RAMICS, die Forschungsgesellschaft für Komplementärwährungen und monetäre Innovationen, wurde vor vier Jahren während einer wissenschaftlichen Konferenz in Brasilien gegründet (wir berichteten). Seither haben die Mitglieder des Direktoriums abwechselnd jeweils eine der folgenden internationalen Konferenzen, die 2011 in Lyon begann, ausgerichtet. Mit dem Kongress in Takayama, Japan, der vom 11. bis zum 15. September diesen Jahres stattfand, kam die internationale Gemeinschaft derjenigen, die an Komplementärwährungen (KW) forschen zum nunmehr fünften Mal im Zweijahres-Rhythmus zusammen.

Wie auch schon zuvor in Frankreich, Holland, Brasilien und Spanien, zeichnet sich diese akademische Konferenz dadurch aus, dass explizit auch Komplementärwährungs-Initiativen und “Praktizierende” eingeladen werden, um den engeren Austausch zwischen Theorie und Praxis zu fördern.

In Takayama war dies vom ersten Moment an zu spüren, da jeder Teilnehmer gleich zwei lokale Währungen überreicht bekam, mit denen an hunderten Stellen in der Stadt eingekauft werden konnte. Die zwei Währungen in Takayama sind der “Enepo” und die “Sarubobo Coin”, und in ihrer Unterschiedlichkeit repräsentieren sie die heutigen Trends in der Vielfalt komplementärer Währungen in Japan. Der Enepo kursiert ausschließlich als Billette, die aus lokalem Zedernholz geschnitten sind, jeder im Gegenwert von rund 5 Euro. Die Sarubobo Coin hingegen kann nur in elektronischer Form von Smartphone zu Smartphone genutzt werden. Dabei ist beiden gemeinsam, dass sie mit nationaler Währung hinterlegt sind und Geschäfte, welche die Währungen akzeptieren, sie auch wieder gegen Yen eintauschen können.

Auch wenn das rasante Wachstum verschiedener KW-Systeme in Japan in den 1980er und 90er Jahren1 sich ab der Jahrtausendwende nicht fortsetzte2, so ist doch immerhin ein Fünftel der in den vergangen 20 Jahren gegründeten Währungen noch im Umlauf.3 Heute gibt es in Japan neben einigen hundert Tauschkreisen (Fureai Kippu)4 ca 200 lokale Währungen, vor allem mit sozialen und umweltbezogenen Motivationen und solche, die neue elektronische Transaktionsmedien nutzen.5 Diese zwei Merkmale spiegeln sich auch im Enepo und der Sarubobo Coin wieder:

 

Der Enepo wird von einer lokalen Forst-Initiative herausgegeben, die sich darum bemüht, den lokalen Wald zu erhalten. Die Forst-Initiative ist Teil einer Freiwilligenorganisation, die Rentner*innen motiviert, sich in die Gemeinwesenarbeit einzubringen. Im Waldprojekt treffen sich die Freiwilligen zweimal pro Woche, um aufzuforsten, zu dichten Wald auszudünnen und Überschüsse zu vermarkten.6 Für eine Arbeitseinheit von etwa 5 Stunden werden 500 Enepo vergütet. Die Scheine können in regionalen Geschäften ausgegeben werden. Die Geschäfte können Enepo bei der Hida-Kreditgenossenschaft einzahlen und erhalten Yen rückvergütet. Das 2019 gestartete System kommt auch bei anderen Gemeinwesenarbeiten zum Einsatz (Kinderbetreuung, Säuberungsaktionen). Ähnliche Währungen, die im Rahmen der Konferenz präsentiert wurden, gibt es in Tokio (Bunshi) oder in Kawasaki (Tama).

 

Sehr viel größer als die “Bargeld-Variante” ist der Sarubobo Coin, der von der Hida-Kreditgenossenschaft emittiert wird. Es handelt sich um digitales Regionalgeld, das zentral auf Konten gebucht wird. Ausgelöst werden die Transaktionen durch Smartphones. Die über 1.500 Akzeptanzstellen benötigen lediglich ein Konto bei der Kreditgenossenschaft und ein Akzeptanzschild mit einem individuellen QR-Code. Die Käufer*innen geben den Zahlbetrag in die App ein und zeigen der Akzeptanzstelle auf dem Handy den erfolgreich gebuchten Betrag. Die Gutschrift erfolgt auf dem Sarubobo Coin – Konto der Akzeptanzstelle. Seit Dezember 2017 haben sich über 8.000 Bürger*innen aus der Region beteiligt. Mehr als 80 Mio. Yen werden jeden Monat getauscht. Damit ist der Sarubobo Coin aktuell die größte Regionalwährung in Japan und kann sich neben den vielen neuen kommerziellen Zahlungsoption, die neben Cash und Karte an fast jeder Kasse angeboten werden, behaupten.

 

Auch im Vergleich zu anderen Regiogeld-Initiativen ist die Größe und Professionalität beachtlich. Es werden sogar Geldautomaten eingesetzt, mit denen die Guthaben in Sarubobo Coins mit Bargeld aufgeladen werden können. Verbesserungsbedarf sehen die Initiatoren bei den regionalen Wirtschaftskreisläufen, da noch viele Unternehmen die Regionalwährung relativ schnell wieder in Yen zurücktauschen. Beim Design einer Regionalwährung in Japan vergehen oft Jahre bis zur Erstemission. Andere Initiativen wie zum Beispiel das Chiemgauer Regionalgeld wurden intensiv studiert, bevor die eigenen Währungsdesigns auf den Weg gebracht wurden. Dieses wechselseitige globale Lernen im fernen Japan live zu erleben, gehört zu den eindrücklichsten Erlebnissen der Japan-Reise. Sehr beeindruckend ist auch die wissenschaftliche Begleitung der Währungsinitiativen. Zu den führenden Akademikern gehört Prof. Nishibe der an seiner Universität ein “Good Money Lab” eingerichtet hat und nicht nur Komplementärwährungen in Japan untersucht, sondern auch aktiv neue nach Best-Practice-Ansätzen entwickelt. Prof. Nishibe war auch der “Spiritus Rector” dieser fünften Ramics-Konferenz.

 

Wie schon bei der Konferenz in Brasilien vor 4 Jahren, waren wegen den erheblichen Reisekosten auch dieses Mal weniger (europäische) Wissenschaftler anwesend als zu den Konferenzen in Europa. Trotzdem waren wieder 26 verschiedene Länder repräsentiert. Bemerkenswert war dieses Jahr, wie mehr und mehr konventionelle, auch quantitative Methoden aus den Wirtschaftswissenschaften auf die Praxis der Komplementärwährungen angewendet wurden. Damit scheint der interdisziplinäre Mix, der die wissenschaftlichen Arbeiten in diesem Bereich von jeher ausgezeichnete, auch wieder Anschluss an die Fakultäten zu gewinnen, von denen man sich intuitiv  mehr Forschung zu Geldsystemen wünschen würde. Dieser Eindruck wurde zum einen dadurch auch untermauert, dass parallel zur RAMICS Konferenz auch die Jahreskonferenz der Japanischen Gesellschaft für Institutionelle Ökonomie abgehalten wurde (leider nur in japanisch). Zum anderen war diese Entwicklung aber auch dem Umstand zurückzuführen, dass wieder mehr und mehr Aufmerksamkeit solchen Währungen zukommt, die dezidiert wirtschaftliche Notstände und freie Potentiale ansprechen. Neben vielen Arbeiten zu den mittlerweile schon als “traditionell” geltenden Regiogeldern in Frankreich (Eusko, SoNantes) oder Deutschland (Chiemgauer), waren es somit vor allem die Währungen von Grassroot Economics (gegründet von Will Ruddick) in Kenya, zu denen besonders viele wissenschaftliche Arbeiten vorgestellt wurden. Dies liegt auch daran, dass die dort generierten Daten aufgrund der offen gelegten Blockchain sehr viele Auswertungsmöglichkeiten für Forscher*innen bieten.

Schließlich fand sich dies, und der Titel der Konferenz “Going Digital? New Possibilities of Digital-Community Currency Systems” auch in der Wahl des besten wissenschaftlichen Beitrages wieder (Best Paper Award), dem die Jury an Dr. Fabienne Pinos aus Frankreich für ihre Studie mit dem Titel “How could blockchain be a key resource in the value creation process of a local currency? A case study centered on Eusko.” verlieh. Generell waren die Stimmen jedoch sowohl in den Vorträgen, als auch in den Pausen, dieses Jahr viel verhaltener, wenn es um die Erwartungen an Bitcoin, Blockchain, Libra und Co. ging. Eine weitere Sache, in der die meisten Beiträge leider auch immer noch viel zu verhalten waren, betrifft ein zentrales Anliegen von MONNETA: eine angemessene Terminologie, klare Begriffe und Wortwahl zu finden, die Aufklärung und Weiterentwicklung in Geld- und Währungsfragen befördert. Dabei muss es gerade für einen kritischen Beobachter bemerkenswert sein festzustellen, dass selbst Wissenschaftler die Begriffe Geld und Währung noch immer fast synonym gebrauchen – und damit in der Differenzierung und Beschreibung ihres Forschungsgebietes vage bleiben müssen. Aus dem MONNETA Netzwerk sind dazu sowohl auf der Konferenz, als auch an anderer Stelle, kohärente Vorschläge gemacht worden.

Ähnlich wie in der Vergangenheit war der zweite Teil der Konferenz, der vor allem den Währungsgruppen und Praktizierenden gewidmet war, gut besucht. Die internationalen und japanischen Vorträge und Workshops, sowie ein kleine Messe auf der sowohl lokale Gruppen als auch ambitionierte Technologie-Anbieter ausstellten, boten  attraktive Anziehungspunkte für Experten und Besucher. Ein weiteres Highlight war das Programm für die internationalen Besucher mit einem vielfältigen kulturellen Angebot und einem wunderschönen natürlichen Umland am Fuße der japanischen Alpen. Auf einer Abendveranstaltung für die Konferenzteilnehmer wurde die Gastfreundlichkeit und künstlerische Vielfalt mit sich wechselseitig überbietenden Darbietungen präsentiert. Die gesamte lokale Prominenz an Unternehmern, Kommunalpolitikern schien versammelt und die beiden Bürgermeister der Städte Takayama und Hida verkündeten ihre verstärkte Unterstützung für die Währungsinitiativen, weil sie erkannt haben, dass in der regionalen Vermarktung und auch im Tourismus noch viel Potenzial für die Region steckt. Die Reden machten deutlich, dass die Einbettung der lokalen Währungen in den kollektiven Gesamtzusammenhang sehr viel tiefer ist als in den meisten anderen Regionen. Der Zusammenklang von regionalen Institutionen wie den Städten und Umlandgemeinden, der regionalen Kreditgenossenschaft, von Kindergärten, Schulen und sozialen Einrichtungen, den Einzelhandelsverbänden und von bedeutenden regionalen Unternehmen wie zum Beispiel einer mittelständischen Möbelfabrik, die heimisches Holz zu hochwertigen Designer-Möbeln verarbeitet, zeigt, wie in einem harten Globalisierungswettbewerb der soziale Zusammenhalt in einer Region funktionieren kann. Komplementäre Währungen wirken dabei zunehmend als selbstverständlicher Baustein der regionalen Entwicklung und der Partizipation begriffen.

Bei jeder wenigen Gelegenheiten des Shoppens und Essengehens fielen einem an allen Ecken der Stadt die Plakate zur Konferenz auf. Meterhohe Fahnen am Bahnhof und tausende Plakate an den Geschäften bekräftigen den Willen der regionalen Gemeinschaft, die Gäste nicht nur willkommen zu heißen, sondern auch an der eigenen Region im Verbund mit Wirtschaft, Politik und Wissenschaft aktiv mitzuwirken. Im Hinblick auf eine “transdisziplinäre Wissenschaft” gibt der Einblick in das kunterbunte Währungslabor in Japan viele Impulse für die weitere wissenschaftliche und praktische Arbeit in Europa.

Es bleibt zu hoffen, dass bei  der nächsten Konferenz, die 2021 in Sofia (Bulgarien) stattfinden wird, ebenso viel Unterstützung und gegenseitige Inspiration zwischen Wissenschaft, Praxis und dem weiteren Umfeld erlebbar sein wird.

 

Fußnoten:

  1.  Lietaer, B.(2003) Complementary Currencies in Japan Today: History, Originality and Relevance,  International Journal of Community Currency Research Vol.8, pp.1-23.
  2. Kobayashi et al. (2017) Historical transition of community currencies in Japan, RAMICS Conference Paper, available at https://www.researchgate.net/publication/316882220.
  3. September, J. (2019) Sustaining Impact: An Investigation into the Practices of Long-Lived Japanese Community Currencies, RAMICS Conference Paper.
  4. Vergleiche: Hayashi, Y. (2012) Japan’s Fureai Kippu Time-Banking in Elderly Care: Origins, Development, Challenges and Impact, International Journal of Community Currency Research Vol.16 (D), pp. 30-44.
  5. Izumi, R., Nakazoto, H. (2017) The Current State of Japanese Community Currency Activities Based on the 2016 Survey, Senshuu University Economic bulletin , 52(2), 39-53. (Japanisch)
  6. Da die Wälder Japans in der zweiten Hälfte des vergangen Jahrhunderts zu dicht aufgeforstet wurden und seitdem der Holzpreis keine kommerzielle Pflege mehr erlaubt, ist solches Zivilgesellschaftliche Engagement heute die einzige Alternative zur Ernte durch Kahlschlag.

 

Am 10. August ist unser Freund und langjähriger Arbeitskollege Otmar Donnenberg im Alter von 79 Jahren gestorben. Darüber sind wir noch so erschrocken, dass wir den Nachruf in Form eines Briefes geschrieben haben, den wir ihm gerne noch hätten zukommen lassen.

 

Lieber Otmar,

Du fehlst. Nicht nur unserem Freundeskreis bei MONNETA, nicht nur Deiner Familie, Deinen Freunden und vielen Weggefährten durch Dein bewegtes Leben. Nein, Menschen wie Dich findet man selten. Diese Kombination aus einem engagierten Lehrer, Unternehmer, Berater und Sozialreformer waren ziemlich einzigartig. Ebenso wie Dein zielgenauer Blick für das Wesentliche, der uns so häufig zu dem zurückgeführt hat, was wir Menschen wirklich brauchen.

Du hast so viel geleistet in Deinem Leben z.B.:

  • für die Organisationsentwicklung, die eine neue Methode war, als Du damit anfingst,
  • für die maßgebliche Weiterentwicklung des Action-Learning, die in Deinem Buch nachgelesen werden kann,
  • für Gemeinschaften und Menschen, die Du als Coach betreut hast,
  • für Gruppen, denen Du als Mediator und Moderator geholfen hast ihre Potentiale besser zu entfalten
  • für die Nutzung der Soziokratie auch in Unternehmen,
  • für ein ethisches Banking, z.B. bei der Triodos-Bank in den Niederlanden, die Du mitgegründet hast,
  • für Lernstrategien der Veränderung z.B. bei der Transition-Bewegung, der Regionalentwicklung und der Gemeinwohl-Ökonomie

Diese Aufzählung ließe sich noch um einiges verlängern.

Menschlich überaus beeindruckend waren darüber hinaus Dein mutiger, tapferer und bewusster Umgang mit Krankheit und Tod. Seit 2008 wusstest Du von Deiner Knochenmarkserkrankung. Du hast die Leukämie mit Hilfe Deiner Frau so viele Jahre gut in Schach gehalten. So gut, dass wir noch im Juni dachten: Jetzt ist Otmar endlich über den Berg! Dann aber kam eine Infektion, die sich hartnäckig ausgebreitet hat, genauso wie die weißen Blutkörperchen. Letztendlich hat Deine bewusste Entscheidung auf weitere Behandlung zu verzichten und nach Hause zu gehen, sogar die behandelnde Ärztin zum Weinen gebracht.

Geschöpft hast Du Deine Kraft aus einer tiefen Spiritualität, die Dich z.B. immer wieder nach Dornach geführt hat. Dort hast Du den Faust von Goethe in voller Länge erlebt und ebenso die Mysteriendramen von Steiner. Für Dich waren das nicht nur Schauspiele, sondern ständige lebendige Quellen für Ideen und Inspirationen. Die Begegnung mit Bernard Lievegoed hat Dich zu Deinem Lebensthema geführt, zur „Kultivierung der Herzen“, das Du auch an vielen beruflichen Stationen praktizieren konntest. Auf gesellschaftlicher Ebene gab es für Dich ebenfalls einen Ansatz der Kultivierung durch eine Dreigliederung von Gesellschaft und Unternehmen. Das Kulturleben sollte nach Deiner Auffassung durch das Prinzip der Freiheit geprägt sein, das Rechtsleben durch das Prinzip der Gleichheit und das Wirtschaftsleben durch das Prinzip der Geschwisterlichkeit. Gewehrt hast Du Dich dagegen, Schulen und Bildung dem Gleichheitsprinzip des Staates zu unterwerfen, ebenso warst Du dagegen Wirtschaft als puren globalen und freien Wettbewerb zu gestalten, da dieses Übermaß an Freiheit im Wirtschaftsleben zur Übermacht der Konzerne und zur Monopolisierung führen würde.

Dein Mut und starker Wille Dinge zu Ende zu denken, führten auch zu der Erkenntnis, welche umfassende Bedeutung das Geldwesen, die Finanzwirtschaft und Währungssysteme für unsere Gesellschaft, unser Denken und unsere Kommunikation haben. Du wusstest wie viel man erreichen kann, wenn man dort ansetzt und zum Beispiel mit Komplementärwährungen und mit praktischen neuen Handlungsmöglichkeiten auch das Bewusstsein der Menschen verändert. Ja, Geld ist ein Tauschmittel und gesellschaftliches Gestaltungsmittel, das wir mitgestalten sollten. Deshalb hast Du Dich für Regionalwährungen, Zeit-Tausch-Systeme und Verbesserung der lokalen Netzwerke eingesetzt. Und um etwas gegen die zunehmende Ungleichheit und für eine gerechtere Verteilung zu tun. Es gab Rückschläge z.B. bei der Regionalwährung „Dreyecker“, die Du mitgegründet hast. Dennoch hat das Deinen grundsätzlichen Optimismus nicht erschüttert. Du hast dem Kritiker der Wachstumswirtschaft Tim Jackson zugestimmt, der sagte „Pessimismus ist ein Akt des Verstandes, Optimismus ein Akt des Willens. Wir gewinnen nicht durch Pessimismus, sondern durch eine optimistische Haltung.“ In diesem Sinne sehen wir Dich als einen willensstarken Optimisten, der bis zuletzt voller Elan dabei war, Regiogeld-Initiativen miteinander zu vernetzen und das kooperative Denken anzuregen. Die Themen, für die Du Dich engagiert hast, wollen wir in diesem Sinne weiter voranbringen.

Wir danken Dir aus tiefen Herzen für all das Gute, das Du für uns getan hast!

Kathrin Latsch und Christian Gelleri

 

Solange wir dem Fehler in unserem Sprachgebrauch aufsitzen, das Wort “Geld” mit konventionellen Währungen – in unserem Fall also dem Euro – gleichzusetzen, werden menschliche Werte sich leider einen anderen Ausdruck suchen müssen.

 

Geld ist eine abstrakt Idee, die erst durch Währungen in ganz unterschiedlichen Formen ihre real-weltliche Umsetzung findet. Die grundlegende Idee des Geldes ist dabei wertneutral, oder besser: werte-agnostisch. Allgemein gehalten ist Geld erstmal nur ein Einheitensystem, das die Zusammenarbeit von Menschen fördert. Dabei ist aber noch nicht gesagt, um welche Art der Zusammenarbeit es sich handeln soll: mit welchen Zielen, auf Grundlage welcher gemeinsamen Werte, in welcher Gruppe von Menschen.

Erst in der Planung, institutionellen Einbettung und schließlich der Herausgabe von konkreten Währungen werden diese Gestaltungselemente manifest – auch wenn die entsprechenden Fragen dazu allzu selten explizit gestellt und partizipatorisch beantwortet werden.

 

Unsere heute extrem ausgeprägte Währungs-Monokultur und die Besetzung aller Entscheidungsräume in “Geldfragen” durch konventionelle Ökonomen und Vertretern der Bankenlobby führen zu einem Tunnelblick, der uns die Gestaltungsmöglichkeiten von Geld und Währungen vergessen lässt. Und die Art, wie der Euro oder die übrigen modernen Nationalwährungen umgesetzt sind, wird unsere Wirtschaft und Gesellschaft nur immer weiter von menschlichen Werten entfremden. Soziale Ungleichgewichte, Umweltzerstörung, Finanzkrisen – im konventionellen Währungs-Design ist das leider alles vorprogrammiert. Aber Geld geht auch anders! Komplementäre Währungen helfen sowohl unseren kollektiven blinden Fleck zu verkleinern als auch Wirtschaft wieder so zu diversifizieren, wie es unseren mannigfaltigen menschlichen Werten und Zielen angemessen ist.

 

(Dieser Artikel erschien zuerst im Evolve Magazin 3/2019 „Was Geld mit uns macht – Fluch und Segen einer menschlichen Erfindung“, Seite 73. Die dieser Position zugrundeliegende Doktorarbeit (auf Englisch) kann hier als PDF heruntergeladen werden)

Vor einigen Monaten ist ein neues «Working Paper»1 des Internationalen Währungsfonds (IWF) erschienen, das sich mit der Frage befasst, ob man das Bargeld vom elektronischen Geld trennen könnte. Es geht dabei um ein Problem, dass die Zentralbanken identifiziert haben, als sie begannen, negative Zinsen in der Geldpolitik einzuführen. Dabei können zwar elektronische gespeicherte Vermögen auf Konten mit einem Minuszins belastet werden, nicht jedoch Bargeld, das in den Händen der Besitzer seinen Nennwert behält. Es scheint deshalb attraktiv zu sein, große Beträge in Bargeld zu horten, um damit einen Wertverlust zu vermeiden. Dadurch würde aber das Ziel der Zentralbankpolitik gestört, die durch die negativen Zinsen die Geldbesitzer dazu forcieren will, ihr Geld nicht auf Konten zu bunkern. Bargeld böte also eine Ausweichmöglichkeit und verminderte die Wirksamkeit der negativen Zinsen. Man stellt sich vor, dass bei einer weiteren Senkung der Negativzinsen immer mehr Personen «ins Bargeld flüchten würden» und damit die gewünschte Wirkung der Minuszinsen ausbleibt. Dieser Punkt wird nun auch aus Seite der Zentralbanken als ein weiterer gewichtiger Grund für eine mögliche Abschaffung des Bargeldes aufgeführt. Dies befeuert natürlich nochmals die machtpolitisch geprägte Debatte zur Bargeldabschaffung, die Tobias Plettenbacher bereits 2016 sehr umfassend beschreibt (siehe seinen Artikel hier auf Monneta)2.

Der Vorschlag, den die beiden IWF-Autorinnen, Katrin Assenmacher und Signe Krogstrup nun entwickelt haben, ist eine Trennung des Bargeldes vom Kontogeld (Giralgeld). Das Bargeld soll dabei als quasi eigenständige Parallelwährung geführt werden mit einer den Negativzinsen auf Kontogeld entsprechenden Entwertung. Die Autorinnen schlagen vor, dass die Zentralbank die nationale Währung in zwei Währungen aufteilen würde, in «Cash» (Bargeld) und «Reserves», also elektronisches Geld oder Kontogeld. Ein Negativzins würde nun auch für Bargeld gelten und zwar so, dass beim Rücktausch in elektronisches Geld, dieses weniger Wert wäre. Das bedeutet zum Beispiel: Wenn ich also bei einem Zins von -3% meine 100 € Bargeld nach einem Jahr auf mein Konto einzahlen würde, schriebe man mir dort nur 97 € gut. Das Bargeld, ich bezeichne es ab jetzt mit der Währungseinheit B€, würde also gegenüber dem Kontogeld (€) laufend abgewertet. Das hätte zur Folge, dass die Preise in zwei Währungen angeschrieben werden müssten: Das Theaterticket kostet dann z.B. 25 € bei Zahlung mit der Karte oder 29.95 B€ bei Barzahlung. Der Preisunterschied steigt, je länger eine Minuszinsphase andauert. Falls die Zentralbank die Phase mit negativen Zinsen beendet, solle sich die Situation umkehren lassen und das Bargeld würde langsam wieder an Wert gewinnen, bis nach einiger Zeit wieder Parität erreicht wäre. Diese Idee ist soweit sehr interessant und theoretisch-finanztechnisch vielleicht durchführbar. Zweipreisigkeit im Handel und in den Geschäften lässt sich lösen, insbesondere weil sofort klar ist, welche der beiden Währungen bevorzugt wird, nämlich die Kontowährung, die weiterhin als Wertmaßstab dient.

Obwohl es an sich positiv ist, dass man sich auf übergeordneter IWF-Ebene damit beschäftigt, wie man Bargeld weiterhin erhalten könnte, entgegen der laufenden Abschaffungskampagnen der Zahlungsdienstleister und Grossbanken, bin ich sehr kritisch, was die Details angeht.

Als Ausgangslage wofür braucht es überhaupt (noch) Bargeld, werden drei aktuelle Funktionen in der heutigen Gesellschaft genannt3:

  1. Schlüsselrolle im Detailhandel
  2. Hortung von Banknoten als Sparvermögen
  3. Benutzung als Mittel zur Steuerhinterziehung und für illegale Aktivitäten

Konkret werden damit also ein halbwegs positiver ein als negativ angesehener und ein total negativer Punkt als Grund für Bargeld genannt. Diese schwache und voreingenommene Analyse stammt eigentlich von Kenneth Rogoff, einem erklärten Bargeldabschaffer und enthält bereits mehr Vorurteil, als Realität. Im IWF-Papier werden dann später wenigstens noch zwei positive „Zusatzvorteile“ des Bargeldes genannt:

  1. Anonymität: Schutz der Privatsphäre
  2. Energieunabhängigkeit: Wenig Beeinträchtigung bei Strom- und Netzausfällen, Schutz vor Elektronischen Problemen inkl. Viren

Trotzdem ist das für eine echte Analyse der Funktionen und Vor- und Nachteile von Bargeld außerordentlich schwach. Ganz entscheidende Punkte fehlen. Ich will hier nur vier Grundfunktionen nennen, die Bargeld im Moment in unserem Geld- und Wirtschaftssystem erfüllt:

  1. Bargeld, d.h. Münzen und Noten bilden nach wie vor die Grundlagen unserer Währungsordnung, da nur sie die echte staatliche (resp. überstaatliche beim Euro) Währung darstellen, die auch von allen benutzt werden kann (Giro-Zentralbankgeld können nur Banken verwenden).
  2. Bargeld stellt denjenigen Teil der Geldmenge dar, der „unverschwindbar“ ist, weil er schuldenfrei in Umlauf gebracht wurde (oder hätte gebracht werden können). Alles Bankengirogeld kann „verschwinden“, denn das bei der Kreditgewährung der Geschäftsbanken geschaffene Geld muss gelöscht werden, sobald Kredite zurückgezahlt werden. Deshalb ist Bargeld ein wichtiger Stabilisator der Geldmenge.
  3. Bargeld ist universell zugänglich. Jeder kann Bargeld entgegennehmen, verwalten oder ausgeben. Giralgeld dagegen bedingt einen Zugang zu einem Zahlungsdienstleister, der diesen auch verweigern kann oder der durch Kosten/Gebühren de facto Menschen ausschließen kann. Bargeld ist also ein demokratischeres Geld, als Giralgeld.
  4. Bargeld ist Volksgeld: Während die unteren Schichten der Gesellschaft einen Großteil (in gewissen Fällen wie z.B. Obdachlosen oder Bettler 100%) ihrer Lebensbedürfnisse mit Bargeld decken, sinkt dieser Anteil bei den Reichen auf nahe 0% ab (sie haben immer ein breites Portefeuille von Zahl- und Kreditkarten).

Durch Übernahme der negativen Punkte b) und c) und dem vollständigen Fehlen der Punkte 1)-4), wie in der Analyse des IWF kommt man auf eine kaum zutreffende Ausgangslage zuungunsten des Bargeldes. Damit wird auch der Lösungsvorschlag schon fraglich.

Ein weiterer Punkt im Artikel ist ungenau. Es geht nicht darum, die bestehende Währung zu teilen und ein paralleles System einzurichten, sondern lediglich darum, die bisher schon bestehende Parallelität von Zentralbankgeld und Geschäftsbanken-Giralgeld zu verändern.4 Sind heute alle drei Formen konventioneller Währungen (Bargeld, Giralgeld und Zentralbankreserven) insofern gleichwertig, als dass sie sich 1:1 tauschen lassen, würde diese Parität mit Vorschlag der IWF Autoren aufgehoben.

Dann ist die ganze Idee auch noch völlig aus dem Central-Banking-Standpunkt gedacht. Bargeld würde nämlich durch diese Abwertung in der Praxis als eine unzuverlässige Währung wahrgenommen, die laufend an Wert verliert, wogegen das Giralgeld die alleinige Funktion des Wertmaßstabes bekäme.

Die Diskrepanz der beiden Kurse würde sich dazu über die Zeit immer weiter ausweiten. Bei -3% Zins hätte ein Produkt vom Wert 100€ folgende Preise (ohne Inflation):

Startpreis: 100€ oder 100 B€ (Bargeld-Euro)

Nach 1 Jahr:  100€ oder 103 B€

Nach 5 Jahren: 100€ oder 115.93 B€

Nach 10 Jahren: 100€ oder 134.39 B€

etc.

Das hieße, der B€ würde im Blick des Verbrauchers zu einer inflationären „Weichwährung“, die man versuchen würde zu vermeiden. Resultat: Der Umbau zur sowieso gewünschten bargeldlosen Gesellschaft (cashless society) würde damit beschleunigt.

Zudem war es gerade auch Silvio Gesells Idee Preisstabilität zu schaffen und nicht durch eine Preiserhöhung (de facto Inflation) eine Pseudo-Geldentwertung zu erreichen. Er wollte durch eine echte Geldentwertung die Übermacht des Geldes gegenüber den Waren reduzieren. Das vorgeschlagene System erfüllt dies nicht.

Weitere wichtige Punkte, warum die vorgeschlagene Idee eine Lösung für ein falsches Problem liefert und damit nicht weiterhilft:

  • Die Hortung von Bargeld ist heute verglichen mit der Hortung von Giralgeld ein marginales Problem. Wie Beispiel Schweiz zeigt, ist die Bargeldhortung sogar bei -0.75% Negativzins immer noch unbedeutend.
  • Die Behauptung, dass stärkere Negativzinsen mit der Flucht ins Bargeld vollständig kompensiert würden, ist nicht wahrscheinlich, dazu ist z.B. der Umgang mit Bargeld für große Summen schlicht zu kompliziert.
  • Das Grundproblem, warum überhaupt Negativzinsen eingeführt wurden, liegt nicht im Konsumgeld- und Realwirtschaftskreislauf, wo Bargeld überwiegt, sondern zum allergrössten Teil in der Finanzwirtschaft. Diese wird mittels Quantitative Easing (QE) aber gerade mit Geld geflutet, das sie nicht realwirtschaftlich verwendet. Hier liegt das eigentliche Hortungsproblem, das um Dimensionen grösser ist, als beim Bargeld. Der Vorschlag setzt also völlig am falschen Ort an und kann so keinesfalls die gewünschte Wirkung erzielen.

Last but not least: Wie bereits oben gesagt stellt Bargeld die Basis unseres Währungssystems und garantiert einen vielleicht entscheidenden Teil der (Noch-)Stabilität für die Wirtschaft. Die hochdekorierten Experten der Finanzwelt missachten dies vollständig. Die über Nacht Beinahe-Abschaffung des Bargeldes in Indien zeigte bereits deutlich, wohin diese verkehrte Vorstellung führt: Die Außerverkehrssetzung der 1000 und 500 Rupie Scheine, die 86% der Indischen Bargeldmenge ausmachten, hat die Wirtschaft massiv einbrechen lassen und viele Kleinsparer, die sich so z.B. ihre Altersvorsorge angespart hatten, faktisch enteignet. Diese Aktion wird also langfristig weitere negative Folgen haben und hat gerade nicht die angezielten Geldwäscher und den Schwarzmarkt am meisten getroffen, sondern die Unterschichten, die sich in den letzten Jahren langsam einen etwas besseren Stand erkämpft hatten.5 Das indische Wirtschaftssystem ist dabei geschwächt und nicht gestärkt worden.

Die Ausrichtung auch des IWF auf das falsche Problem «Bargeld», befeuert die Diskussion mit einem Ablenkungsmanöver und verhindert, dass endlich Klartext zum Finanzcasino, zu Steuerparadiesen zu Hedgefonds, zu all den toxischen schädlichen Produkten und insbesondere auch zur gefährlichen QE-Strategie gesprochen wird, bei denen dringender Handlungsbedarf bestünde. Statt das Heft in die Hand zu nehmen, das Machtproblem anzusprechen und z.B. durch 100%-Money oder Vollgeld die Souveränität der Zentralbanken über das Geld wiederherzustellen, wird der letzte Rest von staatlicher Geldhoheit weiter unter Beschuss genommen. Beim Bargeld anzusetzen löst keines der bestehenden massiven Systemprobleme, sondern hilft dabei, die verbleibende Stabilität des Systems weiter zu untergraben und kann damit nur noch schneller einen totalen Kollaps herbeiführen.

 

 

Fußnoten:

  1. Assenmacher, Katrin / Krogstrup, Signe (2018): Monetary Policy with Negative Interest Rates: Decoupling Cash from Electronic Money, IMF Working Paper WP/18/191, https://www.imf.org/en/Publications/WP/Issues/2018/08/27/Monetary-Policy-with-Negative-Interest-Rates-Decoupling-Cash-from-Electronic-Money-46076
  2. https://monneta.org/news/bargeld-test/
  3. vgl. Assenmacher / Krogstrup, p.7
  4. Die wichtigsten vorhandenen Parallelsysteme im heutigen Geldsystem, die jeweils auch eigene Gesetze und Verfassungen haben sind: Münzgeld, Notengeld, Zentralbank-Girogeld und Geschäftsbanken-Girogeld. Diese werden per Vorgaben oder auch nur per Gewohnheitsrecht in fixierter Kursparität (1:1) gehandelt.
  5. siehe z.B. https://www.focus.de/politik/experten/meinardus/indien-ungueltige-scheine-vor-allem-die-armen-leiden-unter-der-demonetisation_id_6297480.html

 

Wir trauern um Bernard Lietaer, der am 4. Februar an Krebs gestorben ist. Er war ein langjähriger Freund, Kollege sowie Mentor, dem wir außerordentliche Erkenntnisse und unschätzbar wertvolle Inspirationen verdanken. Mit ihm verliert die Welt nicht nur den Mann, der am meisten über Geld wusste, sondern vor allem den Kopf, der am besten neue Geldsysteme für die Menschen entwickeln konnte. Er wollte die Welt des Geldes neu und besser ordnen. Er erkannte, dass Geld so ein mächtiges Instrument ist, das nicht nur die Wirtschaft sondern auch unser Denken beherrscht. Er brannte für sein Thema, denn „wenn es ein einziges Instrument gibt, das alle Bereiche verbessern kann, die wir verbessern müssen, um die Menschheit zu retten, dann ist es das Geldsystem.“

Auf ihn gehen die Begriffe „Komplementärwährung“ und „Monetäres-Öko-System“ zurück. Er sagte: „Gib mir ein Problem und ich entwickele eine komplementäre Währung, mit der Du es lösen kannst.“ Margrit Kennedy schrieb an den langjährigen Freund und Co-Autor: „Deine Fantasie, Deine unerschöpflichen Ideen, wie man Geld gestalten, erfinden und verwandeln kann, versetzen mich einfach immer wieder ins Staunen.“ Beide waren überzeugt, dass eine Vielfalt an Währungssystemen für die Menschen, die Wirtschaft und die Natur besser sind als nur ein einziges Geldsystem, in dem Geld durch die Kreditschöpfung von Banken entsteht.

Lietaer litt darunter, dass es ihm nicht hinreichend gelang, seine Ideen systematisch und politisch umzusetzen: Auch wenn viele tausend lokale Komplementwährungen und Initiativen über die letzten Jahrzehnte entstanden sind, so blieb ihm doch die Anerkennung und der Anschluss an das konventionelle Geldsystem verwehrt. „Ich habe meine Illusion verloren, dass es darauf ankommt die Lösung zu haben. Das ist absolut irrelevant.“ meinte er in einem letzten, ausführlichen Video-Interview, das er 2016 gegeben hat. So bedauerte er es zutiefst, dass Griechenland keine Chance mit einer nationalen Parallelwährung gegeben wurde. Es war für ihn offensichtlich, dass es den Griechen so viel besser gehen könnte, wenn sie – ähnlich wie die Briten – eine nationale Währung nutzen könnten neben dem Euro.

Lietaer war ein großer Geist mit ungewöhnlich hellem Intellekt, der das Leben von vielen Menschen bereichert hat. Er steht für uns in der Reihe von Ökonomen wie S. Gesell, J.M. Keynes oder N. Georgescu-Roegen. Isaac Newton wird mit dem Satz zitiert, dass wir alle auf den Schultern von Riesen stehen und so besser in die Zukunft sehen können. Am 7. Februar wäre Bernard Lietaer 77 Jahre alt geworden. Wir werden ihn immer lieben und stehen jetzt auf seinen Schultern, um so seine Arbeit besser fortsetzen zu können und eine bessere Welt zu bauen.

 

Stefan Brunnhuber und Kathrin Latsch
7. Februar 2019

Rechtzeitig zum 10. Jahrestag des Lehman Brother Crashs haben wir es geschafft den neuen Verein „Bürgerbewegung Finanzwende – Finance Watch Deutschland“ zu gründen. MONNETA ist Gründungsmitglied, u.a. weil wir auch Mitglied bei „Finance Watch“ in Brüssel sind. Wir möchten alle um Unterstützung des neuen Vereins bitten, auch weil das der internationalen Arbeit von Finance Watch auf EU-Ebene hilft. Die Politiker brauchen mehr gezielten Druck, um die Bürgerinteressen gegenüber der mächtigen Finanzwirtschaft besser zu vertreten. Zum offiziellen Start sendet die Bürgerbewegung Finanzwende ein starkes Signal an die Politik:

10 Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise. Die ernüchternde Bilanz: Kaum jemand wurde in Deutschland zur Verantwortung gezogen. Schuldenkrisen, Betrug und Steuertricks sind an den Finanzmärkten weiter an der Tagesordnung – und die Regierung tut so, als sei alles gut.

Setze ein Zeichen für eine finanzpolitische Kehrtwende, damit die Gesellschaft die Kontrolle über die Finanzmärkte zurückgewinnt. Unterzeichne unseren Forderungskatalog an den Bundesfinanzminister Olaf Scholz und starte mit uns die Finanzwende! Denn die Finanzkrise ist nicht vorbei, sie sucht sich nur gerade ihre nächsten Opfer. Sie frisst sich in die Altersvorsorge oder die Mieten, vom Börsenparkett in die privaten Wohnzimmer.

Eigentlich müsste die Politik massiv gegensteuern, um endlich die gefährlichen Exzesse der Finanzbranche zu beenden! Bisherige Regulierungsbemühungen wurden jedoch zu oft verwässert oder ganz ausgebremst, weil die Finanzlobby nach wie vor übermächtig ist. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD findet sich nichts zur Regulierung der Finanzmärkte. Das nehmen wir nicht hin! Schließ Dich uns an und fordere gemeinsam mit uns den Bundesfinanzminister auf, Maßnahmen zur Überwindung der Finanzkrise auf den Weg zu bringen:
Eine wirksame Schuldenbremse für Banken Über 95% der Aktivitäten der Banken werden mit Schulden finanziert. Wir wollen verhindern, dass auch bei einer neuerlichen Verschärfung der Krise Banken wieder mit Steuergeld gerettet werden müssen. Deswegen fordern wir eine wirksame

Schuldenbremse
Banken sollen mindestens mit 10% echtem Eigenkapital wirtschaften. Echte Finanztransaktionssteuer statt minimale Börsenumsatzsteuer
Jeder Brötchenverkauf ist mit Umsatzsteuer belegt, der Handel mit Wertpapieren dagegen nicht. Dabei könnte man schon mit einem sehr geringen Steuersatz den Irrsinn stoppen, dass von Computern im Millisekundentakt Milliarden hin und her geschoben werden – zu Lasten der langfristig orientierten Sparer und Investoren. Wir fordern deshalb die Einführung einer echten Finanztransaktionssteuer auf alle Transaktionen
im Finanzmarkt, auch auf Derivate.

Unabhängige Finanzberatung statt provisionsgetriebener Finanzvertrieb
Unkundigen Bürgerinnen und Bürgern werden Finanzprodukte untergejubelt, die wegen der Provisionen zwar gut für den Vermittler, aber schlecht für den Kunden sind. So hat sich die Umsetzung der privaten Altersvorsorge vor allem als großes Geschäft für Versicherungsunternehmen auf Kosten der Kunden erwiesen. Wir fordern eine Überwindung dieses Provisionsunwesens und den Wechsel zu wirklich unabhängigen Finanzberatern, die wie Anwälte und Steuerberater ausschließlich dem Wohl ihrer Mandanten verpflichtet sind.

Wende auf dem Immobilienmarkt
Der deutsche Immobilienmarkt verkommt zunehmend zu einem abgehobenen Marktplatz für Reiche und spekulative Investoren, zum Nachteil derer, die bezahlbaren Wohnraum brauchen. Dabei sind die Gefahren durch Immobilienblasen nicht erst seit der Lehman-Pleite bekannt. Wir fordern, dass der soziale Wohnungsbau gestärkt wird und mit der Wohnungsgemeinnützigkeit Wohnraum dem Spiel der Finanzmärkte entzogen wird; die Grundsteuerreform muss genutzt werden, um Wertsteigerungen fair beim Eigentümer zu besteuern.

Lobbyregister und Fußabdruck bei Gesetzen
Noch immer schreiben Lobbyisten von Banken und Versicherungen munter an Gesetzen mit, ohne dass wir es merken können. Wir fordern ein  Lobbyregister, damit wir wissen, wer für Banken, Fonds und Versicherungen mit wie viel Geld arbeitet – und eine Offenlegung, welche Abschnitte im Gesetz direkt auf Vorschläge der Finanzlobby zurückgehen.

Wir fordern, dass die Finanzmärkte wieder den Menschen dienen und nicht
umgekehrt. Unterzeichne unseren Appell und unterstütze die Finanzwende!

(Diese Appell der  Bürgerbewegung Finanzwende kann hier als PDF heruntergeladen werden.)

(Dieser Artikel ist dem Vorwort des Buches „Mikroökonomische Lehrbücher: Wissenschaft oder Ideologie?“ von unserem Netzwerkexperten Prof. Dr. Dr. Helge Peukert entnommen und kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden.)

Diese Studie mikroökonomischer Lehrbücher verdankt sich einem biographischen Zufall. Zum Zeitpunkt meines Wechsels von der staatswissenschaftlichen Fakultät in Erfurt an die Universität Siegen zur Mitgestaltung des neuen Masterstudiengangs Plurale Ökonomik vergab das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) aus Düsseldorf ein zweijähriges Forschungsprojekt an die Ökonomen des Masterstudiengangs. Da der Forschungsauftrag, eine Analyse der vorherrschenden Mikro- und Makroökonomielehrbücher die Initiatoren des Studiengangs interessierte, übernahmen wir die praktische Durchführung. Schließlich gehören die Mikro- und die Makroökonomie (nicht nur) in Deutschland zum Kernkanon der Einführungsveranstaltungen und nicht zuletzt die Kritik an diesen Veranstaltungen führte zur Einrichtung des alternativen Masterstudiengangs.

Ein Mitarbeiter, Christian Rebhan, hatte bereits in Erfurt eine empirische Magisterarbeit verfasst, in der er erhob, welche Lehrbücher an deutschen Universitäten in Bachelorveranstaltungen zum Einsatz kommen. Zu unserer Überraschung dominieren in der mikroökonomischen Lehre fast vollständig die zwei Lehrbücher von Hal Varian und von Robert Pindyck und Daniel Rubinfeld (Rebhan, 85, die englischen und deutschen Versionen der beiden Lehrbücher unterscheiden sich höchstens in geringfügigen Details).

Eher aus Neugier warf ich gelegentlich einen Blick in die dicken Wälzer, die nach und nach im Zuge der Anlage einer kleinen Bibliothek mit den vorherrschenden, aber auch mit pluralen, heterodoxen und alternativen Beiträgen eintrafen. Rund vier Jahrzehnte hatte ich in kein Mikrolehrbuch mehr genauer hineingeschaut. In Erinnerung behielt ich von der damaligen Lektüre, dass die Mikroökonomie zwar einseitig neoklassisch ausgerichtet war, aber trotz ihrer zu kritisierenden Einseitigkeiten doch auch für sehr viele Fragestellungen hilfreiche Werkzeuge an die Hand gibt.

Auf den ersten Blick schien es bei den in der Zwischenzeit quantitativ deutlich angeschwollenen Einführungen zudem so, dass sie auch dank vieler Beispiele viel anschaulicher und lebendiger geworden sind. Waren diese Veränderungen in den letzten Jahrzehnten etwa Ausdruck einer positiven Weiterentwicklung? Recht schnell fielen aber z.B. die einseitige Auswahl der Beispiele, der marktaffine Standpunkt und die normativen Stellungnahmen der Verfasser auf, was keinen guten zweiten Eindruck hinterließ und den Verfasser im zehnten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise einmal mehr daran erinnerte, dass den Wirtschaftswissenschaften ein beträchtliches Maß an Verantwortung für ihren Ausbruch und danach für unterbliebene Reformen des Geld- und Finanzsystems zukommt.

Da auch heterodoxe Lehrbücher und explizite Kritiken des Mainstreams für unsere kleine Bibliothek im Verlauf des Forschungsprojektes eintrafen, schaute man natürlich auch in sie gelegentlich hinein. Irgendwie war es dann so weit: Ich hatte Feuer gefangen und wollte nun genauer wissen, wie es um die Mikrolehrbücher und ihre Kritik steht. Hieraus ergab sich eine vorher so nicht geplante Arbeitsteilung: Elsa Egerer untersucht im Rahmen des Forschungsprojekts und ihrer Dissertation die Teile der Makrolehrbücher, in denen es um Geld- und Finanzmärkte geht, Christian Rebhan wesentliche sonstige Schwerpunkte der Makrolehrbücher und ich entschied mich für die Mikroökonomie. Das Ergebnis liegt hier vor, die Beiträge von Egerer und Rebhan werden als Dissertationen folgen. Eine kondensierte Fassung unserer „Trilogie“ wird Ende 2018 auf der Website der FGW einsehbar sein.

Der Verfasser dieser Studie erhebt keinesfalls den Anspruch, Experte auf dem Gebiet der Mikroökonomie zu sein. Insofern dürften sich eine ganze Reihe von Aussagen und Behauptungen im Text finden, über die sich trefflich streiten lässt. Ich habe die Studie vorab nicht der Kritik der wenigen heterodoxen oder orthodoxen Fachleute ausgesetzt, da dies sicher einiger Zeit bedurft hätte und die analysierten Auflagen der Lehrbücher dann schon durch neue überholt worden wären. Auch erschien es mir eine Zumutung, von Kollegen zu erwarten, den Text im Detail durchzusehen. Ich bitte alle Leser, mir Fehler, Unklarheiten und sonstige Anregungen zuzusenden, um den Text in einer Zweitauflage zu verbessern und mich zu Diskussionen zwecks kritischem Gedankenaustausch einzuladen.

Das Wagnis, mit diesem Text als Nichtexperte an die Öffentlichkeit zu treten, ist auch ein Versuch, expertokratische Überspezialisierung zu überwinden, der gemäß sich nur Personen zu wissenschaftlichen Themen äußern sollten, die sich mit Haut und Haar, am besten über Jahrzehnte, einem Spezialthema gewidmet haben. Die heutigen Selbstbeschränkungen führen m.E. zur Verödung der Wissenschaftslandschaft. Über die Jahrzehnte war es für mich bedrückend zu beobachten, wie man wissbegierige und gestaltungsfreudige junge Menschen durch realitätsferne und oft ausgesprochen langweilige Einführungen in die curricularen ökonomischen Kernfächer demotivierte. Dabei ist das reale Wirtschaftsleben bunt und spannend und es bedarf v.a. angesichts der Bedrohung der Biosphäre und zahlreicher anderer Herausforderungen junger, kompetenter Intellektueller mit klarem Kompass, die sich nicht, wie die meisten der heute im Wissenschaftsbereich übrig Bleibenden, als Wissenschaftsfunktionäre und Sachverwaltergehilfen des Politestablishments verstehen.

In Anlehnung an das Popper’sche Forschungsleitbild werden in der folgenden Analyse mutig Kritiken, Thesen und Deutungen geäußert, die gerne „falsifiziert“ werden können. Ermuntert wurde ich für dieses Vorhaben durch die Kritik der pluralen Studierendengruppen des Netzwerks Plurale Ökonomik, das ich vor mehreren Jahrzehnten, damals unter der Fahne der Postautistischen Bewegung, mitgründete. Auch gab es Anfragen, ob es denn kritische Begleittexte zu den einseitigen Lehrbüchern gebe.

Zu meiner Studienzeit in Frankfurt am Main war die Lehre in den Kernfächern noch plural: In Mikroökonomie lernte man, wen man Glück hatte, sogar den Ansatz Sraffas kennen und als kritische Begleitung für die Tutorien wurden fast immer Bücher von Emery Hunt und Howard Sherman, John Eatwell und Joan Robinson, Maurice Dobb u.a. einbezogen. Demgegenüber wird heute, wie plurale Studierende immer wieder berichten, trotz aller möglichen Weiterentwicklungen (nicht nur) in der Mikroökonomie meist nur durch den Standardkanon mit gelegentlichen, kurzen Seitenblicken durchgesaust. In fortgeschrittenen Lehrveranstaltungen an früheren Wirkungsstätten war für mich unverkennbar, dass bei solch einseitigen, schnellen Parforceritten bei den meisten Studierenden auch dank der Umstellung auf das Bachelorsystem mit semesterbegleitenden Klausuren häufig nicht gerade viel hängen blieb und das Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge doch sehr zu wünschen übrig ließ ‒ ganz abgesehen vom heimlichen Lehrplan der Vermittlung einer bestimmten, oft marktliberal-konservativen Sicht der Dinge (z.B. alle möglichen Nettowohlfahrtsverluste bei „Eingriffen“ in Marktprozesse). Dieser heimliche Lehrplan empörte den Verfasser dieser Studie bei der folgenden Untersuchung des Öfteren, was sich hin und wieder in leicht ironischen Bemerkungen niederschlagen dürfte.

Bei den Nachforschungen zum internationalen Stand der heterodoxen Literatur für unsere (Alternativ-)Bibliothek stellten wir freudig fest, dass es neben wenigen deutschsprachigen Beiträgen zumindest im angelsächsischen Bereich eine ganze Reihe sehr niveauvoller Kritiken und Lehrbuchalternativen gibt, die leider in Deutschland so gut wie unbekannt sind und in Lehrveranstaltungen nach unserer Erhebung überhaupt keine Rolle spielen. Für fast alle Veranstaltungen gelten heute, wie erwähnt, Varian sowie Pindyck und Rubinfeld als Primärquellen. Insgesamt werden rund zwei Dutzend Mikrolehrbücher in deutscher Sprache angeboten, die aber kaum von den hier analysierten abweichen.

Um bei der Analyse der Lehrbücher nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und ohne jegliche Struktur in die Texte einzutauchen, wurde zunächst, vor der genaueren Analyse der Lehrbücher, ein analytischer Rahmen entwickelt, der zur Unterscheidung eines mehr und eines weniger raffinierten Mainstreams (I und II, mit der Neoklassik als weiterer Untergliederung) und der Heterodoxie führte (Kapitel 1). Grundlage hierbei war die allgemeine Kenntnis der Diskurslandschaft, aber auch z.B. wissenschaftstheoretische Beiträge zu den Wirtschaftswissenschaften. Ich danke Elsa Egerer für konstruktive Verbesserungsvorschläge und Diskussionen zu diesem Rahmen, der natürlich Widerspruch hervorrufen dürfte, da er auf der These beruht, dass es trotz aller Ausdifferenzierungen nach wie vor einen identifizierbaren Mainstream, einschließlich bestimmter wirtschaftspolitischer Vorurteile gibt. Auch die These eines in weiten Teilen markierbaren heterodoxen Kanons dürfte Zweifler finden. Und natürlich ließen sich viele weitere Unterschiede hinzufügen oder abziehen, da die Zusammenstellungen nicht (sach)logisch geschlossen sind.

Dennoch: Auch um die Ergebnisse der verschiedenen Lehrbuchanalysen zur Mikro- und Makroökonomie vergleichbar zu machen und um eine gewisse Struktur in das allgemeine Vorgehen zu bringen, scheint uns dieser Katalog doch ein geeigneter Ausgangspunkt zu sein, der auch bestimmte Vorannahmen der drei Studien zum Zustand der Wirtschaftswissenschaften verdeutlicht.

Die Bedeutung dieses analytischen Rahmens wurde allerdings zu Beginn überschätzt. Zwar dient er als Hintergrundfolie, aber die Untersuchung der einzelnen Kapitel und Themen gewann doch auch dank der v.a. angelsächsischen kritischen Sekundärliteratur eine konstruktive Eigendynamik, die weit über das Abprüfen des Kriterienkatalogs hinausging. Kapitel 2 und 3 thematisieren neben kurzen Ausführungen zu den gewinnorientierten Verwertungsbedingungen des amerikanischen Lehrbuchmarktes markante Aussagen und Annahmen der einzelnen Kapitel der beiden Lehrbücher. In Kapitel 4 wird ein ‒ leider sehr skeptisches ‒ Fazit gezogen und die Ergebnisse werden kurz in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang gestellt. Kapitel 5 diskutiert einige alternative Lehrbücher und Texte, die sich für eine bessere Lehre, nicht zuletzt für den pluralen Masterstudiengang in Siegen, anbieten. Kritikpunkte an einzelnen, in den Lehrbüchern gemeinsam anzutreffenden Bausteinen werden meist nicht doppelt vorgetragen, sondern nur anhand des einen oder des anderen Lehrbuchs ausgeführt.

Auf naheliegende dogmenhistorische Bezüge wurde bewusst weitestgehend verzichtet. Der Text fordert dem willigen Leser dennoch einiges an Aufwand ab, da er sich nicht auf eine leicht zu überfliegende, kondensierte und am besten in wenigen Zahlen komprimierte Zusammenfassung der Durchsicht beschränkt, sondern der Verfasser sich die Mühe macht, auch im Detail Inhalt und Marschrichtung der Lehrbücher nachzuverfolgen, es also nicht bei einer verallgemeinernden Pauschalkritik belässt. Dies ist auch nötig, um in der aktuellen Diskussion zur Frage Stellung nehmen zu können, ob v.a. das Netzwerk Plurale Ökonomik (www.plurale-oekonomik.de) mit seiner Kritik an der Lehre an deutschen Hochschulen recht hat oder ob diese Kritik auf „Unkenntnis“, „Ignoranz“, „Unwissenheit“ und „schwindender Bereitschaft zum Dialog“ beruht ‒ Vorwürfe, die von Besserwissern des Mainstreams in letzter Zeit verstärkt gegen das Netzwerk vorgebracht werden.

Das empirische und hermeneutische Ergebnis dieser Studie lautet: Die Lehrveranstaltungen zugrunde liegenden Mikrolehrbücher, für die es einige Alternativen gäbe (siehe Kapitel 5), sind in mehrerlei Hinsicht völlig einseitig, die Kritik der Studierenden und heterodoxer Ökonomen trifft zumindest diesbezüglich ohne jeglichen Zweifel zu!

Gelegentlich hört man von Lehrenden den Einwand, in der tatsächlichen mikroökonomischen Lehre gehe es doch viel pluraler zu als in den angegebenen Lehrbüchern. Dem stehen viele Berichte von Studierenden in Deutschland gegenüber, die hiervon nichts bemerkten. Da die Syllabi und Powerpoints der Lehrveranstaltungen nicht öffentlich zugänglich sind (warum eigentlich nicht?), lässt sich dies leider nicht genau überprüfen. Eine ganze Reihe von Untersuchungen zu Modulbeschreibungen, Klausurfragen, Powerpoints usw. legen aber ziemlich eindeutig nahe, dass der Inhalt der Lehrveranstaltungen zumeist kaum von den Inhalten der Lehrbücher abweicht.

Als letztliche Motivation steht hinter dieser Studie ein wirtschaftsethisches Anliegen: Demokratische Entscheidungsstrukturen, sozialer Zusammenhalt auch durch Vermeidung zu großer sozialer Ungleichheit, die Förderung und der Erhalt kultureller Diversität und die ökologische Bewahrung der Biosphäre liegen mir neben einer effizienten materiellen Güterversorgung (die im ‒ auch normativen ‒ Zielkatalog des Mainstreams unangefochten an erster Stelle steht) am Herzen. Angesichts der immer deutlicher und sichtbarer hervortretenden Bedrohung unserer Umwelt, der auch hiermit zusammenhängenden Frage einer evtl. zu weit vorangetriebenen (Hyper-)Globalisierung und internationaler Arbeitsteilung sowie sich häufender Finanzkrisen bedarf es einer Weitung auch des mikroökonomischen Fragen-, Modell- und Reflexionshorizonts. Nationale Regierungen und die EU befinden sich mangels Engagement und dank WTO und Binnenmarktfreiheiten oft nicht mehr auf Augenhöhe mit multinationalen Unternehmen und privatwirtschaftlichen Interessengruppen, und im Verbund mit verstärkten Migrations- und Fluchtbewegungen schmelzen nicht nur in Europa die bürgerlichen Parteien der Mitte dahin, die bis dato womöglich den Rezepten des Mainstreams zu bereitwillig folgten (Ableitung der europäischen Binnenmarktfreiheiten aus Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile).

Wenn eine weitere erhebliche Steigerung des BIP in den Metropolen aus ökologischen Gründen nicht zu vertreten ist und uns auch nicht unbedingt zufriedener und glücklicher macht, richtet sich natürlich der Blick auf die Verteilung des Kuchens und als Ausgleich könnte eine höhere Zufriedenheit am Arbeitsplatz z.B. durch Partizipation angestrebt werden. Auf dem Weg in eine Ökonomie, die nicht zwangsläufig immer weiter wachsen muss, sind wahrscheinlich auch weitere Arbeitszeitverkürzungen unumgänglich. Für diese Herausforderungen reichen der mikroökonomische Mainstream und die Neoklassik nicht aus, da z.B. zumindest die elementare Neoklassik (der Lehrbücher) Verteilungsfragen vom Ansatz her eher agnostisch gegenübersteht und die Lehrbücher trotz IT-Revolution und angesichts völlig neuer Produktions- und Konsumformen (Netzwerkexternalitäten und Konsumenten als Datenproduzenten) inhaltlich und konzeptionell nach wie vor an der klassischen Industriegesellschaft ausgerichtet sind, obwohl Varian auch Chefökonom von Google ist.

Nach Meinung des Verfassers dieser Studie hat die, etwas polemisch formuliert, misanthropische Sichtweise v.a. des Menschenbildes des Mainstreams eine gewisse Berechtigung als nüchternes Fundament mikroökonomischer Analysen. Sie muss aber angesichts der aktuellen gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Herausforderungen durch Ansätze der Heterodoxie und sie tragender Denkschulen ergänzt werden. Der Mainstream wird hier also keineswegs rundheraus abgelehnt, sondern er kann durchaus als Ausgangspunkt dienen, sollte aber in Einführungsveranstaltungen keine monokulturelle Einbahnstraße sein.

 

Helmut Creutz hat viel zur Enttabuisierung und Entzauberung unseres Geld- und Zinssystems beigetragen. Als Architekt fiel ihm in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf, dass die Finanzierung ökologischen Bauens regelmäßig an den damals sehr hohen Zinsen scheiterte. Gründlich und kritisch wie er war, wollte Helmut Creutz wissen, wieso die Zinsen so hoch waren und weshalb niemand diese Tatsache in Frage stellte.

Helmut Creutz fand nicht nur heraus, wie unser Geld- und Zinssystem funktioniert, er veröffentlichte sein Wissen auch in zahlreichen Grafiken und klärte durch seine Bücher und Vorträge weite Teile unserer Zivilgesellschaft auf. Sein Buch „Das Geldsyndrom“ kann als Grundlagenwerk zum Verständnis unseres Geld- und Zinssystems angesehen werden.

Dieses Buch inspirierte u.a. Prof. Dr. Margrit Kennedy zu ihrem Bestseller „Geld ohne Zinsen und Inflation“. Margrit Kennedy wiederum inspirierte im In- und Ausland hunderte Bürgerinitiativen, Vereine und Genossenschaften zur Herausgabe komplementärer Geldsysteme – die als Lernbewegung im deutschsprachigen Raum in weiten Regionen zur Aufklärung der Zivilgesellschaft in Sachen Geld beitrugen und -tragen.

Als kritischer Ökonom habe ich sämtliche von Helmut Creutz in seinen Büchern dargestellten Zahlenquellen und Zusammenhänge eigens geprüft – und bin durch die Bestätigung seiner Recherchen und Veröffentlichung seiner Quellen selbst zum Aufklärer hinsichtlich unseres Geld- und Zinssystems geworden.

So hat Helmut in seinen Grafiken zwar stets grob die Quellen wie „Bundesbank-Monatsberichte“ etc. angegeben, als Wirtschaftswissenschaftler interessierten mich jedoch detailliertere Quellenangaben. Da ich wie Helmut in Aachen wohnte, gewährte er mir kurzerhand in seiner Wohnung wiederholt Einblick in die von ihm verwendeten Quellen, die ich dann systematisch erfasst und veröffentlicht habe.

Wie kein anderer verstand es Helmut Creutz, die komplexen Zusammenhänge unseres Geld- und Zinssystems für jedermann und jedefrau verständlich darzustellen. Und in Frage zu stellen. Sein Buch „Die 29 Irrtümer rund ums Geld“ beleuchtet zahlreiche blinde Flecken unseres Geldsystems.

Als Mitglied der Freiwirtschaftsbewegung propagierte Helmut Creutz auch die Erdung unseres Geld- und Zinssystems durch die Einführung von Negativzinsen auf kurzfristige Geldanlagen – wie sie inzwischen von der EZB sowie immer mehr Geschäftsbanken praktiziert wird. Helmut Creutz erkannte früh, dass die zunehmenden Blasen in den weltweiten Geld- und Finanzmärkten mit der zunehmenden Loslösung des Geld- und Zinssystems von der Realwirtschaft und ihren natürlichen Begrenzungen zu tun haben.

Entsprechend der Geschichte von Goethes Zauberlehrling haben wir uns mit dem Zinssystem ohne Negativzinsen ein sich selbst beschleunigendes System geschaffen, dass seit den Weltkriegen einerseits ein wichtiges Instrument zur Unterstützung großer Wirtschaftswunder und wachsenden materiellen Wohlstands war und ist, andererseits systemimmanent unausweichlich zu immer größeren Wirtschafts- und Währungskrisen sowie zur Überschreitung ökologischer und sozialer Grenzen führt.

Helmut Creutz hat diese Zusammenhänge erkannt und transparent und übersichtlich dargestellt und vermittelt – und so sicherlich einen guten Anteil daran, dass Negativzinsen inzwischen nicht mehr tabuisiert sind, sondern fast schon zum normalen Instrumentenkasten unserer Zentral- und Geschäftsbanken gehören. Und erst diese Negativzinsen ermöglichen ein neues Gleichgewicht zwischen Finanz- und Realwirtschaft, zwischen Ökologie und Ökonomie.

Helmut Creutz haben wir auch das Wissen zu verdanken, wie unser bisheriges Zinssystem systematisch zur Vergrößerung gesellschaftlicher Ungleichheit beiträgt, indem es jährlich zur Umverteilung enormer gesellschaftlicher Vermögen von 80 % der weniger bis gar nicht wohlhabenden Bevölkerung zu den 10 % finanziell sehr Vermögenden führt.

Ein besonderes Anliegen von Helmut Creutz war zudem, auf die Zusammenhänge zwischen unserem Zinssystem sowie Krieg und Frieden hinzuweisen. Das Geldsystem stabilisierende langfristige reale Zinssätze von über 3 % lassen sich nämlich dauerhaft nur durch die ständige Ausweitung von Märkten erzielen (Kolonisierung und Globalisierung) – oder durch Kriege, deren Zerstörungen das ganze Spiel wieder von vorn beginnen lassen. Erst die Einführung von Negativzinsen entkoppelt diesen systemischen Zusammenhang.

Durch meine intensiven Recherchen zu den statistischen Grundlagen der von Helmut Creutz verwendeten Zahlen und Fakten konnte ich auch die liebevolle Gastfreundschaft von Helmut und seiner Frau Barbara erleben. Ich habe ihn als einen Menschen von vorbildlichem Charakter kennengelernt, der bei aller Sicherheit, was seine Forschungen und sein Aufklärungsinteresse betraf, angenehm bescheiden blieb.

Sensibel war Helmut Creutz, wenn seine über Jahrzehnte mühsam erarbeiteten Grafiken ohne Quellenangabe verwandt wurden, die er großzügig schon früh im Internet zur Verfügung gestellt hatte. Wer weiß, welch enorme Arbeit und Disziplin hinter der Zusammenstellung seines Zahlen- und Faktenwerkes steckt, wird auch in Zukunft gern und voller Anerkennung auf Helmut Creutz als Wissens- und Inspirationsquelle verweisen.

Webseite von Helmut Creutz:

http://www.helmut-creutz.de

Das Finanzsystem soll der Wirtschaft und Gesellschaft dienen,  nicht schaden. Nach der letzten Finanzkrise haben Politiker eine weitreichende Reformierung des Finanzwesens versprochen – und doch ist das Finanzsystem zehn Jahre später fast so fragil wie zuvor. Immer noch fließt zu viel  Geld in spekulative Aktivitäten anstatt sinnvolle und nachhaltige Projekte in der Wirtschaft zu finanzieren, immer noch lässt sich der Staat von der  Finanzwirtschaft erpressen und rettet Banken, Bausparkassen und Versicherungen auf Kosten der Steuerzahler und Verbraucher. Es müssen   effektivere Reformen ergriffen werden, will man eine Neuauflage der Krise vermeiden und ein nachhaltiges Finanzsystem schaffen.

Doch wie bewerten die Parteien, die sich bei der Bundestagswahl am 24. September zur Wahl stellen, den Reformbedarf des Finanzsystems? Und   welche Maßnahmen wollen sie ergreifen?

Sieben Organisationen, die sich aus zivilgesellschaftlicher Perspektive seit vielen Jahren kritisch mit dem  Finanzsystem und seinen Folgen beschäftigen, haben sechs Parteien gebeten zu ihren Fragenkatalog Stellung zu nehmen und von allen Antworten   erhalten: CDU, SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, FDP und AfD.

Allgemein lassen sich folgende Tendenzen feststellen:

• CDU/CSU schätzen die von ihnen unterstützten Gesetze für weitestgehend ausreichend ein. Den Hauptreformbedarf sehen sie in einer erhöhten Proportionalität der Regulierung und fordern daher Ausnahmen für kleine Banken („Small Banking Box“).

• Die SPD scheint grundsätzlich mit den mitgetragenen Reformen zufrieden. Sie will allerdings den gefährlichen Hochfrequenzhandel eindämmen und wirbt offensiv für eine Finanztransaktionssteuer.

• Die Linke spricht sich für eine radikale Veränderung der Finanzmarktarchitektur aus, zum Beispiel für eine Vergesellschaftung der privaten Banken, mit starker Betonung der Rolle von Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Zusätzlich strebt die Partei die Einführung eines „Finanz-TÜV“ an, d.h. es werden nur Finanzprodukte zugelassen, die nachweislich keine negativen Auswirkungen auf Gesellschaft oder Verbraucherrechte haben.

• Bündnis 90/Die Grünen fordern deutlich einfachere, aber härtere Regeln für die Finanzindustrie, damit große Banken weniger Schlupflöcher nutzen können und kleine Banken mit den bürokratischen Anforderungen zurechtkommen. Ein Beispiel ist eine deutlich höhere Eigenkapitalquote, die nicht durch interne Risikomodelle kleingerechnet werden kann, sowie die Offenlegung von Klimarisiken.

• Die FDP setzt tendenziell eher auf die disziplinierende Kraft des Marktes und will daher Aktionäre und Gläubiger konsequenter in die Haftung nehmen, wenn Banken in Schieflage geraten.

• Die AfD äußert sich systemkritisch, bleibt aber in ihrer Analyse sehr pauschal und bietet kaum Lösungsvorschläge.

 

Unsere Fragen und die Antworten der Parteien im original Wortlaut:

(auch als pdf, 27 Seiten, zum herunterladen)

 

1. Finanzwirtschaftliche Macht, „too-big-to-fail“-Problematik und Diversifizierung des Bankensystems

2. Stabiles Finanzsystem, Staatsfinanzierung und Bankenfinanzierung

3. Reform des Europäischen Systems der Finanzaufsicht und der Umzug der Europäischen Bankenaufsicht

4. Komplexität der Bankenregulierung

5.Regulierung des Kapitalmarktes– Hochfrequenzhandel – Finanztransaktionsteuer

6. Privileg der Giralgeldschöpfung von Geschäftsbanken

7. Finanzsystem, Nachhaltigkeit und Umweltschutz

 

   

   

 

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