Solange wir dem Fehler in unserem Sprachgebrauch aufsitzen, das Wort “Geld” mit konventionellen Währungen – in unserem Fall also dem Euro – gleichzusetzen, werden menschliche Werte sich leider einen anderen Ausdruck suchen müssen.

 

Geld ist eine abstrakt Idee, die erst durch Währungen in ganz unterschiedlichen Formen ihre real-weltliche Umsetzung findet. Die grundlegende Idee des Geldes ist dabei wertneutral, oder besser: werte-agnostisch. Allgemein gehalten ist Geld erstmal nur ein Einheitensystem, das die Zusammenarbeit von Menschen fördert. Dabei ist aber noch nicht gesagt, um welche Art der Zusammenarbeit es sich handeln soll: mit welchen Zielen, auf Grundlage welcher gemeinsamen Werte, in welcher Gruppe von Menschen.

Erst in der Planung, institutionellen Einbettung und schließlich der Herausgabe von konkreten Währungen werden diese Gestaltungselemente manifest – auch wenn die entsprechenden Fragen dazu allzu selten explizit gestellt und partizipatorisch beantwortet werden.

 

Unsere heute extrem ausgeprägte Währungs-Monokultur und die Besetzung aller Entscheidungsräume in “Geldfragen” durch konventionelle Ökonomen und Vertretern der Bankenlobby führen zu einem Tunnelblick, der uns die Gestaltungsmöglichkeiten von Geld und Währungen vergessen lässt. Und die Art, wie der Euro oder die übrigen modernen Nationalwährungen umgesetzt sind, wird unsere Wirtschaft und Gesellschaft nur immer weiter von menschlichen Werten entfremden. Soziale Ungleichgewichte, Umweltzerstörung, Finanzkrisen – im konventionellen Währungs-Design ist das leider alles vorprogrammiert. Aber Geld geht auch anders! Komplementäre Währungen helfen sowohl unseren kollektiven blinden Fleck zu verkleinern als auch Wirtschaft wieder so zu diversifizieren, wie es unseren mannigfaltigen menschlichen Werten und Zielen angemessen ist.

 

(Dieser Artikel erschien zuerst im Evolve Magazin 3/2019 „Was Geld mit uns macht – Fluch und Segen einer menschlichen Erfindung“, Seite 73)

Zum vierten Mal traf sich diesen Mai die internationale Gemeinschaft der über Komplementärwährungen Forschenden, diesmal auf Einladung der Universität Oberta de Catalunya in Barcelona (IV International Conference on Social and Complementary Currencies). Während auf der vergangene Konferenz 2015 in Brasilien (wir berichteten darüber auf MONNETA.org) die Gruppe aufgrund der langen Anreise etwas kleiner ausfiel als die Jahre zuvor in Lyon und Den Haag, kamen diesmal wieder fast 400 Wissenschaftler, Praktiker und Interessierte zusammen, um sich über ihre Ideen, Forschungsergebnisse, Projekte und Herausforderungen auszutauschen.

Plenum zu Komplementärwährungen im öffentlichen Sektor

Unter dem diesjährigen Konferenztitel „Geld, Bewusstsein und Werte für den Sozialen Wandel“ (Money, Consciousness and Values for Social Change) gab es über 170 Beiträge, Vorträge und Workshops. Das besondere Anliegen dieser Konferenzserie, Wissenschaftler und Praktiker in direkten Austausch zu bringen, bereicherte auf der einen Seite das Programm. Auf der anderen Seite fiel jedoch die Qualität der Beiträge sehr unterschiedlich aus. Es wurden sowohl akademische Forschungsberichte als auch neue Projektideen vorgestellt und nicht alle schienen nur um den Informationsaustausch bemüht. Mehrfach wurde auch direkt zu engerer Kooperation und Unterstützung für die präsentierten Projekte aufgerufen. Zusammenfassungen der Beiträge, Videos und andere Dokumenationen der Konferenz könne auf dieser Webseite und dem Menüpunkt „IV Conferencia Internacional MSC“ abgerufen werden.

Vernetzung unter Palmen

Die meisten Teilnehmer kamen dabei aus Spanien, nicht nur wegen der offensichtlichen Nähe zum Konferenzort, sondern auch weil die dortige Komplementärwährungszene in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Die meisten lokalen Initiativen arbeiten nach wie vor an Systemen wie Tauschringen, aber es gab auch einige bahnbrechende Projekte mit Beteiligung des öffentlichen Sektors wie z.B. in Santa Coloma de Gramenet, nördlich von Barcelona. Die Stadt war von 2013 bis 2016 Projektpartner im Digipay4Growth EU Projekt. Mittlerweile vergibt die Stadtverwaltung einen Teil ihrer Subventionen in Form einer eigenen Währung. Diese kann nur nach einer Reihe von lokalen Transaktionen zum vollen Wert wieder in Euros getauscht werden. So erhofft sich die Stadt, Kaufkraft lokal zu halten und unabhängige Kleinunternehmer zu unterstützen.  Zu dem Thema des Einsatzes und der Unterstützung von KWs im öffentlichen Sektor gab es diesmal eine ganzen Morgen mit internationalen Berichten von Stadtvertretern aus Bristol (Bristol Pound, England), Nantes (SoNantes, Frankreich), Lissabon (Pagoemlixo, Portugal) und Santa Coloma (Grama, Spanien), sowie aus weiteren Städten Spaniens, wie Cordoba und Sevilla.

Dieses Jahr war auch eine Gegensatz besonders wahrnehmbar, der sich schon seit mehreren Jahre in der Komplementärwährungsszene ablesen ließ: Auf der einen Seite die bekannten Modelle und Ansätze zu lokalen Währungen und auf der anderen die Faszination und technischen Möglichkeiten der sogenannten Kryptowährungen. Vielen kam dies wie eine quasi-babylonische Sprachverwirrung vor. Denn nicht nur wenn es um die technischen Begriffe und Protokolle geht, denen die neueste Generation von komplementären Währungen zu Grunde liegen, sondern auch was Zielsetzung, Problemstellungen und Lösungsansätze herkömmlicher Modelle angeht, scheine Realität und hoffnungsvolle Werbebotschaften auseinander zu laufen. „To a hammer everything is a nail“ sagte einer der Teilnehmer und lachte. Denn für die viele Advokaten und Jungunternehmer der hochtechnisierten und investionsreichen Kryptowährungs- und FinTech-Szene, sind anscheinend (oder eben scheinbar) alle Probleme, die die Umsetzung oder Verbreitung von Komplementärwährungen in Vergangenheit und Gegenwart hatten oder haben, mit den neuen Datenbanktechnologien und Handyapplikationen lösbar.

Social Currency Markt – Faire Produkte, faires Geld

Immerhin ließ sich aber auf dieser Konferenz und einem anschließenden Hackathon auch eine neue Gattung von Ansätzen erleben: Die Kreuzung von sozial-orientierten und technologie-getriebenen Ideen und Projekten. Ob diesen die Zukunft der komplementären Geldsysteme allgemein gehört, oder doch nur die Sparte in der es, ganz im Sinne der altbekannten neoliberalen Denkweise, um Effizienz und Profit geht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen müssen.

Dies war auch die erste Konferenz, die offiziell unter dem Logo der 2015 gegründeten Forschungsvereinigung RAMICS organisiert wurde. Diese junge Institution hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erforschung von komplementären Geldsystemen und anderen monetären Innovationen zu repräsentieren und ihre akademischen Stellung zu stärken. Die Konferenzen, die die Gründungsmitglieder schon in den Jahren vor dem Bestehen von RAMICS organisierten, sind ein wichtiger Grundpfeiler für dieses Anliegen. Die ersten zwei Jahre der Vereinigung waren vor allem durch administrative und Kommunikationstätigkeiten geprägt. In Barcelona wurde nun auch die erste Mitgliederversammlung abgehalten. Das Direktorium wurde für die nächsten zwei Jahre um August Corrons, der die diesjährige Konferenz federführend organisierst hatte, und Ricardo Orzi aus Buenos Aires erweitert.

Nun richten sich viele Augen erwartungsvoll in den Fernen Osten, denn RAMICS Direktoriumsmitglied Makato Nishibe hat am letzten Tag in Barcelona angekündigt die Organisation der 5. Konferenz zu monetären Vielfalt 2019 in Japan auszurichten. Wieviele und vor allem welche Ideen und Projekte, die dieses Jahr vorgestellt wurden, sind bis dahin wohl schon umgesetzt?

Die Organisatoren der RAMICS Konferenzen, von links: Jerome Blanc, Lyon (2011); Georgina Gomez, Den Haag (2013); Ariadne Scalfoni Rigo, Salvador de Bahia (2015); August Corrons, Barcelona (2017); Makoto Nishibe, Kyoto (2019)

 

 

 

Zu Recht wird vielerorts lamentiert, dass heterodoxen Gedanken und Forschung zum Thema Geld nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. In dieser Hinsicht, war die Konferenz in Lyon (Frankreich) vom 1. bis 3. Juni 2016 ein Lichtblick.

Mehr als 60 Wissenschaftler aus der ganzen Welt kamen zusammen um Rück-und Vorschau zu halten über diese Tradition von Ideen und Forschungsprogrammen, die in Frankreich seit den 1970er Jahr einen besonderen Rückhalt hat.

In einer Zusammenkunft von verschiedenen historischen und aktuellen Strömungen bildete sich damals eine Schule von Theorien und Theoretikern heraus, die nun rückblickend als Französischer Monetärer Institutionalismus bezeichnet wird. Dabei wird Geld nicht als neutrales Tauschmittel angesehen, dessen Attribute rein effizienz-technisch oder historisch gegeben sind. Vielmehr wird es als Institution betrachtet, die unsere Interaktionen und natürlich auch Transaktionen maßgeblich prägt. Soweit würde natürlich auch niemand aus der traditionellen Wirtschaftswissenschaft widersprechen. Was jedoch bei einer institutionellen Sichtweise besonders hervortritt, ist wie sehr Geld nicht nur auf soziale Prozesse wirkt, sondern selber auch ein Produkt sozialer Prozesse ist. Eine reduktionistische, wertneutrale Betrachtung des Geldes ist dann nicht mehr möglich. Weder in Hinsicht auf die Verfassung des Geldes noch in Bezug auf die Interessen die es abbildet. Geht eine neoliberale Interpretation immer erst von dem Individuum und seinen Interessen aus, „kann man als Institutionalist nicht über das Individuum reden ohne gleichzeitig auch das Kollektive mitzudenken“, so Jean Cartelier in seinem Vortrag. Denn, so ergänzte Michel Aglietta, „individuelle Werte sind missverstanden, wenn sie nicht auch als kollektive Werte verstanden werden“ und „Geld wird damit zum strategischen Verbindungsglied unserer gesellschaftlichen Beziehungen.“

Und diese Funktion kann Geld nicht nur ausüben, wenn es staatlich legitimiert ist, wie so oft angenommen wird, sondern eben auch in privater Initiative. Beispiele dafür sind nicht nur die vielen gegenwärtig genutzten Komplementärwährungen, sondern wie Ökonom und Historiker Lucien Gillard zeigte, auch in Beispielen die historisch Bedeutung hatten, sogar im internationalen Hande, wie z.B. die kaufmännischen Ausgleichskassen der Renaissance. Und dies mit einer Verbreitung und realwirtschaftlicher Relevanz, die den heutigen Hype um bitcoins marginal erscheinen lässt.

Fragen nach dem „wie“ und „wieso“ und „warum nicht anders“ in Bezug auf Geld, wie wir es kennen, werden greifbarer und eine Pluralität von verschiedenen Geldern ist dann nicht nur ein Effizienzproblem, sondern ein Ausdruck verschiedener parallel berechtigter Werte oder Wertevorstellungen. Daher ist diese Schule an Geldtheoretikern auch viel aufgeschlossener gegenüber den Ideen und Praktiken komplementärer Währungen, die für andere Wissenschaftler oftmals nur eine Randerscheinung sind, die für Theoriediskussionen irrelevant erscheinen.

Über die Jahrzehnte hat sich Lyon als Hauptsitz dieser französischsprachigen Gruppe von Denkern etabliert, die, so bezeichnete es Jean-Michel Servet in seinem Rückblick, andernorts als die „Lyoneser Heretiker“ beschrieben wurden. So war der Veranstaltungsort am Institute für Politikwissenschaften mehr als passend.

Und ebenso waren die Vortragenden eine gute Repräsentanz des französischsprachigen Feldes heterodoxer Geldtheoretiker. Neben André Orleans und Michel Aglietta, die mit ihren Arbeiten massgeblich zur internationalen Anerkennung und zum Selbstverständnis des monetäre Institutionalismus beigetragen haben, stellten die Plenarsitzungen mit Jean Cartelier, Jean-Michel Servet, Massimo Amato und Bruno Theret eine seltene hochkarätige und multi-disziplinäre Umschau auf dies eine Thema dar. Es ging dabei aber nicht nur um das Selbstverständnis und eine interdisziplinäre Renaissance der Geldtheorien, sondern auch um die Schwierigkeit, ihnen in einer Atmosphäre von Tabuisierung und immer weiter fortschreitender Eingleisigkeit moderner Wirtschaftswissenschaften Gehör zu verschaffen. In thematischen Workshop Sitzungen, in denen die einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten vorgetragen wurden, ging es unter anderem um die Zusammenhänge und Perspektiven des Geldthemas mit Politik, Philosophie, Soziologie und Anthropologie, sowie die Rolle von Zentralbanken und internationalen Geldinstitutionen, historischen Perspektiven und aktuelle Fallstudien – wie dem Programm der Konferenz zu entnehmen ist.

Unter den Themen dieser Sitzungen fanden sich auch solche zum Thema Komplementärwährungen, betrachtet aus historischer, theoretischer, praktischer und aktueller Sicht. Der Anerkennung dieses Themas unter den Teilnehmern war es auch zu verdanken, dass im Rahmen dieser Konferenz die erste öffentliche Sitzung der neugegründeten internationalen Forschungsgesellschaft für Währungsvielfalt: RAMICS (Research Association on Monetary Innovation and Community and Complementary Currency Systems) stattfand. Über deren neuen Webpräsenz können sich nun sowohl individuelle als auch institutionelle Mitglieder anmelden. Die nächste von RAMICS organisierte Konferenz wird vom 10. bis zum 14. Mai 2017 in Barcelona stattfinden.

Ein Überblick des Französischen Monetären Institutionalismus findet sich in einem neuen Buch, das ebenfalls während der Konferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: „Théories Francaise de la Monnaie“ , von Pierre Alary, Jerome Blanc, Ludovic Desmedt und Bruno Theret.

theorie-francasieDas ein Buch über diese Theorien aus dem französischen Sprachraum aber nur auf französisch erscheint, schien im Rahmen der Konferenz fast wie ein rekursiver und schmerzlicher Scherz. Zwar waren während aller Plenarsitzung Simultanübersetzungen zwischen Französisch und Englisch angeboten, und dank der internationalen Gäste gab es teilweise auch Sitzungen auf Spanisch und Portugiesisch, aber die Beschränkung der wissenschaftlichen Publikationen auf die französische Sprache war nicht nur in den Kaffeepausen ein Thema. Eine ganze Sitzungsrunde beschäftigte sich unter dem passenden Title „Lost in Translation“ damit. Dazu passte leider auch, dass sich von den vielen internationalen Ehrengästen des wissenschaftlichen Komitees schließlich nur wenige unter den Anwesenden befanden und keiner aus dem englischsprachigen Ausland.

Immerhin ein Grundtext dieser Schule ist seit 2014 wenigstens in englischer Sprache erhältlich: André Orleans „The Empire of Value“ bietet einen Einstieg, der in Zukunft hoffentlich nicht an Sprach- und Denkgrenzen enden muss.

Mehr Informationen zur Konferenz, mit Downloads aller vorgestellten Arbeiten finden sich auf der offiziellen Webseite: https://imf2016.sciencesconf.org

Unser Autor Leander Bindewald schreibt seine theoretische Doktorarbeit zum Thema Geld und Komplementärwährungen als diskursive Institutionen am „Institute for Leadership and Sustainability“ der Universität Cumbria in Nordengland.

 

Bereits 2011 haben Christian Gelleri und Thomas Mayer eine Zweitwährung für Griechenland vorgeschlagen. Im März 2012 wurde ausführlich darüber berichtet. Seither konnten die griechischen Probleme nicht gelöst werden. Das Land steht immer noch vor der Staatspleite. Ein sogenannter »NEURO« könnte Schlimmstes vermeiden helfen.

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Die Krise in Griechenland geht in ihr achtes Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2008, dem ersten Jahr der Rezession, bei etwa 23.200 Euro. Unter Berücksichtigung von Steuern und Abgaben kam ein Grieche durchschnittlich auf 1.000 Euro pro Monat. Im Zuge der Wirtschaftskrise sank das Bruttoinlandsprodukt bis 2014 auf nur noch 16.500 Euro und das verfügbare Einkommen auf etwa 700 Euro pro Monat. Wenn die Preise für die Güter im gleichen Maße gesunken wären, wäre das nicht weiter erwähnenswert. Ein Blick auf den Lebenshaltungsindex in Griechenland zeigt jedoch für den gleichen Zeitraum eine Erhöhung des Preisniveaus. Ein Deutscher hatte zum Vergleich im Jahr 2008 durchschnittlich etwa 1.500 Euro und kommt aktuell auf etwa 1.600 Euro pro Monat.

»Die Begrenzung des Geldabflusses müsste für Griechenland die allerhöchste Priorität haben.«

Was würde in Deutschland passieren, wenn das durchschnittliche Einkommen bei etwa gleichbleibenden Preisen auf 1.000 Euro absinken würde? Man muss weit zurückblicken, bis wir in Deutschland etwas Vergleichbares finden: die Wirtschaftskrise von 1929 bis 1933. In diesem Zeitraum sank das Brutto inlandsprodukt pro Kopf ebenfalls um ein Drittel. Ein großer Teil der Deutschen verlor nach vier Jahren die Geduld und wählte den Nationalsozialismus, der den Staat innerhalb von zwölf Jahren wirtschaftlich und moralisch völlig ruinierte. In Griechenland vertrauten die Menschen immerhin länger den etablierten Parteien, doch die Kräfteverhältnisse haben sich enorm verschoben und spätestens seit dem Einzug der Goldenen Morgenröte ins Parlament Anfang 2012 werden rechtsextreme Tendenzen immer sichtbarer. Das Wegbrechen von Einkommen hat bei den Menschen in Griechenland Spuren hinterlassen. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr ernähren können und diese in Obhut eines SOS-Kinder- dorfs geben oder wenn kranke Menschen nicht mehr behandelt werden und viele an- dere Beispiele zeigen, dass ein Sinken des Einkommensniveaus um 30 Prozent mit zahllosen menschlichen Tragödien verbunden ist. Ende 2014 wählten die Griechen die linke Syriza an die Macht und setzten in die neue Regierung große Hoffnungen. Als Finanzminister bestimmte der neue Regierungschef Tsipras den Ökonomen Yanis Varoufakis. Das ist insofern bemerkenswert, als dieser im Februar 2014 in seinem Blog einen Vorschlag für eine Parallelwährung in Griechenland unterbreitet hat. Wie sieht dieser Vorschlag aus?

Varoufakis’ Vorschlag:

Ausgangspunkt ist für Varoufakis die Abwärtsentwicklung der griechischen Wirtschaft und deflationäre Tendenzen in der Eurozone seit 2013. Aus seiner Sicht sei die Geldmengenexpansion der Europäischen Zentralbank zu gering im Gegensatz zu den USA, die bereits seit 2008 sehr expansiv reagiert habe. Während die US-Notenbank Dollars gedruckt hätte, um in großen Mengen US-Staatsanleihen zu kaufen, hätte die Europäische Zentralbank nur zögerlich auf Wirtschafts- schwäche und fallende Preise reagiert. Der Süden Europas sei davon besonders betroffen. Varoufakis zieht einen interessanten Vergleich mit der Kryptowährung Bitcoin: Die Menge der Bitcoins ist absolut auf 21 Millionen begrenzt. Es besteht keine Möglichkeit, Wachstumsimpulse durch eine Erhöhung der Geldmenge zu erzielen. Ähnlich sei die Geldmenge in den südlichen Staaten Europas fixiert. Die Stärke einer Wirtschaftsregion ziehe Geld an, dieses fehle dann in einer anderen Region. Varoufakis blendet bei seiner Analyse jedoch aus, dass die Europäische Zentralbank die Geldmenge ähnlich stark erhöht hat wie die US-Notenbank. Von dieser Erhöhung ist in Italien, Spanien und Portugal nichts angekommen, sondern im Gegenteil, es ist sogar Geld abgeflossen. Am massivsten war der Abfluss jedoch in Griechenland. Eine noch stärkere Erhöhung der Euromenge hätte den Griechen daher auch nichts genützt. Trotz der ungenauen Analyse kommt Varoufakis zu einem richtigen Schluss, nämlich dass die Einführung einer Parallelwährung zu einer Stabilisierung der Geldflüsse beitragen könnte.

Angeregt durch die Debatte um die Kryptowährung Bitcoins entwickelt Varoufakis das Konzept der »FT-Coins«. FT steht für Future Taxes, also zukünftige Steuereinnahmen. Es geht also um die Schöpfung von Geld aus der Erwartung zukünftiger Steuereinnahmen. Varoufakis ist sich bewusst, dass das Bezah- len von Steuern in Griechenland nicht besonders beliebt ist, daher versucht er es mit einem Anreiz: »Du bezahlst, sagen wir, 1.000 Euro für 1 FT-Coin des Finanzministeriums von Spanien, Griechenland, Italien, Irland etc. Dieser Vorgang ist mit folgender Vereinbarung verbunden: Der FT-Coin kann entwe- der jederzeit wieder in 1.000 Euro eingelöst werden oder er bewirkt nach zwei Jahren eine Steuergutschrift in Höhe von 1.500 Euro. Jeder FT-Coin trägt einen Zeitstempel, der gewährleistet, dass der Nachlass frühestens nach zwei Jahren wirksam wird. Nach Einlösung von FT-Coins können wieder neue FT- Coins emittiert werden. Dabei wird sicher gestellt, dass die gesamte Menge an FT-Coins nicht mehr als zum Beispiel 10% des griechischen Bruttoinlandsprodukt beträgt.«

Das Konzept offenbart viel von dem Denken von Varoufakis. Die jederzeitige Garantie, den FT-Coin ohne Abschlag in Euro einlösen zu können, geht von einer hohen Vertrauenswürdigkeit aus. Würde diese Vertrauenswürdigkeit in der Praxis getestet, würden also viele Teilnehmer die FT-Coins tatsächlich in Euro einlösen wollen, würde man möglicherweise feststellen, dass gar nicht so viel Liquidität vorhanden ist. Die zweite Annahme ist, dass der 50%-ige Bonus die Bereitschaft zum Steuerzahlen erhöht. Die Gefahr ist jedoch, dass diejenigen, die noch Steuern zahlen, den Rabatt von einem Drittel mitnehmen und dass diejenigen, die heute keine Steuern entrich weitergehen ten, das auch in Zukunft nicht tun werden.

Das würde den Staatshaushalt also möglicherweise weiter schmälern. Die dritte Problematik ist der Anreiz zum Geldhorten, und zwar für diejenigen, die in Bälde Steuern bezahlen müssen. Der Parallelwährungsvorschlag von Varoufakis krankt also an mehreren Problemen:
1. Bei einem angeknacksten Vertrauen wird die geschöpfte Parallelwährung in Windeseile zurückgetauscht.
2. Der Bonus kommt zwar den ehrlichen Steuerzahlern zugute, aber wenn die Bereitschaft zum Steuerzahlen nicht insgesamt deutlich ansteigt, wird ein armer Staat durch den FT-Coin noch ärmer. Das erhöht die Pleitewahrscheinlichkeit und die Tendenz, den FT-Coin lieber gleich in Euro zu wechseln.
3. Der FT-Coin tendiert zu einer langsamen Geldumlaufgeschwindigkeit, weil er aufgrund der Steuergutschrift ungern weitergegeben wird. An diesem Vorschlag lässt sich gut sehen, dass eine Parallelwährung kein Selbstläufer ist. Es kommt sehr auf die Konzeption an. Eine schlechte Konzeption kann die angestrebte Wirkung nicht nur außer Kraft setzen, sondern sogar bewirken, dass das Ganze nach hinten losgeht. In der Fachsprache spricht man von einem negativen Geldschöpfungsmultiplikator, wenn das in Umlauf gesetzte Geld zu einer Verringerung der Wirtschaftsleistung führt. In diesem Fall würde die Goethe’sche Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft, genau umgedreht. Können wir nicht vielleicht auch das Gute wollen und dann das Gute schaffen?

»Mit der Parallelwährung wird die Geldmenge pro Kopf um 2.000 NEURO erhöht.«

Kehren wir zur Diagnose des Patienten zurück. Offensichtlich ist, dass es dem griechischen Patienten schlecht geht. Die Wirtschaftsleistung ist um ein Drittel gesunken. Fabriken stehen still, Arbeitskräfte sitzen zu Hause und die Jugend hat die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit im eigenen Land oder der Entwurzelung durch Wegzug. Liegt es etwa an den Löhnen oder der Struktur? 2013 war Griechenland die Nr. 1 in punkto Reformen und Reduzierung von Lohnstückkosten (Studie des Lisbon Council). Dennoch kam die Wirtschaft auch nach fünf Jahren Krise nicht in Schwung. In den Medien hieß es, dass die Reformen weitergehen müssten und dass die Einschnitte noch nicht tief genug seien. Wenn aber die Lohnstückkosten innerhalb von zwei Jahren von 2011 bis 2013 im Vergleich zur Eurozone um 15% gesunken sind, dann haben die Probleme in Griechenland nicht mehr allzu viel mit den angeblich zu hohen Lohnkosten zu tun, sondern es besteht eine tiefgreifende Vertrauenskrise. Dies erkennt man sehr gut an den Geldflüssen.

Zwischen 2009 und 2014 wurde die Geldmenge in der Eurozone pro Einwohner um 5.600 Euro pro Kopf erhöht. In Deutschland blieb von dieser Erhöhung überdurchschnittlich viel hängen, nämlich 6.700 Euro pro Kopf. In Griechenland blieb von dieser Erhöhung gar nichts. Es gab sogar einen gravierenden Geldabfluss in Höhe von 2.900 Euro pro Person. Die »Freizügigkeit« des Euro wirkte sich einerseits für Deutschland positiv aus, für Griechenland ist der Euro dagegen ein einziges Desaster. Aus der deutschen Perspektive können wir mit der aktuellen Lage im Euro-Raum gelassen umgehen. Die deutsche Wirtschaft profitiert weiterhin von den Geldzuflüssen und die eingegangenen Kreditbürgschaften für die südeuropäischen Staaten führen derzeit (noch) nicht zu Zahlungsverpflichtungen für den deutschen Staat.

Die Begrenzung des Geldabflusses müsste für Griechenland die allerhöchste Priorität haben.

Eine Parallelwährung muss daher mit einer Abflussbremse ausgestattet sein. Bei dem ersten Vorschlag zum Neuro (vgl. Gelleri/Mayer 2011 »Expressgeld für Griechenland« sowie Gelleri 2012 »NEURO für Griechenland« unter www.expressgeld.de) wurde eine Rücktauschgebühr in Höhe von 10 Prozent für den Tausch der Parallelwährung in Euro vorgeschlagen. Dieser Vorschlag ist sinnvoll für krisengeschüttelte Länder wie Italien, Spanien und Portugal, die noch genügend Euro-Reserven vorhalten können. Dies war auch noch in Griechenland in den Jahren 2011 und 2012 der Fall. Mittlerweile ist die wirtschaftliche und politische Situation so akut, dass der ursprüngliche Vorschlag modifiziert werden muss, bis sich die Lage stabilisiert. Es sei auch angemerkt, dass der Eindruck besteht, dass das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Nehmen wir aber fiktiv an, dass sich die griechische Notenbank, die griechische Regierung, die Europäische Zentralbank und die Europartner auf folgenden Plan einigen:

1.Die griechische Notenbank erhält die Erlaubnis, eine Parallelwährung in Höhe von zwölf Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts heraus zu geben. Das entspricht etwa einem Wert von 22 Milliarden Euro.

2.Die Parallelwährung erhält den Namen NEURO, der neue Euro für Griechenland.

3. Die Parallelwährung wird rein elektronisch herausgegeben und ist nicht umtauschbar in Euro. Es gibt kein Bargeld.

4.Der griechische Staat garantiert die Annahme von NEURO für Zahlungen von Steuern, Abgaben und Leistungen 1 zu 1 zum Euro. Der offizielle Wert eines NEURO beträgt 1 Euro.

5.Der Handel von NEURO ist erlaubt. Der Wechselkurs entwickelt sich nach Angebot und Nachfrage. Für jeden Handel ist eine Transaktionssteuer in Höhe von 3% zu entrichten.

 

6.Der NEURO wird der griechischen Regierung zinsfrei für drei Jahre zur Verfügung gestellt. Nach zwei Jahren werden die Ergebnisse evaluiert. Die Regeln werden optimiert und die neue optimale Geldmenge bestimmt.

7.Parallel zu den vorhandenen Eurokonten führen die Geschäftsbanken NEURO-Konten mit einem anfänglichen Negativzins von 3 %. Transaktionen zu Eurokonten sind technisch erst einmal nicht möglich. Ein Drittel des Negativzinses fließt an die Geschäftsbanken für den Betrieb des Konten – systems. Es stehen 200 Millionen NEURO zur Verfügung, um einen geschätzten Aufwand von vier Millionen Konten mit jeweils einer bargeldlosen Bezahlkarte abzudecken. Die Geschäftsbanken dürfen für die Kontoführung und die Ausgabe der Bezahlkarte keine weiteren Gebühren erheben. Ein Drittel des Negativzinses fließt an die griechische Notenbank für den Ausbau der Infrastruktur der Parallelwährung. Bei einem Absinken der Geldumlaufgeschwindigkeit des NEURO kann die Notenbank den Negativzins erhöhen.

8.Per Gesetz werden alle Zahlungsempfänger des griechischen Staates verpflichtet, NEURO in einer festgelegten Quote zu akzeptieren. Die anfängliche Quote beträgt in den ersten sechs Monaten 10%. Sobald sich die Geldkreisläufe in Griechenland ein- gespielt haben, wird die Quote schrittweise erhöht. Mitglieder des Parlaments und Regierungsmitglieder erhalten von Anfang an 75 % des Nettogehalts in NEURO ausgezahlt.

9. Ein großer Teil der NEURO werden für Investitions- und Sozialprogramme verwendet. Ein Beispiel wäre die Reaktivierung von Nachtzulagen für Polizei-Beamte. Ein weiteres Beispiel wären zinsfreie Kredite für kleine und mittelständische Unternehmen. Auch Sozialprogramme zur Linderung der stärksten Not könnten in NEURO ausgezahlt werden.

Der NEURO stärkt die Gemeinschaft in Griechenland. Mit der Parallelwährung wird die Geldmenge pro Kopf um 2.000 NEURO erhöht. Durch die zu erwartende hohe Umlaufgeschwindigkeit des NEURO könnte der wirtschaftliche Niedergang kurzfristig gestoppt werden. Der NEURO würde vor allem das Wiederaufblühen der Binnenwirtschaft stärken. Landwirte, Handwerker, Verkehrsbetriebe, Einzelhändler und inländische Dienstleister und Produzenten würden am stärksten profitieren. Durch den elektronischen Zahlungsverkehr werden alle Umsätze genauestens erfasst. Um den Negativzins würden NEURO gegenüber Euro bei Steuerzahlungen bevorzugt verwendet. Der NEURO wäre nicht zum Horten geeignet, sondern einzig allein für das Bezahlen, Investieren und Schenken. Es entstünde ein der wirtschaftliche Niedergang kurzfristig »leichtes« Geld, das gerne und schnell ausgegeben wird. Sobald der Steuerbescheid eintrifft, werden bereits NEURO überwiesen. Der Euro wäre weiterhin stark in Tourismus-Regionen und bei exportorientierten Firmen. Im Bereich der Binnenwirtschaft könnte der NEURO zum gängigen Zahlungsmittel werden.

Thema Bargeld

Ein großes Thema ist das Euro-Bargeld, das sich in Griechenland bereits seit der Euro-Einführung stetig wachsender Beliebtheit erfreut. Waren 2007 etwa 1.000 Euro pro Person in Umlauf, sind es 2014 über 2.000 Euro. Der durchschnittliche Grieche hat aber nicht 2.000 Euro im Geldbeutel, sondern unter 100 Euro. Wo ist also das ganze Bargeld? Ein nicht kleiner Anteil zirkuliert in der Schwarzwirtschaft, ein großer Anteil wird in Tresoren gehortet. Das zeigt sich an dem hohen Anteil von 500-Euro-Scheinen, die in der normalen Bevölkerung nur selten verwendet werden. Von der griechischen Regierung wurde vorgeschlagen, Zahlungen in Euro-Bargeld auf maximal 70 Euro pro Transaktion zu beschränken. Zahlungen darüber hinaus wären bei Verwendung von Bargeld strafbar. Ob ein solches Verbot auch umgesetzt und kontrolliert werden kann, ist allerdings sehr zweifelhaft.

Der Harvard-Professor Kenneth Rogoff fordert die Abschaffung des Bargeldes, weil dadurch die Schwarzgeld-Wirtschaft und Kriminalität eingedämmt und zum anderen die Einführung von Negativzinsen erleichtert werden würde. 2009 wurde er für diesen Vorschlag noch belächelt. Mittlerweile erhält er dafür Preise und Auszeichnungen, wie zuletzt im Dezember 2014 als »Distinguished Fellow« in München. Griechenland allein kann am Euro-Bargeld kurz- und mittelfristig nichts verändern. Daher muss die Entwicklung beim Euro-Bargeld genau beobachtet werden. Der griechische Staat kann als größter Wirtschaftsteilnehmer stark zur Aufwertung des bargeldlosen Bezahlens beitragen. Alle Ausgaben in NEURO und Euro können bargeldlos getätigt werden. Bei den Einnahmen kann der Staat für Bargeldzahlungen eine Transaktionssteuer erheben. Indem also das Zahlen von Steuern mit Euro-Bargeld teurer als mit NEURO ist und Gehälter in NEURO ein bisschen höher sind als in Euro, werden Anreize zur Verwendung gesetzt. Ein weiterer Aspekt ist eine effektive Besteuerung. Welche Steuern werden umgangen und welche wirken für alle? Beispiele sind Steuern für das Abheben von Euro-Bargeld am Geldautomaten oder Steuern auf Grund- und Boden, der nicht ins Ausland flüchten kann. Dabei ist die soziale Ausgewogenheit von der Politik zu gewährleisten.

Positive Stimmung erzeugen

Am allerwichtigsten ist aber die Erzeugung einer positiven Grundstimmung und das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass nur das zügige Ausgeben von Geld dazu führt, dass es am Ende des Tages wieder Einnahmen für die Unternehmer, die Bürger und den Staat gibt. Elf Millionen Menschen in Griechenland nehmen mit dem NEURO ihr Schicksal wieder in die eigene Hand. Deutschland könnte zur positiven Stimmung beitragen, indem die Forderungen gegenüber Griechenland wie folgt neu strukturiert werden: Deutschland verzichtet auf Zinsen und bietet bis zum Jahr 2020 Tilgungsfreiheit an. Ab 2021 verpflichtet sich Griechenland zur Zahlung von 5% Tilgung pro Jahr, zahlbar in NEURO. Dieser bewusste Schritt käme einer ungeordneten Insolvenz zuvor und würde sicherstellen, dass die Deutschen für ihre jahre- und jahrzehntelang erbrachten Export-Leistungen an Griechenland wieder in etwa gleichem Umfang Gegenleistungen aus Griechenland erhalten. Dazu ist aber erst einmal erforderlich, dass sich die Strukturen in Griechenland festigen und wieder aufbauen. Diese Art der Sanierung von innen mit der Hilfe von außen könnte Vorbildcharakter auch für andere krisen- geschüttelte Staaten haben.

Zum Abschluss noch eine Modellrechnung, die aufzeigt, welche Wertschöpfungseffekte eine Parallelwährung haben könnte. Die Effekte würden sich schrittweise aufbauen. Nach zwei bis drei Jahren könnte das Bruttoinlandsprodukt wieder das Niveau von 2008 erreichen.

Wenn man sich einmal vorstellt, dass eine Maß nahme, die den einzelnen Bürger im Durchschnitt etwa 50 (N)EURO im Jahr kostet, eine durchschnittliche Einnahme von 6.000 (N)EURO erzeugt, dann muss man sich fragen, warum das noch nicht längst umgesetzt ist. Die Antwort ist einfach: Anders denken ist anstrengend. Wenn wir so weiter denken wie bisher, dann drucken wir pro Monat 60 Milliarden Euro und kaufen dafür Altschulden. Dadurch steigen zwar die Börsenkurse ins Unermessliche, aber den Bürgern bringt das rein gar nichts, außer dass jeder einzelne von uns am Ende die Rechnung bekommt: 2.000 Euro sozusagen als erster Abschlag für die noch kommenden größeren Rechnungen. Das haben wir bzw. unsere Banker und Politiker halt bestens gelernt: Schulden mit noch mehr Schulden bezahlen. Die Idee, das Geld in Griechenland einzusperren und unter Umlaufzwang zu setzen, würde voraussetzen, dass wir die Gelddruckmaschine für eine Weile anhalten und vielleicht sogar einen Teil der zu viel gedruckten Euro vernichten. Verrückt, oder?

Dieser Artikel erschien im Magazin der INWO (2015). Der original Artikel kann hier heruntergeladen werden.

Christian Gelleri, geb. 1973, ist ausgebildeter Diplom-Handelslehrer und Diplom-Betriebswirt. Als Ini tiator der Regional währung Chiemgauer hat er die Verbreitung von Regiogeldern in Deutschland maßgeblich geprägt. Als Gründungsvorstand des Regiogeldverbandes verfügt er über ein breites Wissen zu Stand und Perspektiven von Regiogeld.

Speziell für die Forschung zu komplementären Währungsformen (KW) und den Austausch zwischen Akademikern und Praktikern findet alle zwei Jahre eine internationale Konferenz statt. Die erste Veranstaltung dieser Art war in Lyon, Frankreich, im Februar 2011, gefolgt von einer zweiten Veranstaltung in Den Haag, Niederlanden, im Juni 2013. Dieses Jahr trafen sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt in Brasilien, einem der Länder mit der aktivsten Komplementärwährungs-Szene. Vom 27. bis zum 30. Oktober kamen über 60 Akademiker, Praktiker und KW-Experten in Salvador de Bahia, einer Küstenmetropole in Brasilien zusammen.

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Faro de Barra, eines der Wahrzeichen Salvadors

40 Wissenschaftler präsentierten ihre jüngsten Forschungsergebnisse zu den Oberthemen:

1) Kws im Entwicklungskontext,

2) Wirksamkeitsstudien,

3) kontextuelle Unterschiede und Erfahrungsberichte,

4) Typologien, Modelle und Innovationen

Die einzelnen Beiträge können hier auf der Konferenz-Webseite heruntergeladen werden.

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João Joaquim de Melo Neto

Ein weiteres Hauptaugenmerk der Konferenz galt den Gemeinschaftsbanken Brasiliens und ihren lokalen Währungen, von denen es mittlerweile über 100 im ganzen Land gibt. Diese mittlerweile gut organisierte und sich stets weiterentwickelnde Idee hatte im Jahre 2000 in einer kleinen Gemeinde in der Nähe Fortalezas im Norden des Landes begonnen. Im Zuge eines lokalen Entwicklungsprojektes im Conjunto Palmeiras wurde auch mit komplementären Währungen experimentiert und nach Versuchen eine Währung im Stile von Tauschringen zu etablieren, wurden Start-up Kredite in lokalen Gutscheinen ausgegeben, die ähnlich wie der Chiemgauer in Deutschland mit nationaler Währung hinterlegt waren, aber nur bei lokalen Unternehmen gültig waren. Die lokale Multiplikatoren-Wirkung dieser Währung, Palmas genannt, zeigt schnell Erfolg. Und nachdem auch die Zentralbank Brasiliens, leider erst nach einigen schwierigen Gerichtsprozessen von der positiven Wirkung und Legalität dieser monetären Instrument überzeugt war, wuchs das Projekt in Palmeiras rasant. Und vor allem fanden sich in ganz Brasilien immer mehr gemeinnützige Institutionen, die diese Idee umsetzen wollten. Seit einigen Jahren gibt es das nationale Instituto Banco Palmas, das für all diese weit verstreuten Projekte Vernetzung, Bildungs- und Aufklärungsarbeit betreibt.

 

Palmas App

“Klassische“ Banco Palmas Scheine und die neue Handy-App für den elektronischen Zahlungsverkehr

João Joaquim de Melo Neto, Mitgründer der ersten Banco Palmas und heute Koordinator und Sprecher des Institutes stellte auf der Konferenz die Geschichte und die neuen Entwicklungen der lokalen Währungen in Brasilien vor. Vor allem die jüngst eingeführte Möglichkeit die Währungen auch in elektronischer Form, über Internetbanking und Handy-Apps zu verwenden, regt die Hoffnungen an die momentane Zahl von rund einer Millionen Nutzern bald auf ein Vielfaches zu erweitern.

Über die Entwicklung des zunächst konfrontativen aber mittlerweile sehr offenen Dialogs zwischen den Gemeinschaftsbanken und den Finanzbehörden Brasiliens berichtete Marusa Vasconcellos Freire von der Zentralbank Brasiliens. Durch ein neues Gesetz der Sozialen und Solidarischen Ökonomie, erfahren die Gemeinschaftsbanken mittlerweile Anerkennung und gesonderte Regulierung, die ihren Zielsetzungen und ihrer Größe im Vergleich zu kommerziellen Banken Rechnung trägt.

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Geovanny Cardoso, Ministerium für Sozialökonomie, Ecuador

Ähnliche Entwicklungen beschrieb Geovanny Cardoso vom Ministerium für Sozialökonomie in Ecuador. Um dem Land neue Möglichkeiten in der Unterstützung der sozialer Wirtschaftsformen zu eröffnen, obwohl die Landeswährung seit dem Jahre 2000 der US Dollar ist, hat die Zentralbank dort ebenfalls eine elektronische Währung eingeführt 1, die zwar immer noch an den Dollar gekoppelt ist, aber gegen die chronische Knappheit von Bargeld vor allem im informellen Sektor und für Kleinstunternehmer helfen soll – ein erster Schritt zurück zur monetären Souveränität.

Das Highlight des vorletzten Tages der Konferenz war die Gründungsversammlung des weltweiten ersten wissenschaftlichen Verbandes, der sich mit der Erforschung von KW und verwandten Themen beschäftigt und die zukünftigen Konferenzen in Partnerschaft mit lokalen Universitäten ausrichten wird. Das ist eine wichtige Konsolidierung für die wissenschaftliche Arbeit im Bereich monetäre Vielfalt und komplementäre Geldsysteme, die bislang keine dauerhafte Vertretung im internationalen Wissenschaftsbetrieb hat.

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RAMICS Gründungsvorstand bei der ersten Abstimmung

Der Verband wird seine rechtliche Heimat in Frankreich haben, jedoch stets Repräsentanten aus der ganzen Welt im Vorstand haben.Die Mitglieder des Gründungsvorstandes setzen sich zusammen aus den Hauptorganisatoren der ersten drei Konferenzen zusammen, Prof. Jerome Blanc (Lyon), Dr. Georgina Gomez (Niederlande) und Dr. Ariádne Scalfoni Rigo (Brasilien) sowie Prof. Makoto Nishibe (Japan) und Rolf Schröder (Deutschland). Eine Kurznotiz zur Gründung ist auf der zukünftigen Webseite des Verbandes unter www.RAMICS.org zu finden. Die nächste Konferenz dieser Art wird im Jahre 2017 in Barcelona, Spanien stattfinden. MONNETA wird weiter darüber informieren.

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Wir aktzeptieren Conchas

Am letzten Tag unternahmen die Teilnehmer der Konferenz einem Tagesausflug zu einer der Gemeinschaftsbanken südlich von Salvador de Bahia. Die Exkursion führte in die kleine Gemeinde Ilhamar auf der küstennahen Insel Itaparica. Hier, wie in den meisten der erfolgreichen Währungsprojekte in Brasilien, ist die monetäre Komponente nur eine von vielen Aktivitäten des Projektes, dass sich selber als bürgerschaftliche Initiative zur nach- haltigen Entwicklung der Gemeinde versteht. Neben der lokalen Währung “Conchas“ in der wie andernorts auch Mikrokredite vergeben werden, sind Aktivitäten zum Umweltschutz, ein Gemeinschaftsgarten, Computer-Lernprogramme und Unternehmergruppen für nachhaltigen Tourismus teil des Projektes.

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Die Gemeinschaftsbank in Ilhamar

Zumindest in der Disziplin Komplementärwährungen für nachhaltige, lokale Wirtschaftsentwicklung scheint Brasilien nach wie vor Weltmeister zu sein. Vielleicht kann Barcelona zur Konferenz in zwei Jahren ähnliche Spitzenleistungen vorweisen, wenn die unlängst gewählte Stadtregierung bis dahin ihre Pläne einer lokalen Währung umsetzen konnte.

Viele Grüße aus Brasilien, Leander Bindewald

Fußnoten:

  1. Webseite der elektronischen Währung in Ecuador: http://www.dineroelectronico.ec/

Ökonomen befürworten den Vorschlag einer Zweitwährung für Griechenland als dritten Weg zwischen Fiskalunion und Euroaustritt

Die Idee paralleler Währungen sehen wir als Blaupause für eine grundsätzliche Restrukturierung der Europäischen Finanzarchitektur. Wir halten sie für geeignet, die Behebung der strukturellen Unterschiede im Euroraum systematisch anzugehen. Wir begrüßen den Vorstoß von Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, durch den „Geuro“ als nationale Parallelwährung das scheinbar unausweichliche Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone zu verhindern und freuen uns, dass damit die lange vorherrschende Ratlosigkeit und scheinbare Alternativlosigkeit der Situation endlich durchbrochen ist. Es wird nun von der konkreten Ausgestaltung abhängen, inwieweit dieser Vorschlag einen Beitrag zur wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung in Europa, vor allem aber auch für die Bevölkerung in Griechenland, Portugal und Spanien leisten kann.

Wir schlagen deshalb vor, bei der Ausgestaltung dieser neuen Finanzarchitektur nicht nur auf Großbanken und Finanzinstitute zurückzugreifen, sondern auch die Expertise, Ideen und Erfahrungen der zahlreichen Vordenker und Praktiker einzubeziehen.

Spätestens seit 2010 gab es bereits eine Vielzahl von Vorschlägen verschiedenster Autoren, in Griechenland bzw. in anderen ähnlich betroffenen Euroländern eine Parallelwährung als dritten Weg zwischen Fiskalunion und Euroaustritt einzuführen. Hier finden Sie eine Auflistung der verschiedenen uns bekannten Vorschläge und Pressemeldungen zu diesem Thema.

Für die Money Network Alliance

Prof. Dr. Margrit Kennedy, Geldexpertin und MONNETA Gründerin
Ludwig Schuster, Projektmanager und Berater für Geld & Nachhaltigkeit
MBA, Ing. FH Jens Martignoni, Wirtschaftsforscher und Berater für Komplementärwährungen
Leander Bindewald, Berater für Komplementärwährungen

Anfragen und Kontakt: ludwig.schuster@monneta.org

Die Unterzeichner:

Prof. Dr. Johann Walter, Volkswirt, FH Gelsenkirchen
Dr. Reinhard Stransfeld, Ökonom, Vorstand Regionaler Aufbruch e.V.
Dr. Eva-Maria Hubert, Ökonomin, MonNetA
Thomas Mayer, Autor, Bürgerrechtler, Meditationslehrer
Bernard Lietaer, Author, Complementary Currency Expert
André ten Dam, Euro-researcher (The Netherlands)
Biagio Bossone, Chairman, The Group of Lecce
Dr Abdourahmane Sarr, President CEFDEL
Dipl.-Ing. Trond Andresen, Assistant Professor
Dr. Michael Vogelsang, Volkswirt / BVMW
Giovanni Passali, Presidente Associazione Copernico
Prof. Dr. Ralf Otterpohl, Univ. Prof. u.a. ländliche Entwicklung
Lachezar Dumanov, Co-Founder and CEO Barterclub Bulgaria
Hayem Etienne, Co-Founder Les Valeureux
Roland Wiedemeyer, Vorstand ReWiG Allgäu eG
DI Hagen Schmidt, Development Mulifinance
Prof. Declan Kennedy, Architect & Permaculture Designer
Philip Beard, translator; emeritus professor of German and Global Studies
Dipl. Soz.-Päd. (FH) Rudolf H. Ende, Vorstandsmitglied ReWiG München eG
Norbert Rost, Dipl.-Volkswirt, Büro für postfossile Regionalentwicklung

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Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft fordert offene Diskussion und veröffentlicht den neuen Sammelband „Die Parallelwährung: Optionen, Chancen, Risiken“

CoverSammelbandParallelwaehrungImmer mehr Ökonomen sprechen sich für die Einführung von Parallelwährungen in der Eurozone aus. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es: „Bei einer Parallelwährung wird zusätzlich zum Euro eine weitere Währung eingeführt. Dadurch können Defizitländer wettbewerbsfähiger werden und die Europäische Währungsunion bleibt in den Grundzügen erhalten.“

Am 24. Juli 2012 hatte der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft (BVMW) in Kooperation mit MonNetA in Berlin zu einem Workshop eingeladen. Die Vorträge und Arbeitsergebnisse sind jetzt in einem Sammelband veröffentlicht. Der Tenor: „Parallelwährungen bieten Krisenstaaten wie Griechenland die Chance, langfristig im Euro zu bleiben und gleichzeitig gezielt die heimische Wirtschaft wiederzubeleben.“ Parallelwährungen seien deshalb besser als die anderen bisher diskutieren Maßnahmen geeignet, die Integrität der Euro‐Zone zu bewahren und neue Ventile zu schaffen, durch die der Druck der wirtschaftlichen Ungleichgewichte abgebaut werden kann.

In der Abschlusserklärung fordern die Unterzeichner die Verantwortlichen auf, Alternativen zur derzeitigen Euro‐Krisenpolitik zu prüfen. „Die Einrichtung einer Parallelwährung, die auch mit Artikel 128 AEUV vereinbar ist“, betrachten sie als „eine ökonomisch überzeugende und politisch durchsetzbare Alternative.“

Die derzeitige Politik der EZB, zusätzliche Liquidität in den Markt zu drücken, mag helfen die Krisen‐ symptome vorübergehend zu lindern. Der selbstverstärkende Abwärtstrend aus Handelsbilanzungleichgewichten, explodierender Staatsverschuldung und überhöhten Zinsen in den Defizitländern ist damit nicht zu stoppen – im Gegenteil: die realwirtschaftlichen Disparitäten zwischen den Eurostaaten werden weiter verschärft. Parallelwährungen könnten den Trend umdrehen und den Ländern ein Aufholen aus eigener Kraft ermöglichen.

Nach Ansicht von BVMW‐Präsident Ohoven sei es „notwendig zu fragen, ob es nicht bessere Ansätze als den derzeitigen Kurs gibt.“ Bisher sei noch jeder Euro‐Gipfel als final und jedes neue Rettungspaket als alternativlos verkauft worden. Die Suche nach dauerhaft wirksamen Alternativen sei hingegen zu lange vernachlässigt worden. Mit einer Parallelwährung würde die Bevölkerung neue Chancen erkennen und auch die notwendigen Strukturreformen stärker unterstützen, so Ohoven.

Die Studie des BVMW können Sie hier ansehen und als PDF-Dokument (1,8 MB) herunterladen.

MonNetA hatte bereits im Mai 2013 eine Übersicht aktueller Parallelwährungs-Vorschläge für die Eurozone vorgestellt und einen Aufruf gestartet.

Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Margrit Kennedy zu den grundsätzlichen Fragen von Geldsystemen und Komplementärwährungen, 30.08.2010

Das Gespräch vom 30.08.10 zu den grundsätzlichen Fragen von Geldsystemen und Komplementärwährungen gibt einen guten Überblick über die Arbeit und das Denken der Kritikerin der Finanzwirtschaft Prof. Dr. Margrit Kennedy.

Das Interview (23 Seiten) können Sie als PDF-Dokument herunterladen (543 kB).

Das alte Geld stirbt, das neue wird verschlüsselt, sicher, dezentral und nutzerfreundlich sein.

No Future an den Finanzmärkten des alten Jahrtausends. Das Geld der Zukunft basiert auf Dezentralbanken und Open Source, ist frei konfigurierbar und jeder Nutzer darf an verschiedenen Systemen gleichzeitig teilnehmen.

Das alte Geld stirbt. Es war vorhersehbar, dass ein Wirtschaftssystem, dessen Zweck es nur noch war, Geld auf Geld zu häufen, irgendwann ein Problem bekommen musste: Wer glaubt schon, dass der Zweck des Wirtschaftens Geldmacherei ist? Geld kann man nicht essen, es leistet nichts, es ist ein bloßes Werkzeug. Der Glaube ans Geld bricht mit den Milliardenverlusten, die derzeit von Privatseite zum Staat verlagert werden. Und der Staat bricht mit seinen Schulden, noch nie seit Beginn des Google-Zeitalters war der Begriff „Staatsbankrott“ so populär.

Die Dematerialisierung des Geldes

Wir wissen, was die Erfindung von mp3 und Tauschbörsen mit der Musikindustrie angestellt hat. Die Entkoppelung der Musik von einem (Ton-)Träger erleichterte die Verteilung so sehr, dass die Industrie, die sich rund um die Verteilung entwickelt hatte, nicht mehr in diesen Maße benötigt wurde.

Den kompletten Artikel können Sie bei Telepolis lesen…

Die Wirtschaft ist für den Menschen da.

Warum er wirtschaftet, verliert der Mensch gern mal aus den Augen. Die Wachstumsgläubigkeit vernebelt leicht den Blick fürs Wesentliche. Wirtschaften wir, um die Aktienkurse hochzutreiben? Um ein Lebenswerk in Form eines Kontos voller Zahlen zu schaffen? Um das Bruttosozialprodukt zu steigern? Für Einzelne mag einer dieser Punkte der persönliche (Hinter-)Grund ihres Wirtschaftslebens sein, für die meisten Menschen ist Wirtschaft jedoch der gesellschaftliche Raum, welcher ihren Lebensunterhalt ermöglicht.

Der Zeitgeist suggeriert, alle Fragen der Grundversorgung der Bevölkerung seien längst geklärt. Der Prozess der Globalisierung setzte Prioritäten derart, dass dem Export mehr Bedeutung zugemessen wurde als der Binnenwirtschaft, dass gigantische globale Strukturen und Organisationen bedeutsamer schienen als der Mittelständler um die Ecke. Doch spätestens die Finanzkrise rückt die Konsequenzen von einseitig aufs Globale ausgerichteten Wirtschaftsstrukturen ins allgemeine Bewusstsein: Die riesigen Strukturen sind für den Einzelnen unüberschaubar und unbeeinflussbar. Und doch wirken selbst weit entfernte Ereignisse auf das lokale Geschehen zurück: Die sinkenden Immobilienpreise in den USA im Jahr 2007 waren der Auslöser der heute an vielen Orten des Planeten spürbaren Finanzkrise. Steigende Zinsen, eine restriktivere Kreditvergabe und die schlechte Stimmung von Unternehmern und Verbrauchern wirken sich bereits auf das hiesige Wirtschaftsgeschehen aus.

Den kompletten Artikel können Sie im „forum Nachhaltig Wirtschaften“ lesen…