bauen kann.“ Gerald Mann, Prof. für Volkswirtschaftslehre München20

Fazit

Wenn die Reichen immer noch reicher werden und die Kapitalrenditen weiterhin systematisch durchgesetzt werden, die Wirtschaft aber kaum mehr wächst, geht dies nur auf Kosten der breiten Masse und der Arbeitseinkommen, also durch Umverteilung von unten nach oben oder genauer von den Fleißigen zu den Vermögenden. Es geht nicht darum, am Bargeld oder unserem überholten Finanzsystem festzuhalten, sondern dessen Prinzipien und Spielregeln in Frage zu stellen und neu festzulegen. Wer kontrolliert dieses System und wem dient es? Geld braucht nur Information zu sein, um den Ausgleich von Geben und Nehmen herzustellen und die Zugriffsrechte auf Ressourcen und Produktion gerecht zu regeln. Die Entwicklung geht jedoch in Richtung von noch mehr Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Ungleich­heit, Machtkonzen­tration, Gier und „Wachsdumm“. „Heute stehen wir vor dem Abgrund, morgen sind wir einen entscheidenden Schritt weiter.“ Es liegt an uns die Richtung mitzubestimmen. Wir brauchen ein Finanzsystem, das allen Menschen dient und nicht eines, das die Vermögenden bevorteilt.

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“ Benjamin Franklin

Dieser Artikel wurde erstmals am 9.3.2016 auf der Seite www.wirgemeinsam.net veröffentlicht.

Buchtipp

Norbert Häring: Die Abschaffung des Bargeldes und die Folgen – Der Weg in die totale Kontrolle (Bastei Lübbe 2016)

Autor:

Dipl.-Ing. Tobias Plettenbacher, Programmierer, Experte für komplementäre Wäh­rungen, Autor des Buchs „Neues Geld – Neue Welt“, Mitglied der Initiative NeuesGELD.com, Initiator der Zeit­bank WIR GEMEINSAM, eMail: plettenbacher@wirgemeinsam.net, Tel.: +43 (0)664/ 543 49 39, Vortragsübersicht

 

Fußnoten:

  1. www.ecb.europa.eu/stats/money/euro/circulation/html/index.en.html#
  2. www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/02/23/flucht-ins-bargeld-schweizer-horten-1-000-franken-scheine
  3. www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/02/05/wenig-vertrauen-in-banken-schweizer-setzen-auf-bargeld-2
  4. www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/12/01/eu-fuehrt-erstmals-meldepflicht-fuer-bargeld-und-schmuck-ein
  5. www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/05/11/tankstellen-und-restaurants-nicht-mehr-zur-annahme-von-bargeld-verpflichtet und www.heise.de/forum/p-5505952
  6. www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/geld-ausgeben/daenemark-zentralbank-willl-notendruck-stoppen-13582761.html
  7. www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/02/05/ezb-bereitet-abschaffung-des-500-euro-scheins-vor
  8. www.mmnews.de/index.php/politik/41036-eu-bargeld-verbot-ab-2018#14569399711072
  9. www.wirtschaftsblatt.at/home/meinung/kommentare/4749356/Europa-wird-schrittweise-bargeldlos-
  10. www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/money-money-money-abba-star-fuer-abschaffung-des-bargelds-12736131.html
  11. www.youtube.com/watch?v=Ilc9Q3obcmo (3SAT Bargeldlos – Der große Coup der ganz großen Kriminalität)
  12. www.wirtschaftsblatt.at/home/meinung/kommentare/4749356/Europa-wird-schrittweise-bargeldlos-
  13. www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/BBK/2015/2015_03_19_studie.html
  14. www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge/altersvorsorge-sparen/buchrezension-bargeldverbot-bargeld-gegen-den-ueberwachungsstaat/11873806.html
  15. www.welt.de/politik/deutschland/article152000241/Geld-wird-kein-privates-Eigentum-mehr-sein.html
  16. www.egon-w-kreutzer.de/002/PaD142015.html
  17. www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/09/01/schleichende-abschaffung-wer-bargeld-will-soll-dafuer-eine-gebuehr-zahlen
  18. www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/hans-werner-sinn-wie-sich-der-einzug-des-500-euro-scheins-rechnet-14054372.html
  19. https://de.wikipedia.org/wiki/Kryptowährung
  20. www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/06/03/ende-des-bargelds-umerziehung-des-deutschen-sparers-zum-konsum-trottel

1444662339

 

 

Wer die BWL- oder VWL-Studiengänge mit ihrem Formelwissen langweilig findet, die Lehre vom Homo oeconomicus für beschränkt hält und den Glauben, dass der Markt es schon regeln wird, nicht teilt, der könnte sich für eine Studium der Ökonomie an der neuen Cusanus Hochschule interessieren.

In einer kleinen Stadt, malerisch gelegen an der Weinstraße der Mosel, in Bernkastel Kues entsteht etwas Neues: eine private Hochschule, die sich selbst gehört in freier Trägerschaft, gegründet von einer Gruppe von Professoren und Spendern, die einen Kontrapunkt setzen wollen in einer Hochschullandschaft, in der Studium und Bildung zunehmend als Geschäftsmodell verstanden werden. An der Cusanus Hochschule soll die Verantwortung für die Gestaltung nicht – wie ansonsten üblich – beim Träger, sondern in den Händen ihrer Mitglieder liegen. Immer wieder versuchen Großsponsoren an privaten Hochschulen ihre Interessen durchzusetzen. Die Rechtsstruktur der Cusanus Hochschule soll dies ausschließen. Hier soll den Studenten Freiraum gegeben werden um „Wirtschaft denkend neu zu gestalten“.

Die Cusanus Hochschule möchte nicht nur eindimensionale Wirtschaftswissenschaft, sondern eine plurale Ökonomie lehren und damit eine Alternative zu den etablierten Wirtschaftsstudiengängen anbieten. Verbindlich vorgesehen sind in allen Studiengängen auch die sogenannten „Studia humanitatis“: Diese allgemeinbildenden Veranstaltungen sollen zur Persönlichkeitsbildung der Studierenden beitragen und sie zu interdisziplinärem Zusammenarbeiten sowie zu gesellschaftlichem Engagement befähigen.

Die 3 wichtigsten Studienangebote im Fachbereich Wirtschafts- und Sozialgestaltung sind:

  1. Bachelor in Ökonomie und Unternehmensgestaltung (ab Herbst 2016)
  2. Master in Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung/Wirtschaftsgestaltung
  3. Seminarangebote für externe Studierende

Alle Stu­di­engänge wer­den inter­diszi­plinär aus­gerichtet sein und sollen zu Kom­mu­nika­tion und Ver­mit­tlung zwis­chen Fäch­ern und gesellschaftlichen Tätigkeits­feldern befähi­gen. Ziel ist die Her­aus­bil­dung von individuellen und zugle­ich fach­spez­i­fis­chen Fähigkeiten, die Men­schen befähi­gen, ihre eigene Biogra­phie sou­verän zu gestal­ten. Es wer­den sich den Studieren­den vielfältige Möglichkeiten anbi­eten Fra­gen aus der Praxis in Projektform in das Studium zu inte­gri­eren und Zwis­chen­räume von The­o­rie und Praxis für Studium sowie Beruf gleicher­maßen pro­duk­tiv  zu machen.

 

Studienstart Cusanus

Neuer Studiengang: Mas­ter Ökonomie

plural — kri­tisch — transdisziplinär

Schw­er­punkt Gesellschafts­gestal­tung
Der Schw­er­punkt Gesellschafts­gestal­tung stellt die Ökonomisierung der Lebenswel­ten in den Mit­telpunkt. Im inter­diszi­plinären Dia­log zwis­chen Ökonomie und Philoso­phie ler­nen Sie, dieses Phänomen aus unter­schiedlichen Per­spek­tiven zu reflek­tieren und alter­na­tive Gestal­tungs­for­men zu diskutieren.

Schw­er­punkt Wirtschafts­gestal­tung
Der Schw­er­punkt Wirtschafts­gestal­tung stellt die kri­tis­che Reflex­ion der wirtschaftswis­senschaftlichen Stan­dard­methodik (Mainstream-Ökonomik) und ihrer Wech­sel­beziehun­gen zur Wirtschaft in den Mit­telpunkt. Zudem set­zen wir uns inten­siv mit het­ero­doxen ökonomis­chen Meth­o­den auseinan­der und bear­beiten

zur Stu­di­en­gangs­broschüre

Anmeldung und weitere Informationen zu diesem und anderen Studienangeboten auf der Webseite der Hochschule:

www.cusanus-hochschule.de

 

Ökonomen sind sich einig, dass die Subprime-Krise in den USA und die daraus folgende Finanzkrise ermöglicht und befeuert wurde durch die vorangegangene expansive Geldpolitik der FED als Reaktion auf frühere Krisen. Genau diesen Fehler wiederholt nun die EZB. Dabei könnte sie mit Negativzinsen das gleiche Ziel viel besser erreichen.

Um eine drohende Deflationsspirale abzuwenden, will die Europäische Zentralbank (EZB) die Märkte mit mehr als einer Billion Euro fluten. Mario Draghi kündigte am 22. Januar das größte Anleihe-Kaufprogramm aller Zeiten an. Nach dem Vorbild der FED (US-amerikanische Zentralbank) wird die europäische Notenbank Staatsanleihen sowie andere Wertpapiere in Höhe von 1,14 Billionen Euro ankaufen. Das entspricht etwa elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone. Mit dem Programm will die EZB eine Deflation verhindern und die Wirtschaft beleben. Sie könnte den Europäischen Währungsraum damit geradewegs in die nächste Krise stürzen. Mit dem Negativzins haben die Notenbanken längst ein wirksameres Werkzeug an der Hand. Sie nutzen es nur zu zögerlich.

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Denke ich über die Ursachen der Finanzkrise nach, so fallen mir zwei
Metaphern ein, die beide mit Elefanten zu tun haben:
“There is an elephant in the room” sagen die Engländer und meinen damit,
dass es eine offensichtliche Wahrheit gibt, die jeder kennt und die aber
keiner diskutieren will.

spinola-elefanten1
An diese Metapher denke ich oft, wenn ich Talkshows zuhöre. Der Elefant ist
entweder zu gefährlich und deshalb möchte ihm niemand zu nahe kommen
und beim Namen nennen oder einige Teilnehmer nehmen ihn tatsächlich gar
nicht wahr.
Ein besonders schönes Beispiel erlebte ich in einer Diskussionsrunde bei
Markus Lanz1 : Dirk Müller beschrieb kurz und klar die systemischen
Ursachen der Finanzkrise (durch den Zinseszinseffekt erzwungenes
exponentielles Wachstum) – ein Elefant, der gerne ignoriert wird. Den
beiden anderen Teilnehmern ist die dramatische Dimension des von Dirk
Müller beschriebenen Scenarios überhaupt nicht bewusst geworden – die
Diskussion ging mit anderen Themen weiter, als ob nichts gewesen wäre.
Ein anderes Beispiel ist die Ignoranz der Ökonomen: „Die Disziplin ist hierzulande
immer noch paradigmatisch verkapselt und huldigt der Ökonomisierung
des Denkens und der Welt“ sagt Wirtschaftsethiker Thielemann –
und initiierte einen Aufruf „Für eine Erneuerung der Ökonomie“. 93 Professorinnen
und Professoren schlossen sich dem Memorandum an – nicht nur
aus den Wirtschaftswissenschaften. 2
Der zweite Elefant entstammt einer Sufi-Geschichte:
Im Gleichnis „ Die blinden Männer und der Elefant“ untersucht eine Gruppe
von Blinden – oder von Männern in völliger Dunkelheit – einen Elefanten,
um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder untersucht
einen anderen Körperteil (aber jeder nur einen Teil), wie zum Beispiel die
Flanke oder einen Stoßzahn. Dann vergleichen sie ihre Erfahrungen untereinander
und stellen fest, dass jede individuelle Erfahrung zu ihrer eigenen,
vollständig unterschiedlichen Schlussfolgerungen führt.3
Das ist eine treffende Beschreibung dessen, was wir oft bei Diskussionen
zum Thema Finanzkrise erleben; die Zusammenhänge werden nicht erkannt.

spinola-elefanten2
Der amerikanische Sozialpsychologe Donald N. Michael verwendet diese
Metapher in einem Essay und meint, nachdem er die Geschichte erzählt hat:
„Der Erzähler ist auch blind. Es gibt keinen Elefanten. Der Geschichtenerzähler
weiß nicht worüber er redet“.
Und Michael fährt fort: „Was heute mit der Menschheit passiert ist zu
komplex, zu vernetzt und zu dynamisch, um verstanden zu werden“. Er
beschreibt zunächst einige Gründe („contributors“), die zu dieser Unmöglichkeit,
die Welt zu begreifen, führen. Anschließend schlägt er eine Reihe
von Kompetenzen vor, die uns helfen, verantwortlich in einer Welt zu
agieren, die wir nicht verstehen.4
Wenn die Finanzkrise der Elefant ist: Warum ist es so schwierig, sie zu
begreifen. Warum wird die Krise so unterschiedlich interpretiert? Und welche
Kompetenzen helfen uns, in einer komplexen Situation, die wir nicht ausreichend
verstehen, verantwortlich zu handeln?
Hier sind, aufbauend auf den Ausführungen von Don Michael, ein paar
Überlegungen, die uns in unseren Diskussionen weiter helfen können.
Da sind zunächst die Informationsdefizite. Wir haben paradoxerweise gleichzeitig
zu viele und zu wenig Informationen. Einerseits können Sie Tage und
Wochen damit zubringen, Daten, Informationen und Meinungen zu sammeln
– aus Büchern, aus Videos, Vorträgen, Blogs – die Möglichkeiten sind endlos
und schon rein zeitlich nicht zu schaffen. Wie funktionieren die Märkte? Was
ist Ursache, was Wirkung? Was ist gesichertes Wissen, was nur Meinung
oder Vermutung?
Andererseits fehlen Informationen: Was wird hinter verschlossenen Türen
diskutiert und entschieden? Sind wir ausreichend ausgebildet, um bestimmte
Aspekte zu verstehen? Oder vielleicht „Fachidioten“, die zwar den
eigenen Beritt beherrschen, z.B. die Volkswirtschaft, aber wenig Ahnung
haben von anderen Fachgebieten, die zum Verständnis der Zusammenhänge
unerlässlich sind – z.B. Soziologie und Psychologie?
Daraus ergibt sich sofort das zweite Dilemma: Die gesprochene und geschriebene
Sprache. Selbst wenn wir die wichtigste Fremdsprache, Englisch,
gut beherrschen – wie steht es mit den Fachausdrücken? Wenn von
„quantitative easing“ gesprochen wird – verstehen Sie, dass damit das
Anwerfen der Gelddruckmaschine gemeint ist?
Vor ein paar Jahren habe ich (als Laie!) staunend einer langen Diskussion
zwischen Währungsfachleuten zugehört: Es ging um die Frage, was unter
dem Begriff „Geld“ zu verstehen sei. Dabei wurde nicht gestritten – es
schien nur nicht klar zu sein, was alle fünf Experten meinten, wenn sie von
Geld sprachen.
John Maynard Keynes hat es auf den Punkt gebracht:”I know of only three
people who really understand money. A professor at another university. One
of my students. And a rather junior clerk at the Bank of England.”
Natürlich sind auch Übersetzungen mit Vorsicht zu genießen. Hier ist ein
Beispiel:
Was ist eine Billion, auf Englisch? So findet sich‘s im Internet:
1. (British) A number equivalent to 1 000 000 000 000.
2. (Chiefly American) A number equivalent to 1 000 000 000.
Was wohl die Australier sagen?
Der nächste Stolperstein ist der Unterschied der Werte und vor allem ihrer
Prioritäten. Wir betrachten die Welt durch viele sehr effiziente Filter, die wir
durch unsere Sozialisierung aufgebaut haben.
Heißen Sie Josef Ackermann oder Georg Schramm? Zwischen den Werten
dieser beiden Protagonisten liegen sicher unüberbrückbare Welten. Sind Sie
erfolgreicher Investor oder Hartz-IV-Empfänger? Auch dann sehen Sie die
Welt vermutlich durch Filter, die wenig gemeinsam haben.
Gehören Sie zu den wenigen Menschen, die vom augenblicklichen
Währungssystem profitieren oder zu denen die den Preis dafür zahlen? Ich
treffe oft Menschen, die es für ihr gutes Recht halten, durch cleveres
Investieren reich zu werden. Wenige denken darüber nach, wo im Endeffekt
ihr „Ertrag“ herkommt – und wehren sich oft weiter darüber zu diskutieren,
wenn man ihnen die Konsequenzen ihrer Einstellung aufzeigt. „Leistung aus
Leidenschaft“ – welche Wertehaltung steckt dahinter, wenn damit ein
„return on investment“ begründet wird, der jenseits aller durch Arbeit
erzielbaren Einkünfte liegt?
Selbst wenn wir in einer Gemeinschaft dieselbe Werte teilen: Wer
entscheidet über die Rangfolge? „Freiheit“ oder „Gleichheit“, „Wachstum“
oder „Nachhaltigkeit“, kurzfristige oder langfristige Erfolge? Meine Familie
oder die Gemeinschaft der Bürger in der EU – um mal zwei Extreme zu
nennen?
Informationsdefizit, Sprachschwierigkeiten und unterschiedliche Werte: Wie
können wir je hoffen, die Welt um uns herum zu verstehen? Und welche
Kompetenzen und Einstellungen können uns helfen, trotz dieses Dilemmas
verantwortungsvoll zu handeln?
Denn handeln müssen wir, wenn wir nicht in Apathie und Hoffnungslosigkeit
versinken wollen!
Hier sind ein paar Vorschläge, wiederum angelehnt an Don Michaels Essay
und mit vielen Zitaten – Denker und Dichter haben oft Formulierungen
gefunden, die meine Gedanken gut „auf den Punkt“ bringen:
Jeder Mensch ist einmalig und damit unterscheidet er sich von allen
anderen. Auf der Suche nach dem Sinn kommen wir zu unterschiedlichen
Erkenntnissen, als Ergebnis der einmaligen Denkstrukturen, die wir während
unserer Sozialisierung aufgebaut haben.
F. Maynard sagt es so: „Unter allen Menschen, die du im Lauf deines
Lebens kennen lernst, bist du der einzige, den du nie verlässt und nie
verlierst. Auf die Frage nach dem Sinn deines Lebens bist du die einzige
Antwort. Für Probleme deines Lebens bist du die einzige Lösung.“5
Damit ist auch die Art und Weise, wie wir Informationen aufnehmen und mit
dem bereits Bekannten verknüpfen für jeden von uns anders – wir kommen
zu unterschiedlichen Einsichten.
Wenn der Konstruktivismus Recht hat, ist alles Konstruktion, die im Kopf
stattfindet – so etwas wie „objektive Wirklichkeit“ existiert nicht. Für Paul
Watzlawick ergeben sich daraus zwei Konsequenzen:
„Erstens die Toleranz für die Wirklichkeiten anderer – denn dann haben die
Wirklichkeiten anderer genauso viel Berechtigung wie meine eigene.
Zweitens ein Gefühl der absoluten Verantwortlichkeit. Denn wenn ich
glaube, dass ich meine eigene Wirklichkeit herstelle, bin ich für diese
Wirklichkeit verantwortlich, kann ich sie nicht jemandem anderen in die
Schuhe schieben.“6
Es geht also nicht um Beliebigkeit!
Daraus ergibt sich eine Reihe von Forderungen:
Sei authentisch – und respektiere, dass andere das auch für sich in Anspruch
nehmen!
„Sprich deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu“ wie es in
„Desiderata“ heißt.7 Wir sollten einerseits unsere Einmaligkeit authentisch
leben und andererseits Respekt für die unterschiedliche Einmaligkeit
anderer Menschen haben.
Hier ist ein anderes Zitat, dass diese Einstellung gut wiedergibt: „Die Kunst,
den richtigen Weg zu wählen, besteht aus zwei Ideen:
Erstens, sich aus der eigenen Mitte heraus zu bewegen und authentisch zu
sein und zweitens, Übereinstimmung und Zusammenarbeit mit
anderen zu suchen, weil wir niemals in einem Vakuum agieren.“8
In meinen Seminaren übe ich diese Einstellung mit dem „Tanz von Yin und
Yang“: Zwei TeilnehmerInnen stehen sich mit einem Abstand von 1 bis 2 Meter
gegenüber und nehmen abwechselnd die Positionen von Yin und Yang ein:
Yin: Ich stehe locker und breitbeinig, atme ein und lasse meine Arme vor
dem Körper in einer sich öffnenden Bewegung kreisen: Ich bin bereit für die
Botschaft, die von meinem Gegenüber kommt, ohne zurückzuweichen.
Yang: Ich stehe fest, schütze mit einer Hand meine Mitte (mein „Hara“)
gehe einen kleinen Schritt mit einem Bein nach vorne, zeige meine Entschlossenheit
durch Heben meines Arms nach oben: Ich verkünde meine
Botschaft laut und klar, ohne zu verletzen.
Diese kurzen Bewegungen passieren gleichzeitig und werden durch Ausrufe
unterstützt; die Partner wechseln mehrmals ihre Rolle, jeder ist Yin und
Yang.
Eine weitere Forderung ergibt sich für die Art und Weise, wie wir
kommunizieren:
Mehr Fragender als Antwortgeber – vieles kann als Frage agressionsfreier
übermittelt werden und klingt weniger wie eine absolute Wahrheit. „Wer
fragt, führt“ – jeder gute Coach weiß das. Die Frage ist das Pendant zu einer
anderen Notwendigkeit guter Kommunikation: Zuhören, mit Empathie, also
ohne bereits, sozusagen auf der zweiten Ebene, das „Ja, aber…“ zu formulieren.
Wenn wir dann noch auf die Argumente des Gegenübers eingehen
und bereit sind, zu lernen, merken wir auch, wie unsere Gesprächspartner
sich öffnen und unseren Argumenten mit wacher Aufmerksamkeit zuhören.
So kann aus dem Austausch von Informationen und Meinung Synergie
entstehen.
Das passiert leider bei den Diskussionen über die Ursachen der Finanzkrisen
sehr selten. Kommt dazu noch eine Bühne für die Selbstdarstellung, z. B.
bei einer Talkshow, so mag der Unterhaltungswert zwar groß sein – der
Gewinn an Erkenntnis aber gering.
Wenn Sie jemals einer Diskussionsrunde zugehört haben, in der die
„Gutmenschen“ vor den Haien der entfesselten Finanzmafia warnen,
während die „neo-cons“ die kaum regulierte Freiheit der Märkte fordern,
wissen Sie wovon ich spreche.
Die dritte Forderung hat mit unseren persönlichen Werten zu tun: Demut im
Umgang mit Informationen und Menschen. „Poor in pride and arrogance“
nennt Don Michael das. Wie sicher kann ich sein, dass meine Sicht richtig
ist, dass ich genau weiß, was zu tun ist? Unsere Verpflichtungen sollten wir
entsprechend vorsichtig eingehen – immer in der Erkenntnis, dass wir den
Weg eventuell ändern müssen.
Die von Politikern oft zitierte TINA („There Is No Alternative“) ist eher ein
Ausdruck von Hilflosigkeit – oder von Arroganz!

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In meinen Seminaren zeige ich oft ein Bild, das einen Wegweiser an einer
Gabelung darstellt und der in beide Richtungen weist. Zwei Begriffe darauf
sind in japanischer Schrift geschrieben – werden also von den wenigsten
Teilnehmern verstanden. Manche lachen, sie glauben, es handelt sich um
einen Cartoon – bis ich darauf hinweise, dass das Schild vielleicht etwas
anderes bedeutet: „Du musst Deinen Weg selber finden“ oder „Es gibt
mehrere Wege – entscheide Dich ohne ausreichende Informationen zu
haben“ .
Zu den Werten gehört auch die Empathie, also die Bereitschaft, die Gedanken
und Gefühle anderer Menschen wertschätzend wahrzunehmen.
Empathie ist ein Bestandteil der viel diskutierten emotionale Intelligenz, die
darüber hinaus noch andere wichtige Aspekte umfasst, die für unser Thema
relevant sind, z.B. die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung.
Der Soziologe Paul H. Ray hat in einer vielbeachteten Studie die Gruppe der
„Kulturkreativen“ definiert:
„Ihre Haltung ist gekennzeichnet durch Interesse an (auch spiritueller)
Selbstverwirklichung, Wertschätzung von Beziehungen und ökologischer
Lebensweise, engagierter Anteilnahme an der Welt. Weitere Merkmale sind
Offenheit für fremde Kulturen und neue Ideen sowie für die Transformation
der Geschlechterrollen. Aufschlussreich ist auch, was die Kulturell Kreativen
ablehnen: Die Intoleranz der religiösen Rechten, den gedankenlosen
Hedonismus der kommerziellen Medien und die skrupellose Umweltzerstörung
im Namen des Big Business“. 9
Zwei andere signifikante Gruppen sind die Modernisten („finanzieller
Materialismus, Glauben an technologische Lösungen) und die Traditionalisten
(schätzen Familie und Religion, misstrauisch gegenüber
Veränderungen).
Im Gegensatz zu diesen beiden Gruppen, deren Anteil in Amerika und
Europa eher abnimmt, haben die Kulturkreativen keine Lobby – sie werden
och nicht als eigenständige Wertegemeinschaft wahrgenommen.
Es gibt Schätzungen, dass ihr Anteil in Europa hoch ist (bis zu 38%), aber:
Es gibt noch keine oder kaum gemeinsame Medien, Parteien oder kulturelle
Ausdrucksformen, in denen sich dieses transmoderne Lebensgefühl eines
wachsenden Teils der Bevölkerung widerspiegeln würde.10
Es sind meiner Ansicht nach vor allem diese Menschen, die von der Notwendigkeit
eines Paradigmenwechsels überzeugt werden können, um die
Folge der immer häufigeren und folgenreicheren Finanzkrisen endlich zu
stoppen.
Ich habe mir eine Metapher überlegt, wie man dabei vorgehen kann, die ich
Ihnen zum Schluss anbieten möchte:
Stellen Sie sich vor, sie sind Teil einer Stampede, einer Herde wilder Büffel.
Sie sind einer der wenigen, die wissen, dass die gesamte Herde auf einen
Abgrund zurast.

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Was können Sie tun? Zwei Möglichkeiten sollten Sie ausschließen:
Stehen bleiben – ich lauf nicht mehr mit!
Weiterlaufen – ich kann ja doch nichts bewirken!
Beides schließt die persönliche Katastrophe mit der allgemeinen ein.
Sie sollten, so kompetent wie möglich, Ihre Nachbarn rechts und links, vor
und hinter Ihnen informieren und warnen und sie bitten, die Botschaft zu
verbreiten: „Wir rasen auf den Abgrund zu – Richtung ändern, damit wir die
Katastrophe vermeiden!“
© Roland Spinola

Dieser Aufsatz erschein in der Zeitschrift: „Humane Wirtschaft, 04/2012
Die Bilder stammen aus eigenen Quellen und aus dem Internet (dort: gemeinfrei)

Artikel als pdf: Spinola-Meine beiden Elefanten-1626

Fußnoten:

  1. “Markus Lanz” am 29.04.2010 im ZDF
  2. Süddeutsche Zeitung v. 4.4.2012: „Aufstand gegen die Herrschende Lehre“ (Hans-Jürgen Jakobs. Siehe auch www.mem-wirtschaftsethik.de
  3. http://de.wikipedia.org/wiki/Die_blinden_Männer_und_der_Elefant
  4. Donald N. Michael: „Observations on a Missing Elephant“, Noetic Sciences Review #49, August-November 1999
  5. Fredell Maynard
  6. Paul Watzlawick: Die Unsicherheit unserer Wirklichkeit, 1982
  7. „Desiderata“ Gedicht von Max Ehrmann (Amerikaner, 1872–1945)
  8. Justine W. Toms, co-founder of New Dimensions Radio
  9. http://www.kulturkreativ.net/about.html
  10. http://www.kulturkreativ.net/about.html

Bund der Steuerzahler veröffentlich Positionspapier zum umstrittenen ESM-Vertrag

Die beabsichtigte Genehmigung/Ratifizierung der ESM-Bank sei geeignet, Deutschland und seine Bürger finanziell zu ruinieren und beende faktisch die Finanzhoheit der nationalen Eurostaaten, so der Bund der Steuerzahler in seinem Positionspapier. Unsere Bundestagsabgeordneten würden dies in der Masse scheinbar bislang nicht begreifen; ihnen sei die mehrheitliche Meinung des Volkes gegenüber weiteren Rettungspaketen egal. Und anstatt sich frei, energisch und umfassend zu informieren und zu entscheiden, verließen sie sich auf Entscheidungsvorlagen der Parteien. Diese “laxe Einstellung zur Entscheidung über das wichtigste Vertragswerk seit dem 2. Weltkrieg” kritisiert der Bund der Stuerzahler als inakzeptabel und unverantwortlich. Jeder Abgeordnete, der seine Stimme abgebe, müsse wissen, dass es beim ESM für die Bürger – aber auch für ihn selbst – ums Ganze gehe, er sich also später auf Nichtwissen nicht berufen könne. Für seine Handlungen müsse er deshalb voll umfänglich haftbar gemacht werden.

Das Positionspapier (2 Seiten) können Sie hier als PDF-Dokument herunterladen (45 KB).

Weitere Information beim Bund der Steuerzahler Deutschland e.V. www.steuerzahler.de

„Der ACKER-MANN bestellt unter Mühen den realen Acker und erntet am realen Markt einen bescheidenen REALEN GEWINN. Der ACKERMANN hingegen bestellt den Finanzacker und erntet ohne Mühen an den Finanzmärkten unmäßige UMVERTEILUNGSGEWINNE. Die Finanzwirtschaft koppelt sich immer mehr von der Realwirtschaft ab und fungiert in zunehmendem Maße gleichsam als gewaltige Umverteilungsmaschine, die immer mehr Geld großflächig absaugt, um es an Wenige zu verteilen. Anhand des Begriffes des „Umverteilungsgewinnes“ wird untersucht, wie dies möglich ist. Dabei wird ein Gewinn dann als Umverteilungsgewinn bezeichnet, wenn kein realer Mehrwert geschaffen wird und der Gewinn des einen gleich hoch ist wie der Verlust von anderen. Generell sind Umverteilungsgewinne als schädlich für die Gesellschaft zu betrachten. Sie sind wesentlich für die zunehmende Ungleichheit in unserer Gesellschaft und die Instabilität unseres Finanzsystems verantwortlich. Die wesentlichen Mechanismen, die auf den Finanzmärkten zu Umverteilungsgewinnen führen, sind:

  • Marktmanipulation
  • asymmetrische Information
  • Komplexität der „innovativen“ Finanzprodukte
  • ein vergrößerter Graubereich zwischen legalen und illegalen Methoden
  • unterschiedliche Machtverhältnisse zwischen Real- und Finanzwirtschaft
  • Machtmissbrauch

Es ist daher eine vordringliche Aufgabe von Politik und Wissenschaft, das Bewusstsein für diese Problematik zu fördern und Wege zu finden, diese Entwicklung durch effektive, durchsetzbare und überwachbare Regulierungen einzuschränken.

Die wesentlichen Mechanismen, die im Bankensektor zu Umverteilungsgewinnen führen oder diese verstärken, sind:

  • Bilanzmanipulationen, die u.a. durch das fair-value Prinzip in den IFRSRegeln erleichtert wird
  • Steueroasen
  • Eigengeschäfte der Banken
  • Bankenrettung durch den Staat

Eine der wesentlichen Schlussfolgerungen besteht daher in der Forderung der strengen Trennung des Bankensystems in Geschäftsbanken, die keine Eigengeschäfte durchführen dürfen und Investmentbanken, denen dies erlaubt ist. Damit werden auch die dahinterliegenden Risiken getrennt und für den Anleger sichtbar gemacht. Die Finanzierung des Staates über Verschuldung mittels Staatsanleihen ist bei Weitem die teuerste Form der Staatsfinanzierung. Auch führen Staatsanleihen über die Zinszahlungen zu einem laufenden Umverteilungsgewinn, zumindest in dem Ausmaß wie die realen Zinsraten über den realen Wachstumsraten liegen.

Durch direkte staatliche Geldschöpfung könnte die Staatsverschuldung deutlich und auf ein für die Gesellschaft verträgliches Maß reduziert werden. Die notwendige Schiedsrichterfunktion über die Staatsgebarung den Finanzmärkten zu übertragen, ist nicht nur die teuerste Form sondern auch ineffizient. Daher scheint die Übertragung dieser Aufgabe an eine möglichst unabhängige, nur den staatlichen Prinzipien verpflichtete und in der Unabhängigkeit gestärkte Notenbank als 4. Gewalt im Staat nicht nur die wesentlich billigere sondern wahrscheinlich auch die bessere Methode zu sein.

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