Zu Recht wird vielerorts lamentiert, dass heterodoxen Gedanken und Forschung zum Thema Geld nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wird. In dieser Hinsicht, war die Konferenz in Lyon (Frankreich) vom 1. bis 3. Juni 2016 ein Lichtblick.

Mehr als 60 Wissenschaftler aus der ganzen Welt kamen zusammen um Rück-und Vorschau zu halten über diese Tradition von Ideen und Forschungsprogrammen, die in Frankreich seit den 1970er Jahr einen besonderen Rückhalt hat.

In einer Zusammenkunft von verschiedenen historischen und aktuellen Strömungen bildete sich damals eine Schule von Theorien und Theoretikern heraus, die nun rückblickend als Französischer Monetärer Institutionalismus bezeichnet wird. Dabei wird Geld nicht als neutrales Tauschmittel angesehen, dessen Attribute rein effizienz-technisch oder historisch gegeben sind. Vielmehr wird es als Institution betrachtet, die unsere Interaktionen und natürlich auch Transaktionen maßgeblich prägt. Soweit würde natürlich auch niemand aus der traditionellen Wirtschaftswissenschaft widersprechen. Was jedoch bei einer institutionellen Sichtweise besonders hervortritt, ist wie sehr Geld nicht nur auf soziale Prozesse wirkt, sondern selber auch ein Produkt sozialer Prozesse ist. Eine reduktionistische, wertneutrale Betrachtung des Geldes ist dann nicht mehr möglich. Weder in Hinsicht auf die Verfassung des Geldes noch in Bezug auf die Interessen die es abbildet. Geht eine neoliberale Interpretation immer erst von dem Individuum und seinen Interessen aus, „kann man als Institutionalist nicht über das Individuum reden ohne gleichzeitig auch das Kollektive mitzudenken“, so Jean Cartelier in seinem Vortrag. Denn, so ergänzte Michel Aglietta, „individuelle Werte sind missverstanden, wenn sie nicht auch als kollektive Werte verstanden werden“ und „Geld wird damit zum strategischen Verbindungsglied unserer gesellschaftlichen Beziehungen.“

Und diese Funktion kann Geld nicht nur ausüben, wenn es staatlich legitimiert ist, wie so oft angenommen wird, sondern eben auch in privater Initiative. Beispiele dafür sind nicht nur die vielen gegenwärtig genutzten Komplementärwährungen, sondern wie Ökonom und Historiker Lucien Gillard zeigte, auch in Beispielen die historisch Bedeutung hatten, sogar im internationalen Hande, wie z.B. die kaufmännischen Ausgleichskassen der Renaissance. Und dies mit einer Verbreitung und realwirtschaftlicher Relevanz, die den heutigen Hype um bitcoins marginal erscheinen lässt.

Fragen nach dem „wie“ und „wieso“ und „warum nicht anders“ in Bezug auf Geld, wie wir es kennen, werden greifbarer und eine Pluralität von verschiedenen Geldern ist dann nicht nur ein Effizienzproblem, sondern ein Ausdruck verschiedener parallel berechtigter Werte oder Wertevorstellungen. Daher ist diese Schule an Geldtheoretikern auch viel aufgeschlossener gegenüber den Ideen und Praktiken komplementärer Währungen, die für andere Wissenschaftler oftmals nur eine Randerscheinung sind, die für Theoriediskussionen irrelevant erscheinen.

Über die Jahrzehnte hat sich Lyon als Hauptsitz dieser französischsprachigen Gruppe von Denkern etabliert, die, so bezeichnete es Jean-Michel Servet in seinem Rückblick, andernorts als die „Lyoneser Heretiker“ beschrieben wurden. So war der Veranstaltungsort am Institute für Politikwissenschaften mehr als passend.

Und ebenso waren die Vortragenden eine gute Repräsentanz des französischsprachigen Feldes heterodoxer Geldtheoretiker. Neben André Orleans und Michel Aglietta, die mit ihren Arbeiten massgeblich zur internationalen Anerkennung und zum Selbstverständnis des monetäre Institutionalismus beigetragen haben, stellten die Plenarsitzungen mit Jean Cartelier, Jean-Michel Servet, Massimo Amato und Bruno Theret eine seltene hochkarätige und multi-disziplinäre Umschau auf dies eine Thema dar. Es ging dabei aber nicht nur um das Selbstverständnis und eine interdisziplinäre Renaissance der Geldtheorien, sondern auch um die Schwierigkeit, ihnen in einer Atmosphäre von Tabuisierung und immer weiter fortschreitender Eingleisigkeit moderner Wirtschaftswissenschaften Gehör zu verschaffen. In thematischen Workshop Sitzungen, in denen die einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten vorgetragen wurden, ging es unter anderem um die Zusammenhänge und Perspektiven des Geldthemas mit Politik, Philosophie, Soziologie und Anthropologie, sowie die Rolle von Zentralbanken und internationalen Geldinstitutionen, historischen Perspektiven und aktuelle Fallstudien – wie dem Programm der Konferenz zu entnehmen ist.

Unter den Themen dieser Sitzungen fanden sich auch solche zum Thema Komplementärwährungen, betrachtet aus historischer, theoretischer, praktischer und aktueller Sicht. Der Anerkennung dieses Themas unter den Teilnehmern war es auch zu verdanken, dass im Rahmen dieser Konferenz die erste öffentliche Sitzung der neugegründeten internationalen Forschungsgesellschaft für Währungsvielfalt: RAMICS (Research Association on Monetary Innovation and Community and Complementary Currency Systems) stattfand. Über deren neuen Webpräsenz können sich nun sowohl individuelle als auch institutionelle Mitglieder anmelden. Die nächste von RAMICS organisierte Konferenz wird vom 10. bis zum 14. Mai 2017 in Barcelona stattfinden.

Ein Überblick des Französischen Monetären Institutionalismus findet sich in einem neuen Buch, das ebenfalls während der Konferenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: „Théories Francaise de la Monnaie“ , von Pierre Alary, Jerome Blanc, Ludovic Desmedt und Bruno Theret.

theorie-francasieDas ein Buch über diese Theorien aus dem französischen Sprachraum aber nur auf französisch erscheint, schien im Rahmen der Konferenz fast wie ein rekursiver und schmerzlicher Scherz. Zwar waren während aller Plenarsitzung Simultanübersetzungen zwischen Französisch und Englisch angeboten, und dank der internationalen Gäste gab es teilweise auch Sitzungen auf Spanisch und Portugiesisch, aber die Beschränkung der wissenschaftlichen Publikationen auf die französische Sprache war nicht nur in den Kaffeepausen ein Thema. Eine ganze Sitzungsrunde beschäftigte sich unter dem passenden Title „Lost in Translation“ damit. Dazu passte leider auch, dass sich von den vielen internationalen Ehrengästen des wissenschaftlichen Komitees schließlich nur wenige unter den Anwesenden befanden und keiner aus dem englischsprachigen Ausland.

Immerhin ein Grundtext dieser Schule ist seit 2014 wenigstens in englischer Sprache erhältlich: André Orleans „The Empire of Value“ bietet einen Einstieg, der in Zukunft hoffentlich nicht an Sprach- und Denkgrenzen enden muss.

Mehr Informationen zur Konferenz, mit Downloads aller vorgestellten Arbeiten finden sich auf der offiziellen Webseite: https://imf2016.sciencesconf.org

Unser Autor Leander Bindewald schreibt seine theoretische Doktorarbeit zum Thema Geld und Komplementärwährungen als diskursive Institutionen am „Institute for Leadership and Sustainability“ der Universität Cumbria in Nordengland.

 

Bereits 2011 haben Christian Gelleri und Thomas Mayer eine Zweitwährung für Griechenland vorgeschlagen. Im März 2012 wurde ausführlich darüber berichtet. Seither konnten die griechischen Probleme nicht gelöst werden. Das Land steht immer noch vor der Staatspleite. Ein sogenannter »NEURO« könnte Schlimmstes vermeiden helfen.

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Die Krise in Griechenland geht in ihr achtes Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2008, dem ersten Jahr der Rezession, bei etwa 23.200 Euro. Unter Berücksichtigung von Steuern und Abgaben kam ein Grieche durchschnittlich auf 1.000 Euro pro Monat. Im Zuge der Wirtschaftskrise sank das Bruttoinlandsprodukt bis 2014 auf nur noch 16.500 Euro und das verfügbare Einkommen auf etwa 700 Euro pro Monat. Wenn die Preise für die Güter im gleichen Maße gesunken wären, wäre das nicht weiter erwähnenswert. Ein Blick auf den Lebenshaltungsindex in Griechenland zeigt jedoch für den gleichen Zeitraum eine Erhöhung des Preisniveaus. Ein Deutscher hatte zum Vergleich im Jahr 2008 durchschnittlich etwa 1.500 Euro und kommt aktuell auf etwa 1.600 Euro pro Monat.

»Die Begrenzung des Geldabflusses müsste für Griechenland die allerhöchste Priorität haben.«

Was würde in Deutschland passieren, wenn das durchschnittliche Einkommen bei etwa gleichbleibenden Preisen auf 1.000 Euro absinken würde? Man muss weit zurückblicken, bis wir in Deutschland etwas Vergleichbares finden: die Wirtschaftskrise von 1929 bis 1933. In diesem Zeitraum sank das Brutto inlandsprodukt pro Kopf ebenfalls um ein Drittel. Ein großer Teil der Deutschen verlor nach vier Jahren die Geduld und wählte den Nationalsozialismus, der den Staat innerhalb von zwölf Jahren wirtschaftlich und moralisch völlig ruinierte. In Griechenland vertrauten die Menschen immerhin länger den etablierten Parteien, doch die Kräfteverhältnisse haben sich enorm verschoben und spätestens seit dem Einzug der Goldenen Morgenröte ins Parlament Anfang 2012 werden rechtsextreme Tendenzen immer sichtbarer. Das Wegbrechen von Einkommen hat bei den Menschen in Griechenland Spuren hinterlassen. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr ernähren können und diese in Obhut eines SOS-Kinder- dorfs geben oder wenn kranke Menschen nicht mehr behandelt werden und viele an- dere Beispiele zeigen, dass ein Sinken des Einkommensniveaus um 30 Prozent mit zahllosen menschlichen Tragödien verbunden ist. Ende 2014 wählten die Griechen die linke Syriza an die Macht und setzten in die neue Regierung große Hoffnungen. Als Finanzminister bestimmte der neue Regierungschef Tsipras den Ökonomen Yanis Varoufakis. Das ist insofern bemerkenswert, als dieser im Februar 2014 in seinem Blog einen Vorschlag für eine Parallelwährung in Griechenland unterbreitet hat. Wie sieht dieser Vorschlag aus?

Varoufakis’ Vorschlag:

Ausgangspunkt ist für Varoufakis die Abwärtsentwicklung der griechischen Wirtschaft und deflationäre Tendenzen in der Eurozone seit 2013. Aus seiner Sicht sei die Geldmengenexpansion der Europäischen Zentralbank zu gering im Gegensatz zu den USA, die bereits seit 2008 sehr expansiv reagiert habe. Während die US-Notenbank Dollars gedruckt hätte, um in großen Mengen US-Staatsanleihen zu kaufen, hätte die Europäische Zentralbank nur zögerlich auf Wirtschafts- schwäche und fallende Preise reagiert. Der Süden Europas sei davon besonders betroffen. Varoufakis zieht einen interessanten Vergleich mit der Kryptowährung Bitcoin: Die Menge der Bitcoins ist absolut auf 21 Millionen begrenzt. Es besteht keine Möglichkeit, Wachstumsimpulse durch eine Erhöhung der Geldmenge zu erzielen. Ähnlich sei die Geldmenge in den südlichen Staaten Europas fixiert. Die Stärke einer Wirtschaftsregion ziehe Geld an, dieses fehle dann in einer anderen Region. Varoufakis blendet bei seiner Analyse jedoch aus, dass die Europäische Zentralbank die Geldmenge ähnlich stark erhöht hat wie die US-Notenbank. Von dieser Erhöhung ist in Italien, Spanien und Portugal nichts angekommen, sondern im Gegenteil, es ist sogar Geld abgeflossen. Am massivsten war der Abfluss jedoch in Griechenland. Eine noch stärkere Erhöhung der Euromenge hätte den Griechen daher auch nichts genützt. Trotz der ungenauen Analyse kommt Varoufakis zu einem richtigen Schluss, nämlich dass die Einführung einer Parallelwährung zu einer Stabilisierung der Geldflüsse beitragen könnte.

Angeregt durch die Debatte um die Kryptowährung Bitcoins entwickelt Varoufakis das Konzept der »FT-Coins«. FT steht für Future Taxes, also zukünftige Steuereinnahmen. Es geht also um die Schöpfung von Geld aus der Erwartung zukünftiger Steuereinnahmen. Varoufakis ist sich bewusst, dass das Bezah- len von Steuern in Griechenland nicht besonders beliebt ist, daher versucht er es mit einem Anreiz: »Du bezahlst, sagen wir, 1.000 Euro für 1 FT-Coin des Finanzministeriums von Spanien, Griechenland, Italien, Irland etc. Dieser Vorgang ist mit folgender Vereinbarung verbunden: Der FT-Coin kann entwe- der jederzeit wieder in 1.000 Euro eingelöst werden oder er bewirkt nach zwei Jahren eine Steuergutschrift in Höhe von 1.500 Euro. Jeder FT-Coin trägt einen Zeitstempel, der gewährleistet, dass der Nachlass frühestens nach zwei Jahren wirksam wird. Nach Einlösung von FT-Coins können wieder neue FT- Coins emittiert werden. Dabei wird sicher gestellt, dass die gesamte Menge an FT-Coins nicht mehr als zum Beispiel 10% des griechischen Bruttoinlandsprodukt beträgt.«

Das Konzept offenbart viel von dem Denken von Varoufakis. Die jederzeitige Garantie, den FT-Coin ohne Abschlag in Euro einlösen zu können, geht von einer hohen Vertrauenswürdigkeit aus. Würde diese Vertrauenswürdigkeit in der Praxis getestet, würden also viele Teilnehmer die FT-Coins tatsächlich in Euro einlösen wollen, würde man möglicherweise feststellen, dass gar nicht so viel Liquidität vorhanden ist. Die zweite Annahme ist, dass der 50%-ige Bonus die Bereitschaft zum Steuerzahlen erhöht. Die Gefahr ist jedoch, dass diejenigen, die noch Steuern zahlen, den Rabatt von einem Drittel mitnehmen und dass diejenigen, die heute keine Steuern entrich weitergehen ten, das auch in Zukunft nicht tun werden.

Das würde den Staatshaushalt also möglicherweise weiter schmälern. Die dritte Problematik ist der Anreiz zum Geldhorten, und zwar für diejenigen, die in Bälde Steuern bezahlen müssen. Der Parallelwährungsvorschlag von Varoufakis krankt also an mehreren Problemen:
1. Bei einem angeknacksten Vertrauen wird die geschöpfte Parallelwährung in Windeseile zurückgetauscht.
2. Der Bonus kommt zwar den ehrlichen Steuerzahlern zugute, aber wenn die Bereitschaft zum Steuerzahlen nicht insgesamt deutlich ansteigt, wird ein armer Staat durch den FT-Coin noch ärmer. Das erhöht die Pleitewahrscheinlichkeit und die Tendenz, den FT-Coin lieber gleich in Euro zu wechseln.
3. Der FT-Coin tendiert zu einer langsamen Geldumlaufgeschwindigkeit, weil er aufgrund der Steuergutschrift ungern weitergegeben wird. An diesem Vorschlag lässt sich gut sehen, dass eine Parallelwährung kein Selbstläufer ist. Es kommt sehr auf die Konzeption an. Eine schlechte Konzeption kann die angestrebte Wirkung nicht nur außer Kraft setzen, sondern sogar bewirken, dass das Ganze nach hinten losgeht. In der Fachsprache spricht man von einem negativen Geldschöpfungsmultiplikator, wenn das in Umlauf gesetzte Geld zu einer Verringerung der Wirtschaftsleistung führt. In diesem Fall würde die Goethe’sche Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft, genau umgedreht. Können wir nicht vielleicht auch das Gute wollen und dann das Gute schaffen?

»Mit der Parallelwährung wird die Geldmenge pro Kopf um 2.000 NEURO erhöht.«

Kehren wir zur Diagnose des Patienten zurück. Offensichtlich ist, dass es dem griechischen Patienten schlecht geht. Die Wirtschaftsleistung ist um ein Drittel gesunken. Fabriken stehen still, Arbeitskräfte sitzen zu Hause und die Jugend hat die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit im eigenen Land oder der Entwurzelung durch Wegzug. Liegt es etwa an den Löhnen oder der Struktur? 2013 war Griechenland die Nr. 1 in punkto Reformen und Reduzierung von Lohnstückkosten (Studie des Lisbon Council). Dennoch kam die Wirtschaft auch nach fünf Jahren Krise nicht in Schwung. In den Medien hieß es, dass die Reformen weitergehen müssten und dass die Einschnitte noch nicht tief genug seien. Wenn aber die Lohnstückkosten innerhalb von zwei Jahren von 2011 bis 2013 im Vergleich zur Eurozone um 15% gesunken sind, dann haben die Probleme in Griechenland nicht mehr allzu viel mit den angeblich zu hohen Lohnkosten zu tun, sondern es besteht eine tiefgreifende Vertrauenskrise. Dies erkennt man sehr gut an den Geldflüssen.

Zwischen 2009 und 2014 wurde die Geldmenge in der Eurozone pro Einwohner um 5.600 Euro pro Kopf erhöht. In Deutschland blieb von dieser Erhöhung überdurchschnittlich viel hängen, nämlich 6.700 Euro pro Kopf. In Griechenland blieb von dieser Erhöhung gar nichts. Es gab sogar einen gravierenden Geldabfluss in Höhe von 2.900 Euro pro Person. Die »Freizügigkeit« des Euro wirkte sich einerseits für Deutschland positiv aus, für Griechenland ist der Euro dagegen ein einziges Desaster. Aus der deutschen Perspektive können wir mit der aktuellen Lage im Euro-Raum gelassen umgehen. Die deutsche Wirtschaft profitiert weiterhin von den Geldzuflüssen und die eingegangenen Kreditbürgschaften für die südeuropäischen Staaten führen derzeit (noch) nicht zu Zahlungsverpflichtungen für den deutschen Staat.

Die Begrenzung des Geldabflusses müsste für Griechenland die allerhöchste Priorität haben.

Eine Parallelwährung muss daher mit einer Abflussbremse ausgestattet sein. Bei dem ersten Vorschlag zum Neuro (vgl. Gelleri/Mayer 2011 »Expressgeld für Griechenland« sowie Gelleri 2012 »NEURO für Griechenland« unter www.expressgeld.de) wurde eine Rücktauschgebühr in Höhe von 10 Prozent für den Tausch der Parallelwährung in Euro vorgeschlagen. Dieser Vorschlag ist sinnvoll für krisengeschüttelte Länder wie Italien, Spanien und Portugal, die noch genügend Euro-Reserven vorhalten können. Dies war auch noch in Griechenland in den Jahren 2011 und 2012 der Fall. Mittlerweile ist die wirtschaftliche und politische Situation so akut, dass der ursprüngliche Vorschlag modifiziert werden muss, bis sich die Lage stabilisiert. Es sei auch angemerkt, dass der Eindruck besteht, dass das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Nehmen wir aber fiktiv an, dass sich die griechische Notenbank, die griechische Regierung, die Europäische Zentralbank und die Europartner auf folgenden Plan einigen:

1.Die griechische Notenbank erhält die Erlaubnis, eine Parallelwährung in Höhe von zwölf Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts heraus zu geben. Das entspricht etwa einem Wert von 22 Milliarden Euro.

2.Die Parallelwährung erhält den Namen NEURO, der neue Euro für Griechenland.

3. Die Parallelwährung wird rein elektronisch herausgegeben und ist nicht umtauschbar in Euro. Es gibt kein Bargeld.

4.Der griechische Staat garantiert die Annahme von NEURO für Zahlungen von Steuern, Abgaben und Leistungen 1 zu 1 zum Euro. Der offizielle Wert eines NEURO beträgt 1 Euro.

5.Der Handel von NEURO ist erlaubt. Der Wechselkurs entwickelt sich nach Angebot und Nachfrage. Für jeden Handel ist eine Transaktionssteuer in Höhe von 3% zu entrichten.

 

6.Der NEURO wird der griechischen Regierung zinsfrei für drei Jahre zur Verfügung gestellt. Nach zwei Jahren werden die Ergebnisse evaluiert. Die Regeln werden optimiert und die neue optimale Geldmenge bestimmt.

7.Parallel zu den vorhandenen Eurokonten führen die Geschäftsbanken NEURO-Konten mit einem anfänglichen Negativzins von 3 %. Transaktionen zu Eurokonten sind technisch erst einmal nicht möglich. Ein Drittel des Negativzinses fließt an die Geschäftsbanken für den Betrieb des Konten – systems. Es stehen 200 Millionen NEURO zur Verfügung, um einen geschätzten Aufwand von vier Millionen Konten mit jeweils einer bargeldlosen Bezahlkarte abzudecken. Die Geschäftsbanken dürfen für die Kontoführung und die Ausgabe der Bezahlkarte keine weiteren Gebühren erheben. Ein Drittel des Negativzinses fließt an die griechische Notenbank für den Ausbau der Infrastruktur der Parallelwährung. Bei einem Absinken der Geldumlaufgeschwindigkeit des NEURO kann die Notenbank den Negativzins erhöhen.

8.Per Gesetz werden alle Zahlungsempfänger des griechischen Staates verpflichtet, NEURO in einer festgelegten Quote zu akzeptieren. Die anfängliche Quote beträgt in den ersten sechs Monaten 10%. Sobald sich die Geldkreisläufe in Griechenland ein- gespielt haben, wird die Quote schrittweise erhöht. Mitglieder des Parlaments und Regierungsmitglieder erhalten von Anfang an 75 % des Nettogehalts in NEURO ausgezahlt.

9. Ein großer Teil der NEURO werden für Investitions- und Sozialprogramme verwendet. Ein Beispiel wäre die Reaktivierung von Nachtzulagen für Polizei-Beamte. Ein weiteres Beispiel wären zinsfreie Kredite für kleine und mittelständische Unternehmen. Auch Sozialprogramme zur Linderung der stärksten Not könnten in NEURO ausgezahlt werden.

Der NEURO stärkt die Gemeinschaft in Griechenland. Mit der Parallelwährung wird die Geldmenge pro Kopf um 2.000 NEURO erhöht. Durch die zu erwartende hohe Umlaufgeschwindigkeit des NEURO könnte der wirtschaftliche Niedergang kurzfristig gestoppt werden. Der NEURO würde vor allem das Wiederaufblühen der Binnenwirtschaft stärken. Landwirte, Handwerker, Verkehrsbetriebe, Einzelhändler und inländische Dienstleister und Produzenten würden am stärksten profitieren. Durch den elektronischen Zahlungsverkehr werden alle Umsätze genauestens erfasst. Um den Negativzins würden NEURO gegenüber Euro bei Steuerzahlungen bevorzugt verwendet. Der NEURO wäre nicht zum Horten geeignet, sondern einzig allein für das Bezahlen, Investieren und Schenken. Es entstünde ein der wirtschaftliche Niedergang kurzfristig »leichtes« Geld, das gerne und schnell ausgegeben wird. Sobald der Steuerbescheid eintrifft, werden bereits NEURO überwiesen. Der Euro wäre weiterhin stark in Tourismus-Regionen und bei exportorientierten Firmen. Im Bereich der Binnenwirtschaft könnte der NEURO zum gängigen Zahlungsmittel werden.

Thema Bargeld

Ein großes Thema ist das Euro-Bargeld, das sich in Griechenland bereits seit der Euro-Einführung stetig wachsender Beliebtheit erfreut. Waren 2007 etwa 1.000 Euro pro Person in Umlauf, sind es 2014 über 2.000 Euro. Der durchschnittliche Grieche hat aber nicht 2.000 Euro im Geldbeutel, sondern unter 100 Euro. Wo ist also das ganze Bargeld? Ein nicht kleiner Anteil zirkuliert in der Schwarzwirtschaft, ein großer Anteil wird in Tresoren gehortet. Das zeigt sich an dem hohen Anteil von 500-Euro-Scheinen, die in der normalen Bevölkerung nur selten verwendet werden. Von der griechischen Regierung wurde vorgeschlagen, Zahlungen in Euro-Bargeld auf maximal 70 Euro pro Transaktion zu beschränken. Zahlungen darüber hinaus wären bei Verwendung von Bargeld strafbar. Ob ein solches Verbot auch umgesetzt und kontrolliert werden kann, ist allerdings sehr zweifelhaft.

Der Harvard-Professor Kenneth Rogoff fordert die Abschaffung des Bargeldes, weil dadurch die Schwarzgeld-Wirtschaft und Kriminalität eingedämmt und zum anderen die Einführung von Negativzinsen erleichtert werden würde. 2009 wurde er für diesen Vorschlag noch belächelt. Mittlerweile erhält er dafür Preise und Auszeichnungen, wie zuletzt im Dezember 2014 als »Distinguished Fellow« in München. Griechenland allein kann am Euro-Bargeld kurz- und mittelfristig nichts verändern. Daher muss die Entwicklung beim Euro-Bargeld genau beobachtet werden. Der griechische Staat kann als größter Wirtschaftsteilnehmer stark zur Aufwertung des bargeldlosen Bezahlens beitragen. Alle Ausgaben in NEURO und Euro können bargeldlos getätigt werden. Bei den Einnahmen kann der Staat für Bargeldzahlungen eine Transaktionssteuer erheben. Indem also das Zahlen von Steuern mit Euro-Bargeld teurer als mit NEURO ist und Gehälter in NEURO ein bisschen höher sind als in Euro, werden Anreize zur Verwendung gesetzt. Ein weiterer Aspekt ist eine effektive Besteuerung. Welche Steuern werden umgangen und welche wirken für alle? Beispiele sind Steuern für das Abheben von Euro-Bargeld am Geldautomaten oder Steuern auf Grund- und Boden, der nicht ins Ausland flüchten kann. Dabei ist die soziale Ausgewogenheit von der Politik zu gewährleisten.

Positive Stimmung erzeugen

Am allerwichtigsten ist aber die Erzeugung einer positiven Grundstimmung und das Bewusstsein in der Bevölkerung, dass nur das zügige Ausgeben von Geld dazu führt, dass es am Ende des Tages wieder Einnahmen für die Unternehmer, die Bürger und den Staat gibt. Elf Millionen Menschen in Griechenland nehmen mit dem NEURO ihr Schicksal wieder in die eigene Hand. Deutschland könnte zur positiven Stimmung beitragen, indem die Forderungen gegenüber Griechenland wie folgt neu strukturiert werden: Deutschland verzichtet auf Zinsen und bietet bis zum Jahr 2020 Tilgungsfreiheit an. Ab 2021 verpflichtet sich Griechenland zur Zahlung von 5% Tilgung pro Jahr, zahlbar in NEURO. Dieser bewusste Schritt käme einer ungeordneten Insolvenz zuvor und würde sicherstellen, dass die Deutschen für ihre jahre- und jahrzehntelang erbrachten Export-Leistungen an Griechenland wieder in etwa gleichem Umfang Gegenleistungen aus Griechenland erhalten. Dazu ist aber erst einmal erforderlich, dass sich die Strukturen in Griechenland festigen und wieder aufbauen. Diese Art der Sanierung von innen mit der Hilfe von außen könnte Vorbildcharakter auch für andere krisen- geschüttelte Staaten haben.

Zum Abschluss noch eine Modellrechnung, die aufzeigt, welche Wertschöpfungseffekte eine Parallelwährung haben könnte. Die Effekte würden sich schrittweise aufbauen. Nach zwei bis drei Jahren könnte das Bruttoinlandsprodukt wieder das Niveau von 2008 erreichen.

Wenn man sich einmal vorstellt, dass eine Maß nahme, die den einzelnen Bürger im Durchschnitt etwa 50 (N)EURO im Jahr kostet, eine durchschnittliche Einnahme von 6.000 (N)EURO erzeugt, dann muss man sich fragen, warum das noch nicht längst umgesetzt ist. Die Antwort ist einfach: Anders denken ist anstrengend. Wenn wir so weiter denken wie bisher, dann drucken wir pro Monat 60 Milliarden Euro und kaufen dafür Altschulden. Dadurch steigen zwar die Börsenkurse ins Unermessliche, aber den Bürgern bringt das rein gar nichts, außer dass jeder einzelne von uns am Ende die Rechnung bekommt: 2.000 Euro sozusagen als erster Abschlag für die noch kommenden größeren Rechnungen. Das haben wir bzw. unsere Banker und Politiker halt bestens gelernt: Schulden mit noch mehr Schulden bezahlen. Die Idee, das Geld in Griechenland einzusperren und unter Umlaufzwang zu setzen, würde voraussetzen, dass wir die Gelddruckmaschine für eine Weile anhalten und vielleicht sogar einen Teil der zu viel gedruckten Euro vernichten. Verrückt, oder?

Dieser Artikel erschien im Magazin der INWO (2015). Der original Artikel kann hier heruntergeladen werden.

Christian Gelleri, geb. 1973, ist ausgebildeter Diplom-Handelslehrer und Diplom-Betriebswirt. Als Ini tiator der Regional währung Chiemgauer hat er die Verbreitung von Regiogeldern in Deutschland maßgeblich geprägt. Als Gründungsvorstand des Regiogeldverbandes verfügt er über ein breites Wissen zu Stand und Perspektiven von Regiogeld.

Speziell für die Forschung zu komplementären Währungsformen (KW) und den Austausch zwischen Akademikern und Praktikern findet alle zwei Jahre eine internationale Konferenz statt. Die erste Veranstaltung dieser Art war in Lyon, Frankreich, im Februar 2011, gefolgt von einer zweiten Veranstaltung in Den Haag, Niederlanden, im Juni 2013. Dieses Jahr trafen sich Wissenschaftler aus der ganzen Welt in Brasilien, einem der Länder mit der aktivsten Komplementärwährungs-Szene. Vom 27. bis zum 30. Oktober kamen über 60 Akademiker, Praktiker und KW-Experten in Salvador de Bahia, einer Küstenmetropole in Brasilien zusammen.

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Faro de Barra, eines der Wahrzeichen Salvadors

40 Wissenschaftler präsentierten ihre jüngsten Forschungsergebnisse zu den Oberthemen:

1) Kws im Entwicklungskontext,

2) Wirksamkeitsstudien,

3) kontextuelle Unterschiede und Erfahrungsberichte,

4) Typologien, Modelle und Innovationen

Die einzelnen Beiträge können hier auf der Konferenz-Webseite heruntergeladen werden.

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João Joaquim de Melo Neto

Ein weiteres Hauptaugenmerk der Konferenz galt den Gemeinschaftsbanken Brasiliens und ihren lokalen Währungen, von denen es mittlerweile über 100 im ganzen Land gibt. Diese mittlerweile gut organisierte und sich stets weiterentwickelnde Idee hatte im Jahre 2000 in einer kleinen Gemeinde in der Nähe Fortalezas im Norden des Landes begonnen. Im Zuge eines lokalen Entwicklungsprojektes im Conjunto Palmeiras wurde auch mit komplementären Währungen experimentiert und nach Versuchen eine Währung im Stile von Tauschringen zu etablieren, wurden Start-up Kredite in lokalen Gutscheinen ausgegeben, die ähnlich wie der Chiemgauer in Deutschland mit nationaler Währung hinterlegt waren, aber nur bei lokalen Unternehmen gültig waren. Die lokale Multiplikatoren-Wirkung dieser Währung, Palmas genannt, zeigt schnell Erfolg. Und nachdem auch die Zentralbank Brasiliens, leider erst nach einigen schwierigen Gerichtsprozessen von der positiven Wirkung und Legalität dieser monetären Instrument überzeugt war, wuchs das Projekt in Palmeiras rasant. Und vor allem fanden sich in ganz Brasilien immer mehr gemeinnützige Institutionen, die diese Idee umsetzen wollten. Seit einigen Jahren gibt es das nationale Instituto Banco Palmas, das für all diese weit verstreuten Projekte Vernetzung, Bildungs- und Aufklärungsarbeit betreibt.

 

Palmas App

“Klassische“ Banco Palmas Scheine und die neue Handy-App für den elektronischen Zahlungsverkehr

João Joaquim de Melo Neto, Mitgründer der ersten Banco Palmas und heute Koordinator und Sprecher des Institutes stellte auf der Konferenz die Geschichte und die neuen Entwicklungen der lokalen Währungen in Brasilien vor. Vor allem die jüngst eingeführte Möglichkeit die Währungen auch in elektronischer Form, über Internetbanking und Handy-Apps zu verwenden, regt die Hoffnungen an die momentane Zahl von rund einer Millionen Nutzern bald auf ein Vielfaches zu erweitern.

Über die Entwicklung des zunächst konfrontativen aber mittlerweile sehr offenen Dialogs zwischen den Gemeinschaftsbanken und den Finanzbehörden Brasiliens berichtete Marusa Vasconcellos Freire von der Zentralbank Brasiliens. Durch ein neues Gesetz der Sozialen und Solidarischen Ökonomie, erfahren die Gemeinschaftsbanken mittlerweile Anerkennung und gesonderte Regulierung, die ihren Zielsetzungen und ihrer Größe im Vergleich zu kommerziellen Banken Rechnung trägt.

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Geovanny Cardoso, Ministerium für Sozialökonomie, Ecuador

Ähnliche Entwicklungen beschrieb Geovanny Cardoso vom Ministerium für Sozialökonomie in Ecuador. Um dem Land neue Möglichkeiten in der Unterstützung der sozialer Wirtschaftsformen zu eröffnen, obwohl die Landeswährung seit dem Jahre 2000 der US Dollar ist, hat die Zentralbank dort ebenfalls eine elektronische Währung eingeführt 1, die zwar immer noch an den Dollar gekoppelt ist, aber gegen die chronische Knappheit von Bargeld vor allem im informellen Sektor und für Kleinstunternehmer helfen soll – ein erster Schritt zurück zur monetären Souveränität.

Das Highlight des vorletzten Tages der Konferenz war die Gründungsversammlung des weltweiten ersten wissenschaftlichen Verbandes, der sich mit der Erforschung von KW und verwandten Themen beschäftigt und die zukünftigen Konferenzen in Partnerschaft mit lokalen Universitäten ausrichten wird. Das ist eine wichtige Konsolidierung für die wissenschaftliche Arbeit im Bereich monetäre Vielfalt und komplementäre Geldsysteme, die bislang keine dauerhafte Vertretung im internationalen Wissenschaftsbetrieb hat.

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RAMICS Gründungsvorstand bei der ersten Abstimmung

Der Verband wird seine rechtliche Heimat in Frankreich haben, jedoch stets Repräsentanten aus der ganzen Welt im Vorstand haben.Die Mitglieder des Gründungsvorstandes setzen sich zusammen aus den Hauptorganisatoren der ersten drei Konferenzen zusammen, Prof. Jerome Blanc (Lyon), Dr. Georgina Gomez (Niederlande) und Dr. Ariádne Scalfoni Rigo (Brasilien) sowie Prof. Makoto Nishibe (Japan) und Rolf Schröder (Deutschland). Eine Kurznotiz zur Gründung ist auf der zukünftigen Webseite des Verbandes unter www.RAMICS.org zu finden. Die nächste Konferenz dieser Art wird im Jahre 2017 in Barcelona, Spanien stattfinden. MONNETA wird weiter darüber informieren.

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Wir aktzeptieren Conchas

Am letzten Tag unternahmen die Teilnehmer der Konferenz einem Tagesausflug zu einer der Gemeinschaftsbanken südlich von Salvador de Bahia. Die Exkursion führte in die kleine Gemeinde Ilhamar auf der küstennahen Insel Itaparica. Hier, wie in den meisten der erfolgreichen Währungsprojekte in Brasilien, ist die monetäre Komponente nur eine von vielen Aktivitäten des Projektes, dass sich selber als bürgerschaftliche Initiative zur nach- haltigen Entwicklung der Gemeinde versteht. Neben der lokalen Währung “Conchas“ in der wie andernorts auch Mikrokredite vergeben werden, sind Aktivitäten zum Umweltschutz, ein Gemeinschaftsgarten, Computer-Lernprogramme und Unternehmergruppen für nachhaltigen Tourismus teil des Projektes.

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Die Gemeinschaftsbank in Ilhamar

Zumindest in der Disziplin Komplementärwährungen für nachhaltige, lokale Wirtschaftsentwicklung scheint Brasilien nach wie vor Weltmeister zu sein. Vielleicht kann Barcelona zur Konferenz in zwei Jahren ähnliche Spitzenleistungen vorweisen, wenn die unlängst gewählte Stadtregierung bis dahin ihre Pläne einer lokalen Währung umsetzen konnte.

Viele Grüße aus Brasilien, Leander Bindewald

Fußnoten:

  1. Webseite der elektronischen Währung in Ecuador: http://www.dineroelectronico.ec/

Ökonomen befürworten den Vorschlag einer Zweitwährung für Griechenland als dritten Weg zwischen Fiskalunion und Euroaustritt

Die Idee paralleler Währungen sehen wir als Blaupause für eine grundsätzliche Restrukturierung der Europäischen Finanzarchitektur. Wir halten sie für geeignet, die Behebung der strukturellen Unterschiede im Euroraum systematisch anzugehen. Wir begrüßen den Vorstoß von Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, durch den „Geuro“ als nationale Parallelwährung das scheinbar unausweichliche Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone zu verhindern und freuen uns, dass damit die lange vorherrschende Ratlosigkeit und scheinbare Alternativlosigkeit der Situation endlich durchbrochen ist. Es wird nun von der konkreten Ausgestaltung abhängen, inwieweit dieser Vorschlag einen Beitrag zur wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung in Europa, vor allem aber auch für die Bevölkerung in Griechenland, Portugal und Spanien leisten kann.

Wir schlagen deshalb vor, bei der Ausgestaltung dieser neuen Finanzarchitektur nicht nur auf Großbanken und Finanzinstitute zurückzugreifen, sondern auch die Expertise, Ideen und Erfahrungen der zahlreichen Vordenker und Praktiker einzubeziehen.

Spätestens seit 2010 gab es bereits eine Vielzahl von Vorschlägen verschiedenster Autoren, in Griechenland bzw. in anderen ähnlich betroffenen Euroländern eine Parallelwährung als dritten Weg zwischen Fiskalunion und Euroaustritt einzuführen. Hier finden Sie eine Auflistung der verschiedenen uns bekannten Vorschläge und Pressemeldungen zu diesem Thema.

Für die Money Network Alliance

Prof. Dr. Margrit Kennedy, Geldexpertin und MONNETA Gründerin
Ludwig Schuster, Projektmanager und Berater für Geld & Nachhaltigkeit
MBA, Ing. FH Jens Martignoni, Wirtschaftsforscher und Berater für Komplementärwährungen
Leander Bindewald, Berater für Komplementärwährungen

Anfragen und Kontakt: ludwig.schuster@monneta.org

Die Unterzeichner:

Prof. Dr. Johann Walter, Volkswirt, FH Gelsenkirchen
Dr. Reinhard Stransfeld, Ökonom, Vorstand Regionaler Aufbruch e.V.
Dr. Eva-Maria Hubert, Ökonomin, MonNetA
Thomas Mayer, Autor, Bürgerrechtler, Meditationslehrer
Bernard Lietaer, Author, Complementary Currency Expert
André ten Dam, Euro-researcher (The Netherlands)
Biagio Bossone, Chairman, The Group of Lecce
Dr Abdourahmane Sarr, President CEFDEL
Dipl.-Ing. Trond Andresen, Assistant Professor
Dr. Michael Vogelsang, Volkswirt / BVMW
Giovanni Passali, Presidente Associazione Copernico
Prof. Dr. Ralf Otterpohl, Univ. Prof. u.a. ländliche Entwicklung
Lachezar Dumanov, Co-Founder and CEO Barterclub Bulgaria
Hayem Etienne, Co-Founder Les Valeureux
Roland Wiedemeyer, Vorstand ReWiG Allgäu eG
DI Hagen Schmidt, Development Mulifinance
Prof. Declan Kennedy, Architect & Permaculture Designer
Philip Beard, translator; emeritus professor of German and Global Studies
Dipl. Soz.-Päd. (FH) Rudolf H. Ende, Vorstandsmitglied ReWiG München eG
Norbert Rost, Dipl.-Volkswirt, Büro für postfossile Regionalentwicklung

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Fußnoten:

  1. Webseite der elektronischen Währung in Ecuador: http://www.dineroelectronico.ec/
  2. Webseite der elektronischen Währung in Ecuador: http://www.dineroelectronico.ec/

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft fordert offene Diskussion und veröffentlicht den neuen Sammelband „Die Parallelwährung: Optionen, Chancen, Risiken“

CoverSammelbandParallelwaehrungImmer mehr Ökonomen sprechen sich für die Einführung von Parallelwährungen in der Eurozone aus. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es: „Bei einer Parallelwährung wird zusätzlich zum Euro eine weitere Währung eingeführt. Dadurch können Defizitländer wettbewerbsfähiger werden und die Europäische Währungsunion bleibt in den Grundzügen erhalten.“

Am 24. Juli 2012 hatte der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft (BVMW) in Kooperation mit MonNetA in Berlin zu einem Workshop eingeladen. Die Vorträge und Arbeitsergebnisse sind jetzt in einem Sammelband veröffentlicht. Der Tenor: „Parallelwährungen bieten Krisenstaaten wie Griechenland die Chance, langfristig im Euro zu bleiben und gleichzeitig gezielt die heimische Wirtschaft wiederzubeleben.“ Parallelwährungen seien deshalb besser als die anderen bisher diskutieren Maßnahmen geeignet, die Integrität der Euro‐Zone zu bewahren und neue Ventile zu schaffen, durch die der Druck der wirtschaftlichen Ungleichgewichte abgebaut werden kann.

In der Abschlusserklärung fordern die Unterzeichner die Verantwortlichen auf, Alternativen zur derzeitigen Euro‐Krisenpolitik zu prüfen. „Die Einrichtung einer Parallelwährung, die auch mit Artikel 128 AEUV vereinbar ist“, betrachten sie als „eine ökonomisch überzeugende und politisch durchsetzbare Alternative.“

Die derzeitige Politik der EZB, zusätzliche Liquidität in den Markt zu drücken, mag helfen die Krisen‐ symptome vorübergehend zu lindern. Der selbstverstärkende Abwärtstrend aus Handelsbilanzungleichgewichten, explodierender Staatsverschuldung und überhöhten Zinsen in den Defizitländern ist damit nicht zu stoppen – im Gegenteil: die realwirtschaftlichen Disparitäten zwischen den Eurostaaten werden weiter verschärft. Parallelwährungen könnten den Trend umdrehen und den Ländern ein Aufholen aus eigener Kraft ermöglichen.

Nach Ansicht von BVMW‐Präsident Ohoven sei es „notwendig zu fragen, ob es nicht bessere Ansätze als den derzeitigen Kurs gibt.“ Bisher sei noch jeder Euro‐Gipfel als final und jedes neue Rettungspaket als alternativlos verkauft worden. Die Suche nach dauerhaft wirksamen Alternativen sei hingegen zu lange vernachlässigt worden. Mit einer Parallelwährung würde die Bevölkerung neue Chancen erkennen und auch die notwendigen Strukturreformen stärker unterstützen, so Ohoven.

Die Studie des BVMW können Sie hier ansehen und als PDF-Dokument (1,8 MB) herunterladen.

MonNetA hatte bereits im Mai 2013 eine Übersicht aktueller Parallelwährungs-Vorschläge für die Eurozone vorgestellt und einen Aufruf gestartet.

Fußnoten:

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Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Margrit Kennedy zu den grundsätzlichen Fragen von Geldsystemen und Komplementärwährungen, 30.08.2010

Das Gespräch vom 30.08.10 zu den grundsätzlichen Fragen von Geldsystemen und Komplementärwährungen gibt einen guten Überblick über die Arbeit und das Denken der Kritikerin der Finanzwirtschaft Prof. Dr. Margrit Kennedy.

Das Interview (23 Seiten) können Sie als PDF-Dokument herunterladen (543 kB).

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Das alte Geld stirbt, das neue wird verschlüsselt, sicher, dezentral und nutzerfreundlich sein.

No Future an den Finanzmärkten des alten Jahrtausends. Das Geld der Zukunft basiert auf Dezentralbanken und Open Source, ist frei konfigurierbar und jeder Nutzer darf an verschiedenen Systemen gleichzeitig teilnehmen.

Das alte Geld stirbt. Es war vorhersehbar, dass ein Wirtschaftssystem, dessen Zweck es nur noch war, Geld auf Geld zu häufen, irgendwann ein Problem bekommen musste: Wer glaubt schon, dass der Zweck des Wirtschaftens Geldmacherei ist? Geld kann man nicht essen, es leistet nichts, es ist ein bloßes Werkzeug. Der Glaube ans Geld bricht mit den Milliardenverlusten, die derzeit von Privatseite zum Staat verlagert werden. Und der Staat bricht mit seinen Schulden, noch nie seit Beginn des Google-Zeitalters war der Begriff „Staatsbankrott“ so populär.

Die Dematerialisierung des Geldes

Wir wissen, was die Erfindung von mp3 und Tauschbörsen mit der Musikindustrie angestellt hat. Die Entkoppelung der Musik von einem (Ton-)Träger erleichterte die Verteilung so sehr, dass die Industrie, die sich rund um die Verteilung entwickelt hatte, nicht mehr in diesen Maße benötigt wurde.

Den kompletten Artikel können Sie bei Telepolis lesen…

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Die Wirtschaft ist für den Menschen da.

Warum er wirtschaftet, verliert der Mensch gern mal aus den Augen. Die Wachstumsgläubigkeit vernebelt leicht den Blick fürs Wesentliche. Wirtschaften wir, um die Aktienkurse hochzutreiben? Um ein Lebenswerk in Form eines Kontos voller Zahlen zu schaffen? Um das Bruttosozialprodukt zu steigern? Für Einzelne mag einer dieser Punkte der persönliche (Hinter-)Grund ihres Wirtschaftslebens sein, für die meisten Menschen ist Wirtschaft jedoch der gesellschaftliche Raum, welcher ihren Lebensunterhalt ermöglicht.

Der Zeitgeist suggeriert, alle Fragen der Grundversorgung der Bevölkerung seien längst geklärt. Der Prozess der Globalisierung setzte Prioritäten derart, dass dem Export mehr Bedeutung zugemessen wurde als der Binnenwirtschaft, dass gigantische globale Strukturen und Organisationen bedeutsamer schienen als der Mittelständler um die Ecke. Doch spätestens die Finanzkrise rückt die Konsequenzen von einseitig aufs Globale ausgerichteten Wirtschaftsstrukturen ins allgemeine Bewusstsein: Die riesigen Strukturen sind für den Einzelnen unüberschaubar und unbeeinflussbar. Und doch wirken selbst weit entfernte Ereignisse auf das lokale Geschehen zurück: Die sinkenden Immobilienpreise in den USA im Jahr 2007 waren der Auslöser der heute an vielen Orten des Planeten spürbaren Finanzkrise. Steigende Zinsen, eine restriktivere Kreditvergabe und die schlechte Stimmung von Unternehmern und Verbrauchern wirken sich bereits auf das hiesige Wirtschaftsgeschehen aus.

Den kompletten Artikel können Sie im „forum Nachhaltig Wirtschaften“ lesen…

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Warum der Wechsel zu erneuerbaren Energien nicht schnell genug geht – und wie man ihn beschleunigen kann.

Manche Dinge brauchen ihre Zeit. Der Strukturwandel hin zu einer Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien braucht allerdings zuviel Zeit. Unsere Trägheit wird uns mit jedem Tag teurer zu stehen kommen. Das jedenfalls ist zu befürchten, wenn man sich die stetig steigenden Kosten für fossile Energieträger und nicht zuletzt die jüngst veröffentlichte Studie des Ex-Weltbank-Ökonomen Nicolas Stern über die zu erwartenden Mehrkosten aufgrund des Klimawandels vor Augen führt. Die Schwelle für den Strukturwandel scheint dennoch unüberwindbar. Deutschland – ein solares Schwellenland?

Um den gesellschaftlichen Richtungswechsel endlich in Schwung zu kriegen, könnte ein Blick in die Naturwissenschaften helfen: In chemischen Prozessen werden Reaktionen, die bei normalen Bedingungen zu träge oder gar nicht ablaufen würden, mit Hilfe von Katalysatoren erleichtert.

Man kann die letzten Jahre des solaren Strukturwandels in wenigen Worten zusammenfassen: Diejenigen, von denen man erwartet, dass sie den Strukturwandel herstellen sollen, wollen ihn eigentlich gar nicht. Und diejenigen, die ihn wollen, scheinen nur wenig dazu beizutragen. Dieses in jüngster Zeit wiederholt als „kulturelles Problem“ beschriebene gesellschaftliche Phänomen wird aus den Reihen der Verfechter erneuerbarer Energien nach wie vor kaum mit gebührender Ernsthaftigkeit angegangen. Unter ihnen sind zahlreiche Ingenieure und Physiker, die hiermit eingeladen sind, ihr spezialisiertes Fachwissen rund um die Gesetzmäßigkeiten der Thermodynamik einmal transdisziplinär auf den gesellschaftlichen Kontext zu übertragen.

Nehmen wir eine einfache chemische Reaktion. Bei einer chemischen Reaktion erfordert der Übergang von einem energetischen Gleichgewichtszustand in einen anderen zunächst einmal das Identifizieren und Zusammenbringen der notwendig beteiligten Reaktionspartner. Dazu ist eine gewisse Aktivierungsenergie nötig. Gleiches kann man für den Strukturwandel konstatieren: Der Übergang vom gegenwärtigen zentralistischen, fossil-atomaren Energiesystem hin zu einer dezentralisierten Energieautonomie auf der Grundlage erneuerbarer Energien erfordert zunächst das Identifizieren und Zusammenbringen der notwendig beteiligten Strukturwandelpartner, und dazu ein bestimmtes Maß an Aktivierungsenergie.

Allein bei der Identifikation der notwendig Beteiligten hat sich die Erneuerbare-Energien-Szene jedoch über Jahrzehnte hinweg schwer getan – und oft genug vergriffen. Wer eine dezentrale Struktur der Energiegewinnung erzielen möchte, ist bei zentralistischen Energieversorgerunternehmen in „Global Player“-Manier an der falschen Adresse – von deren Lobbyvertretern in der Politik ganz zu schweigen. Um das gewünschte Produkt – regionale Energieautonomie – zu erzielen, gilt es an der „Strukturwandelreaktion“ diejenigen zu beteiligen, die heute und morgen Energie konsumieren, und diejenigen, die künftig Energie aus regenerativen Quellen „erzeugen“ sollen. Diese künftigen Energiegewinner können heute, nach etlichen deprimierenden Fehlversuchen, immerhin zweifelsfrei identifiziert werden: es sind die Nutzer selbst.

Doch allen Umfragen und Untersuchungen zufolge sehen sich noch immer die wenigsten Menschen selbst in der Rolle eines aktiven, handlungsfähigen Strukturwandelpartners, – und das, obwohl sich der Großteil der Bevölkerung für die Zukunft eine Versorgung mit Erneuerbaren Energien wünscht. Auch fällt der Wechsel des Stromanbieters erfahrungsgemäß schwerer als das Lippenbekenntnis. Offenbar ist die nötige gesellschaftliche „Aktivierungsenergie“ für die Strukturwandelreaktion unter den gegebenen Bedingungen noch immer zu hoch.

Wunschenergie

ZDF-Umfrage: Wunschenergie der Zukunft. Quelle: Allensbach Institut, IfD-Umfrage 7055, April 2004.

Mit Katalysatoren schneller und leichter zum Ziel

Der Chemiker Jöns Jakob Berzelius kam 1835 zu der Erkenntnis, dass eine Vielzahl von Reaktionen überhaupt nur dann erfolgte, wenn ein bestimmter Stoff zugegen war, der jedoch nicht verbraucht wurde. Seiner Meinung nach lieferten diese Stoffe durch ihre bloße Anwesenheit die Energie über ihre katalytische Kraft. Darum bezeichnete er diese Stoffe als Katalysatoren (von der Katalyse, griechisch κατάλυσις). Später definierte der Chemiker Wilhelm Ostwald den Katalysator folgendermaßen:

„Ein Katalysator ist ein Stoff, der die Geschwindigkeit einer chemischen Reaktion erhöht, ohne selbst dabei verbraucht zu werden und ohne die endgültige Lage des thermodynamischen Gleichgewichts dieser Reaktion zu verändern.“

Für seine Arbeiten um die Katalyse erhielt Wilhelm Ostwald im Jahre 1909 den Nobelpreis für Chemie. Vereinfacht dargestellt ist für eine bestimmte Reaktion die Aktivierungsenergie AU erforderlich (obere Kurve). Die untere Kurve zeigt den Energieverlauf der durch C katalysierten Reaktion. Hier entsteht über einen Übergangszustand (1. Maximum) ein temporäres Enthalpie-Minimum. Über weitere Übergangszustände wird das Produkt erreicht; und der Katalysator C zurückgebildet. Die Aktivierungsenergie der katalysierten Reaktion (AC) ist deutlich geringer, die Reaktion wird erleichtert und kann schneller beginnen. Die Herabsetzung der Aktivierungsenergie durch positive Katalysatoren ist bei chemischen Reaktionen von großer Bedeutung. In mehr als 80% aller chemischen industriellen Prozesse werden heute Katalysatoren eingesetzt. Auch in lebenden Systemen laufen fast alle essentiellen chemischen Reaktionen katalysiert ab (z.B. bei der Photosynthese, der Atmung oder der Energiewandlung aus Nahrung). Dabei wirken Katalysatoren in der Regel selektiv:
bestimmte Reaktionen benötigen bestimmte Katalysatoren. Katalysatoren machen das Unwahrscheinliche wahrscheinlich und beschleunigen
das Unvermeidliche. Eine Übertragung dieser physikalischen Erkenntnisse auf das „Kulturproblem“ des längst überfälligen Strukturwandels liegt nahe.

Katalysator

Wirkungsweise eines Katalysators: Senkung der Aktivierungsenergie.
Quelle: Wikipedia

„business as usual“ – aus Mangel an Gelegenheiten

Wenn man den optimistischen Berichten der Erneuerbare-Energien- Szene Glauben schenkt, wären die Technologien für die solare Energieautonomie vorhanden oder zumindest ohne weiteres zu realisieren. Auch das Kapital für die erforderlichen Investitionen wäre vorhanden – jedoch ist es zum Großteil in den Händen derer, die von den bestehenden Strukturen profitieren.

Vor allem ist aber die Trägheit der Verbraucher gravierend. Bei genauem Hinsehen ist diese Kluft zwischen Nachfrage und Angebot aber auch nachvollziehbar: Offensichtlich stehen sie nicht oft genug vor der Entscheidungssituation für Erneuerbare Energien. Es gibt „zuwenig Markt“, auf dem die Nachfrage ein entsprechendes Angebot trifft – jedoch in einem ganz speziellen Sinne: Der Markt der Entscheidung zwischen fossilen und erneuerbaren Energien findet einfach nicht häufig genug statt.

Der konkrete Verbrauch von Energie ist im Alltag viel zu wenig präsent, ebenso wie deren Herkunft. Nehmen wir das Beispiel Strom. Der ist unsichtbar und kommt aus der Steckdose. Einmal beauftragt, erfolgt die Bezahlung nur alle 2 Monate – pauschal! – und nur an einem Tag im Jahr wird man angesichts der Jahresendabrechnung daran erinnert, dass der Verbrauch von Energie etwas kostet und die Höhe dieser Kosten auch vom eigenen Verhalten beeinflusst werden kann.

Das wäre theoretisch der Moment mit der geringsten Aktivierungsenergie beim Verbraucher, da der Bezug von Energie hier einmalig mehr Aufmerksamkeit einfordert. Doch es ist zugleich der Moment, an dem der in aller Regel (aufgrund externalisierter Kosten) günstigere Strompreis konventioneller Anbieter die Entscheidung für die langfristig billigeren Erneuerbaren direkt wieder zunichte macht. Dabei könnte jeder Moment mit der Möglichkeit, zu den Erneuerbaren zu wechseln, der entscheidende sein! Die Energieverbraucher werden jedoch gegenwärtig viel zu selten mit solchen Entscheidungsmomenten konfrontiert und bleiben in der Zwischenzeit auf den eingetretenen Pfaden. Der Strukturwandel kann dauern…

Die Vision der Energieautonomie, ihre Machbarkeit und ihren gesellschaftlichen Mehrwert zu verbreiten ist unbestreitbar ein wichtiges Stück Aufklärungsarbeit. Der Bildungsauftrag bleibt jedoch folgenlos, wenn der Strukturwandel – aus Mangel an Gelegenheiten! – nicht praktiziert wird. Die Aktivierung der Zivilgesellschaft verlangt nach einem „Strukturwandelkatalysator“, der drei Dinge besonders gut erfüllen können muss:

  1. Er muss möglichst viele Menschen erreichen, die potentiell als Reaktionspartner in Frage kommen.
  2. Er muss diese möglichst häufig, am besten Tag für Tag, mit der Entscheidungsmöglichkeit für Erneuerbare Energien konfrontieren. Und er muss
  3. die Hürden für das Verlassen der eingetretenen Pfade so weit wie möglich senken.

Es gilt, die Angebots- und Nachfrageseite der Erneuerbaren Energien möglichst schnell und effektiv zusammenzubringen. Derartige „Sozialkatalysatoren“ für den gesellschaftlichen Strukturwandelprozess müssen gefunden und gestaltet werden.

Katalysatoren für gesellschaftlichen Wandel

Bis heute hat keine menschliche Erfindung die gesellschaftliche Vermittlung zwischen Angebot und Nachfrage besser und effektiver zu katalysieren vermocht als die wirtschaftlichen Kommunikations- oder Wertmedien, am bekanntesten in ihrer alltäglichen Form als „Geld“. Der katalytische Effekt von Wertmedien besteht zum einen darin, dass sie die Zukunft vorwegnehmen können. Kredit, von lat. credere (glauben), wird im Glauben an die in Zukunft zu erbringende Leistung gegeben. Damit werden Produktionstätigkeiten auch ohne langwierige vorherige Vermögensansparung sofort in Gang gesetzt und, vereinfacht ausgedrückt, mit „Bezugsscheinen“ für das erst später zu beziehende Produkt entlohnt. Allein der Glaube an das später erhältliche Produkt genügt, um die Wertbeständigkeit der Bezugsscheine über die Zeit hinweg zu gewährleisten und Ressourcen für die Produktion vorweg mobilisieren zu können.

Zum anderen lassen sich Wertmedien im Gegensatz zu deren Gegenwert (Kapital) in nahezu beliebig kleine Teile zerlegen und so mobilisieren – je kleinteiliger, desto mobiler. Der Preis für ein Auto kann beispielsweise so hoch sein, dass man theoretisch Jahre darauf sparen müsste. Nicht nur Autohändler sind inzwischen dazu übergegangen, ihren Kunden Ratenfinanzierungen anzubieten. Damit stückeln sie zwar nicht das Automobil, wohl aber dessen Preis in so kleine Einheiten, dass man das Fahrzeug sofort kaufen und nutzen kann. Die Hürde für den Kauf ist damit gesenkt. Den Mehrpreis für die Vorleistung bezahlt trotzdem der Kunde – aber später.

Dasselbe „Fungibilitätsprinzip“ wirkt auch bei jedem Kreditgeld: Die wirtschaftliche Dynamik, wie wir sie in den westlichen Industrienationen vorfinden, entsteht erst durch die Zerkleinerung des Gesamtkredits (oder: der „Wertpapiere“) in handelbare Untereinheiten. So können mit dem Kredit die Löhne für die beteiligten Arbeitskräfte bezahlt werden, die dann wiederum für den Bezug der unterschiedlichsten Produkte und Dienste eingeteilt und weitergereicht werden, bis damit Produkte des kreditfinanzierten Unternehmens gekauft werden und dieses somit den Kredit tilgen kann. Die kleinteilige Stückelung der Kreditsumme in einzelne Euros und Cents macht das überhaupt erst möglich. Zum leichteren Verständnis stelle man sich umgekehrt vor, wie schwierig es wäre, einen Kaffee trinken zu gehen, wäre die kleinste Stückelung unseres Geldes ein 50 Euro-Schein.

Es ist aufschlussreich, sich diese ökonomischen Prinzipien im Zusammenhang mit unserem Energie-Haushalt vor Augen zu führen. Die katalytischen Effekte monetärer Instrumente lassen sich auf unterschiedliche Weise für den Strukturwandel nutzbar machen. Voraussetzung ist die Medialisierung des Gegenwerts: die virtuelle Kilowattstunde. Denn während der Strom nach wie vor unsichtbar bleiben und bei Bedarf aus der Steckdose kommen wird, lässt sich sein virtueller Doppelgänger sichtbar und handelbar gestalten – und so als Katalysator für den gesellschaftlichen Strukturwandel einsetzen. Im einfachsten Fall können zum Beispiel Energieeinsparungen attraktiver gemacht werden, wenn sie sich in Echtzeit in Wert setzen (Belohnungseffekt) und weiterreichen lassen (Markteffekt). Voraussetzung ist, dass die für einen Bezugszeitraum bereitgestellte Energie als Energie-Guthaben auf einem persönlichen kWh-Konto angegeben wird und der Stromzähler den aktuellen Verbrauch regelmäßig an das Konto meldet. Der Kontostand des Energieverbrauchs wird dadurch in Echtzeit einsehbar – und sollte natürlich am besten täglich präsent sein. Sobald nun Energie eingespart wird, kann diese Ersparnis unmittelbar abgerufen und veräußert werden – an jeden anderen Energieverbraucher mit einem Energie-Konto, der die überschüssigen Kilowattstunden selbst gebrauchen oder an Dritte weiterreichen kann.

Besonders interessant ist dieses Modell der „Energy Savings Currency“ für Unternehmensnetzwerke, die ähnlich wie bei den kommerziellen Loyalty-Unternehmen PayBack oder Miles&More einen umfangreichen Markt für die Spar-Kilowattstunden bereitstellen, Kunden binden und darüber hinaus gleichzeitig ihr eigenes Nachhaltigkeitsimage aufbessern können. Mit entsprechender Technologie können natürlich auch Kartensysteme einbezogen werden. Zahlen Sie Ihren Kaffee doch in Zukunft einfach mit Ihren selbst gesparten Kilowattstunden.

Viele Schwalben machen einen Sommer

Einmal medialisiert, können mit den virtuellen Kilowattstunden aber noch viel weitreichendere Effekte erzielt werden. Denn auch das Angebot Erneuerbarer Energien lässt sich damit streuen – und kann mehr Menschen erreichen. Als einspeisender Solardachbesitzer haben Sie nach wie vor den Ruf eines alternativen Individualisten. Klar, denn von Ihrer „Energieproduktion“ und Ihren finanziellen Vorteilen bekommt außer Ihnen ja keiner etwas mit; beim Nachbarn ist alles wie bisher. Was würde passieren, würden die „Produzenten“ erneuerbarer Energie Bezugsscheine für ihre solare Energieernte klein gestückelt unters Volk bringen? In diesem Fall könnten – und müssten – sich Tag für Tag viel mehr Menschen damit auseinandersetzen, angefangen beim Nachbarn. Und sich Tag für Tag für oder gegen die Erneuerbaren entscheiden. Ähnlich wie beim Abgaskatalysator im Auto ist hier der entscheidende Erfolgsfaktor eine möglichst große „gesellschaftliche Oberfläche“, die dadurch viele kleine Einzelreaktionen (Bifurkationen) zur selben Zeit ermöglicht.

Je alltäglicher die Erneuerbaren werden, und je leichter sie erhältlich sind, desto leichter wird der Strukturwandel vonstatten gehen. Bei kleinen Einzelbeträgen spielen auch die Preisdifferenzen nicht mehr länger die Hauptrolle für die Entscheidung, andere Werte können besser wirksam werden. Demnächst könnten Sie vielleicht in Ihrem Biosupermarkt außer zwei Kilo Bio-Kartoffeln und fünf Liter Biomilch auch 10.000 Kilowattstunden Erneuerbarer Energie kaufen – zum Beispiel als Prepaid-Karte. Oder Sie bekommen erneuerbare Kilowattstunden als Rabattpunkte auf Ihre Kundenkarte geladen, die Sie zuhause am eigenen Stromzähler wieder verbrauchen können. Eine Grundvoraussetzung für die meisten dieser Renewable Energy Credit-Systeme ist allerdings, dass der Netzbetreiber als Clearingstelle mitspielt. Wer noch eigene Stadtwerke hat, ist hier klar im Vorteil.

Abbau der Investitionsschwellen

Um die Investition in den Strukturaufbau zu erleichtern gibt z.B. die Kreditanstalt für Wiederaufbau an Privathaushalte für die Errichtung von Solaranlagen niedrig verzinste Kredite heraus. Auch einzelne Geschäftsbanken senken auf diese Weise die Investitionshürden für den Einstieg in Erneuerbare Energien. Genauso gut könnte eine solche Investition, die für die Investoren – z.B. in einer Bürgerbeteiligungsgesellschaft – einen Liquiditätsverzicht bedeutet, durch Ersatzliquidität in Form von handelbaren Kilowattstunden-Optionen bevorteilt werden. Heute emittierte kWh-Credits dürften aufgrund der zu erwartenden Wertsteigerung bis zu ihrem Einlösezeitpunkt hohe Attraktivität genießen und können dadurch als werthaltiges Zahlungsmittel fungieren. Zum Beispiel um die an der Errichtung der Anlage beteiligten Firmen zu bezahlen, die ja selbst kontinuierlich Energie verbrauchen. So wird die zukünftige Kilowattstunde selbst zum Kredit – und die Bürgerbeteiligungsgesellschaft wird zur Dezentralbank.

Leitwährung Kilowattstunde

Der Zusammenhang zwischen Geld und Energie ist nicht zufällig. Schon lange ist der Wert des amerikanischen Dollars unmittelbar vom militärischen abgesicherten Zugriff der USA auf die fossilen Energiereserven abhängig. Mit dem Wandel zu erneuerbaren Energien wird
eine strukturelle Angleichung weiterer gesellschaftlicher Bereiche stattfinden, insbesondere der Ökonomie. Auf der Basis der virtuellen Kilowattstunde ist eine Ausdifferenzierung nachhaltiger, dezentraler monetärer Strukturen keine Utopie mehr. Schon 1975 hat der australische Soziologe und Politikwissenschaftler Shann Turnbull vorausgesagt, dass erneuerbare kWh-Zertifikate als Reservewährung für die Kreditschöpfung fungieren werden. Die virtuelle erneuerbare Kilowattstunde ist der optimale Strukturwandelkatalysator – und
hat das Zeug zur Leitwährung des 21. Jahrhunderts.

Ludwig Schuster, geb. 1975, ist Diplom-Ingenieur (Architektur/Stadtplanung) und Mitbegründer der Agentur für endogene Regionalentwicklung REGIOprojekt e.V. Er entwickelt monetäre Instrumente, Planspiele und Medien für gesellschaftliche Beteiligungsprozesse. Zur Konzeption der Komplementärwährung „REGIOdigits“ auf der Basis erneuerbarer
Energien siehe http://www.regioprojekt.org/regioprojekt/Energie/index_energie.htm

Dieser Aufsatz wurde zuerst veröffentlicht im Schweizer Magazin ZEITPUNKT, Nr. 89.

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